Der Bungalow in Freiberg (Kreis Ludwigsburg) soll abgerissen werden – es sei denn, der Denkmalschutz widerspricht. Der Architekt Harald Schönbrodt erklärt, warum das Gebäude so besonders und wichtig ist. Ob das für den Status Denkmal reicht, ist jedoch ungewiss – vor allem aus einem Grund.
Man verspürt den Drang, sich Nase und Mund mit dem Hemd zu verdecken, so modrig riecht es im Inneren des Afrikahauses in Freiberg. An einige Wänden sind keine Tapeten mehr, dunkle Flecken auf dem Teppichboden zeugen von Wasserschäden. Ansonsten scheint es, als würde der Afrikahaus-Gründer Artur Benseler immer noch hier leben.
In Benselers Arbeitszimmer stapeln sich Bücher, an der Wand hängt ein Konzertposter aus dem Jahr 1987. Der vergilbte Globus und ein internationaler Führerschein auf dem Schreibtisch erinnern an die Reisen des Abenteurers. Im Afrikahaus ist die Zeit stehen geblieben, gleichzeitig nagt der Zahn der Zeit unaufhörlich am Erbe Artur Benselers.
Revolutionäre Architektur
Seit seinem Tod vor 14 Jahren hat die Stadt Freiberg kaum Geld in das Afrikahaus investiert, nun ist es marode und soll abgerissen werden. Die letzte Chance, das zu verhindern, ist eine Denkmaluntersuchung. Der Freiberger Architekt Harald Schönbrodt erklärt, was das Afrikahaus so besonders macht – Bürgermeister Jan Hambach sieht das anders.
Das Afrikahaus wurde 1970 fertiggestellt und stand damals noch alleinstehend mitten in der Landschaft. „Der Bungalow war wie eine einsame Polarstation“, schwärmt Schönbrodt. Die einstöckige Bauweise mit Flachdach sei damals die erste dieser Art in der gesamten Region gewesen.
Die Polarstation mitten in Freiberg im Winter 1970/1971. Foto: Emanuel Hege
Durch Flachdachfenster fällt Tageslicht durch Schächte in das Hausinnere. Die große, abgewinkelte Glasfassade im Wohnzimmer und der offene Grundriss sei damals revolutionär gewesen. „In den 1970er Jahren waren Häuser noch verschachtelt, das Afrikahaus war etwas ganz Neues“, sagt Schönbrodt, der fünf Jahre für die Grünen im Gemeinderat saß und sich in der Vergangenheit bereits für die Erhaltung der drei Grundschulen in Freiberg starkgemacht hat.
Wirklich besonders und schützenswert sei jedoch das Gesamtensemble aus Haus, Kunst und Garten. Artur Benseler hatte das Grundstück nach dem Vorbild eines Umutsi geplant – eine traditionelle und kreisförmig angelegte Siedlungsform, die der Abenteurer im südlichen Afrika kennenlernte. Seine Erinnerungen an diese lebendigen Dörfer seien in das Haus und die Gartenanlage geflossen, sagt Marc Benseler, Neffe und Nachlassverwalter Artur Benselers.
Er war dabei, als die Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege vergangene Woche das Haus inspizierten. „Sie haben sich wirklich viel Zeit gelassen und alles genau notiert“, sagt Marc Benseler. Die Aufzeichnungen würden in den kommenden Wochen in einem 20-köpfigen Gremium untersucht, ein Ergebnis der Denkmaluntersuchung erwartet er in rund zwei Monaten.
Eine Prognose, ob es für den Status eines Denkmals reicht, wollen Marc Benseler und Harald Schönbrodt nicht abgeben. Ein Fachwerkhaus habe jedenfalls bessere Chancen als ein 50 Jahre alter Bungalow, sagt Schönbrodt und ergänzt: „Ich hoffe aber, dass die Prüfer das Alleinstellungsmerkmal der gesamten Anlage erkennen.“
Darum könnte der Denkmalschutz scheitern
Auch Jan Hambach ist gespannt auf die Ergebnisse. Der Freiberger Bürgermeister erkennt laut eigener Aussage kein außerordentliches Alleinstellungsmerkmal, das für ein Denkmal sprechen würde. Ja, das Afrikahaus sei der erste Bungalow dieser Art in der Umgebung gewesen, sagt Hambach – danach seien aber viele weitere gebaut worden.
Dem Denkmalschutz stehe zudem ein wichtiges Detail im Wege: 1994 baute Benseler mithilfe der Stadt einen Neubau seinen Bungalow an. Eine Ausstellungsfläche im Souterrain mit einem prägnanten Glasdach. Dieser moderne Teil des Afrikahauses könnte dem Denkmalschutz entscheidend im Wege stehen, sagt Hambach.
Dass der junge Bürgermeister auf einen negativen Bescheid hofft, ist kein Geheimnis. „Falls das Haus unter Denkmalschutz gestellt wird, stecken wir in einer Sackgasse.“ Es fehle Geld für eine Sanierung, das Haus würde weiter vor sich hin modern, prognostiziert Hambach.
Marc Benseler und Harald Schönbrodt sehen im Denkmalschutz derweil eine Chance. Es könnte ein Ruck durch die Verwaltung und die Bürgerschaft gehen, dass man nach all den Jahren der Untätigkeit endlich gemeinsam handeln müsse. „Hier kann man noch so viel draus machen, ein Café eröffnen, einen Veranstaltungsort gründen und Seminarräume einrichten.“ Die Kosten für eine Sanierung würden sich laut Schönbrodts Untersuchungen nur auf rund ein Drittel dessen belaufen, was die Stadt befürchtet.
Die Botschaft: Es ist noch alles drin fürs Afrikahaus. Die Frage: Haben Stadt und Bürgerschaft schon zu viele Chancen verstreichen lassen, Benselers Erbe neu zu beleben – ist die Zeit des Afrikahauses abgelaufen?
Das soll mit dem Afrikahaus passieren
Aktueller Plan Ende September hat der Freiberger Gemeinderat den folgenden Plan beschlossen: Das Grundstück des Afrikahauses wird verkauft, um darauf ein Wohnhaus zu bauen. Mit dem Erlös wird einerseits die Kunstsammlung Artur Benselers restauriert, andererseits ein neues Afrikamuseum im neuen Freiberger Zentrum gebaut. Wann das neue Zentrum und das Museum gebaut werden soll, ist jedoch völlig ungewiss.
Kritik Die Bürgerinitiative Pro Afrikahaus sowie der Architekt Harald Schönbrodt und der Nachlassverwalter Marc Benseler kritisieren diesen Plan. Die Ausstellung der afrikanischen Kunst funktioniere nur in Zusammenhang mit Artur Benselers Haus und der Gartenanlage. Die Ausstellung verliere den entscheidenden Draht zu ihrem Gründer und damit ihre Bedeutung, sagt Neffe Marc Benseler.