Letzter Roman von Siegfried Lenz Der Fluch der guten Tat

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Ein bisher unbekannter Roman von Siegfried Lenz aus seinem in Marbach verwahrten Nachlass wird als Sensation gefeiert. Was hat er uns heute noch zu sagen?

Siegfried Lenz pflegte viele Leidenschaften und manches Geheimnis, unter anderem das eines unveröffentlichten Romanmanuskripts. . Foto: picture-alliance
Siegfried Lenz pflegte viele Leidenschaften und manches Geheimnis, unter anderem das eines unveröffentlichten Romanmanuskripts. . Foto: picture-alliance

Stuttgart - Im Herbst 2014 reiste Siegfried Lenz nach Marbach, um die letzten Regelungen für seine Unsterblichkeit zu treffen. Er vermachte dem Deutschen Literaturarchiv seinen Nachlass. Aber wer hätte gedacht, dass sich darin ein kompletter, noch unveröffentlichter Roman des im letzten Jahr gestorbenen Autors finden würde. Ein kapitaler Fang, wie man in der Anglersprache sagen könnte, die vermutlich kaum einer so perfekt beherrschte wie der passionierte Freizeitfischer, der in diesem – seinem wie man nun weiß zweiten – Buch in einem Kapitel ausführlich den vergeblichen Versuch beschreibt, einen widerspenstigen Hecht an Land zu ziehen.

Wie es zuging, dass Lenz‘ 1951 entstandener Roman aus dem Element des Privaten erst jetzt ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden konnte, ist eine Geschichte für sich, die freilich aufs Engste mit dem zusammenhängt, was der junge Autor, der ein Jahr zuvor mit dem Roman „Es waren Habichte in der Luft“ erfolgreich debütiert hatte, hier erzählt. Denn offenbar war das junge alte Adenauer-Deutschland noch nicht reif für einen Roman, in dem die Gewissensnöte und -gebote eines Soldaten beschrieben werden, der in den letzten Kriegsmonaten die Seiten wechselte, um der „abscheulichen Klicke“ eine Ende zu bereiten, die die Welt mit Krieg und Vernichtung überzogen hat.

Lenz beugte sich den Einwänden seines Lektors nicht

Nun endlich kann man lesen, was Lenz‘ Lektor Otto Görner beim Hofmann & Campe Verlag nach anfänglicher Begeisterung brüsk zurückweisen zu müssen glaubte: „Sie können sich maßlos schaden, da helfen ihnen auch ihre guten Beziehungen zu Presse und Funk nicht“, beschied er dem eben gestarteten 25-jährigen Jungautor, der bei der Tageszeitung „Die Welt“ volontiert hatte. „Der Roman müsste tatsächlich den Titel ,Der Überläufer‘ tragen – und das wäre unmöglich. So ein Roman hätte 1946 erscheinen können. Heute will es bekanntlich keiner mehr gewesen sein.“ So der Lektor, dessen Änderungswünsche vor der ideologischen Mobilmachung des heraufziehenden Kalten Kriegs in die Knie gingen und der als einstiges Mitglied der SS wohl wusste, wie es sich damit lebt, es nicht gewesen sein zu wollen.

Lenz blieb unbeugsam. Er hatte den Roman bereits einer zweiten Bearbeitung unterzogen, einzelne Kapitel hinzugefügt, und den ursprünglichen Arbeitstitel „. . . da gibt’s ein Wiedersehen“ durch „Der Überläufer“ ersetzt. Den Roman, den sich der Lektor wünschte, wollte er nicht schreiben. Er zog es vor, sein Manuskript für sich zu behalten, die Arbeit, wie er in einem noblen Antwortbrief schrieb, als „unerlässliche Übung“ anzusehen. Und während ihm vier Jahre später mit den Geschichten aus seiner masurischen Heimat „So zärtlich war Suleyken“ ein erster Bestseller-Erfolg beschieden war, er sich später mit Erzählungen wie das „Feuerschiff“ oder dem Roman „Die Deutschstunde“ in den Kanon einschrieb und dank der Lehrpläne und zahlreicher Verfilmungen zu dem deutschen Autor mit der vielleicht größten Breitenwirkung heranreifte, schlummerte sein „Überläufer“ vor sich hin. Bis er nun beglückten Archivaren bei ihrer Jagd im Nachlass an die Angel ging.

Kujoniert von einer Schnapsdrossel

Auch posthum erfreut sich der Autor offenbar bester Beziehungen zur Presse. Unbeirrt von Sperrfristen feiern bereits seit der letzten Woche mehrere Zeitungen den Roman, der ursprünglich erst an diesem Donnerstag erscheinen sollte. Der ungewöhnliche Umstand, dass ein komplettes, neues Werk eines modernen Klassikers das Licht der Welt erblickt, mag diese Ungeduld entschuldigen. Und doch sollte man sich über der allgemeinen Euphorie nicht von einer genauen Lektüre abhalten lassen. Denn möglicherweise gehört es zur Tragik dieses Romans, dass sich seine Bedeutung nur aus jener historischen Situation erhellt, aus der ihn der zeitverhaftete Kleinmut seines Verlags katapultiert hat. Anders ausgedrückt: dass er seiner Zeit mehr zu sagen gehabt hätte als nun 64 Jahre später.

Man betritt diesen um seine Wirkungsgeschichte geprellten Roman wie ein Haus, das nie bewohnt war, und über dessen historisches Interieur sich die Spinnweben gelegt haben. Lenz erzählt die Geschichte des jungen Soldaten Walter Proska, der wie der Autor aus dem masurischen Lyck stammt. Im letzten Kriegssommer gerät er nach einem Heimaturlaub in einen Hinterhalt von Partisanen, überlebt und wird zu einer versprengten Einheit der Wehrmacht verschlagen, die auf verlorenem Posten, kommandiert und kujoniert von einer unmenschlichen Schnapsdrossel namens Stehauf, die Bahnlinie gegen die vorrückende Rote Armee verteidigen soll.




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