Das Jahr war ein bewegtes für die Rofa-Familie. Im April sah es so aus, als wäre der Standort der legendären Disco gesichert. Im Sommer zeichnete sich ab, dass der Vermieter Max Maier den Vertrag nicht verlängern würde. Der Kampf der Fans begann. Sie suchten das Gespräch mit Maier, organisierten eine Demo, bemühten sich um einen alternativen Standort in Ludwigsburg. Sie protestierten mit 2000 Menschen gegen die Schließung. Sie stießen auf Gegner – und auf viele Befürworter. Die Grünen-Fraktion schlug vor, die Stadt solle die Kultdisco kaufen. Doch alle Vorstöße verliefen im Sand. Nun ist eine Immobilie in Bietigheim im Gespräch. Ob die Rofa hier ein neues Zuhause findet? Noch ist das ungewiss.
Leben und leben lassen
Die 1300 Gäste der Silvesterparty jedenfalls befinden sich in dieser Nacht auf einer Gratwanderung zwischen Trauer und ausgelassener Party. Auf der Tanzfläche im Erdgeschoss headbangen langhaarige Frauen und Männer zu Marilyn Manson und Machine Head. Als gegen halb 5 Uhr morgens „Hotel California“ von den Eagles läuft, fallen sich zahlreiche Rockfans in die Arme.
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Julian sitzt mit zwei Freunden in der Nähe der Bar. Sie kommen regelmäßig zum Feiern in die Rofa. „Es ist schade, dass die Rofa schließt“, sagt Julian. „Es gibt in der Nähe nichts Vergleichbares.“ Das Universum in Stuttgart finden die drei zu klein. „Deshalb hoffen wir inständig, dass es in Bietigheim weitergeht.“
Ein paar Tische weiter wartet Petra aus Ingersheim auf ihre Freundin Birgit. „Ich find’s schön, dass jeder hier herkommen kann, egal wie er aussieht oder wie alt er ist“, sagt sie. In der Tat sind im Rofa-Publikum alle Generationen vertreten. Auch die Einstellung der Rofa-Gänger sagt Petra zu. „Alle sind friedlich, ganz nach dem Motto ‚Leben und leben lassen’“.
Tanzen ohne Belästigung
Im Stockwerk darüber stehen Matze und Marita. Auch ihnen fällt der Abschied von ihrer Stammdiskothek schwer. „Wir haben uns am 3. Oktober 1991 hier kennengelernt“, sagt Matze und lächelt seine Frau an. Marita schätzt, dass sie sich in der Rofa frei bewegen kann. „Ich bin mit 18 als Landei hier angekommen“, sagt sie. In anderen Clubs sei sie beim Tanzen häufig von Männern belästigt worden – in der Rofa sei das so gut wie nie vorgekommen. „Das ist der Unterschied“, sagt Marita. Sie und Matze freuen sich außerdem darüber, dass auch regelmäßig Menschen mit Handicap in die Rofa kommen.
Ein Name fällt an diesem Abend immer wieder. Otto. Gemeint ist Johannes Rossbacher, einer der Rofa-Geschäftsführer. „Er hatte immer ein Auge auf die Leute hier, hat geschaut, dass es allen gut geht“, sagt Matze. Dabei habe Rossbacher so manchem geholfen, nicht auf die schiefe Bahn zu geraten. Ähnliches bekommt Chris Albrecht, ein weiterer Rofa-Geschäftsführer, in dieser Nacht zu hören. „Viele sagen mir: Ihr habt mich erwachsen gemacht“, erzählt Albrecht, als er hinter der Bar steht. „Heute bin ich gefasst“, sagt er. Die Emotionen werden ihn erst am Tag darauf einholen, glaubt er.
Gäste haben Trauerkränze vor der Disco niedergelegt
Draußen vor der Rockfabrik leuchten indes Dutzende rote Grabkerzen. Inmitten des Lichtermeers liegen Trauerkränze, stehen Pappschilder und Kreuze aus Holz. „R.I.P. Rofa“ (lateinisch für „Ruhe in Frieden“) und „Mit dir stirbt ein Teil von mir“, steht auf einem Schild, auf einem anderen: „Metal is my religion. Rofa ist my church. This is where I heal my hurts.“
Am Neujahrsmorgen um 6.30 Uhr verabschieden sich zahlreiche Gäste von Chris Albrecht. „Wie geht es weiter?“, fragen sie. „Wir schreiben auf Facebook“, sagt Albrecht dann zu ihnen, oder: „Ich bin zuversichtlich, dass wir in Bietigheim weitermachen können“ – sichtlich bemüht, positiv zu stimmen. Auch Matze und Marita sagen Tschüss. Als sie Albrecht umarmen, haben beide Tränen in den Augen. So ist es vermutlich ganz in ihrem Sinne, was auf einem der Kreuze vor der Halle steht: „Rock in Peace. Wir hoffen auf die Wiedergeburt an Ostern.“