Letztes Album der Toten Hosen War’s das jetzt, Campino?

Campino war ein letztes Mal mit seiner Band im Studio. Foto: Donata Wenders

Nach fast 45 Jahren blickt Campino zurück: Auf den Wahnsinn der wilden Jahre – und Erinnerungen an Stuttgarter Konzerte. Was bleibt, wenn die Toten Hosen leise Servus sagen?

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Düsseldorf Anfang Mai. In der Schaltzentrale der Toten Hosen lädt Campino keine zwei Handvoll Journalisten zu persönlichen, langen Gesprächen. An der Wand ein Plakat der Damenwahl-Tour, Schwarz-Weiß-Fotografien schön gerahmt von Menschen, die sich auf dem Weg verabschiedet haben wie etwa der Schlagzeuger Wölli oder der Manager. Aber auch: Babyglückwunschkarten. 44 Jahre sind eine lange Zeit. Jetzt erscheint das letzte Studioalbum der Toten Hosen.

 

Campino, wir müssen reden. War’s das jetzt?

Dies ist unser letztes reguläres Studioalbum. Wir haben das ganz bewusst so formuliert. Damit meinen wir diese Art von Platte, die aus unserer eigenen Motivation heraus entsteht – also dieses Bedürfnis, unser Leben zu reflektieren, fast wie in einem Tagebuch, musikalisch festgehalten. Das haben wir über viele Jahre gemacht, immer wieder, und ich habe das Gefühl, das ist jetzt zu Ende erzählt. Ich schließe nicht aus, dass wir nochmal Musik machen – wenn ein besonderer Anlass kommt, ein Filmprojekt zum Beispiel oder ein einzelnes Lied, das uns wichtig ist. Aber ein komplettes Album aus einem inneren Bedürfnis heraus – das sehe ich nicht mehr.

Das klingt nach einem bewussten Abschied.

Es ist eher ein langsamer Rückzug. Nach 45 Jahren fällt man so eine Entscheidung nicht leicht. Wir haben uns ganz bewusst für bestimmte Schritte entschieden. Unser Abschiedskonzert in Argentinien im Oktober ist so ein Beispiel. Wir haben dort 19 Tourneen gespielt, das Land bedeutet uns unglaublich viel. Es wird uns schwerfallen, dort aufzuhören. Aber gleichzeitig ist es auch ein gutes Gefühl, zu wissen: Wir gehen da nochmal voller Kraft hin und geben alles, was wir haben. Das ist ein schöner Gedanke.

Wer hat wann zum ersten Mal geäußert: das war es jetzt.

Einen klaren Moment gab es nicht. Diese Frage begleitet uns ja schon seit Jahrzehnten. Immer wieder hieß es: „Wie lange wollt Ihr das noch machen?“. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass wir bei „Laune der Natur“ alle noch das Gefühl hatten: Dies ist noch nicht das Ende. Damals haben wir sogar Ideen bewusst zurückgelegt nach dem Motto: Das nehmen wir uns das nächste Mal vor. Jetzt war das anders. Da gab es die klare Ansage: Wer auch immer noch eine Idee einbringen will, der sollte es bei dieser Session tun. Danach ist es vorbei.

Fühlt sich das an wie Abschiednehmen?

Noch nicht, weil es noch so viel zu tun gibt. Wir können den Abschied noch etwas üben. Von heute auf morgen den Stecker rauszuziehen, wäre unangenehm. Das Ende der Konzertreisen ist noch nicht ausformuliert. Ein bisschen geht da noch. Aber was die Studioaufnahmen angeht, haben wir den Zyklus gut zu Ende bekommen. Das war ein Versuch, in voller Stärke aufzulaufen. Wir haben das auch als Motivation gesehen. Ich hatte mir das im Vorfeld ehrlicherweise ein bisschen schöner vorgestellt. Ich dachte, man geht ins Studio, freut sich auf dieses letzte gemeinsame Projekt, genießt jeden Moment. Aber so war es natürlich nicht. Es war wie immer harte Arbeit, aber mit dem Bewusstsein sich genau zu überlegen, was wir unbedingt noch sagen wollten.

Die Toten Hosen im Jahr 2026, kurz vor Veröffentlichung ihres letzten Studioalbums. Foto: Donata Wenders

Wenn Sie auf all die Jahre zurückblicken, was bleibt?

Dankbarkeit. Dass ich dieses Leben mit den anderen führen durfte. Dass wir zusammen die halbe Welt kennengelernt haben, viele Orte, an die wir sonst nie gekommen wären, wenn es nicht mit dieser Band gewesen wäre. Argentinien, Tadschikistan oder Myanmar etwa. Das erfüllt mich mit Freude. In allererster Linie ging es mir immer um Begegnungen– die Menschen, die wir kennengelernt haben, die Freundschaften, die entstanden sind. Die Konzerte selbst waren für mich eher ein Mittel zum Zweck.

Gab es für Sie so etwas wie eine beste Zeit?

Die letzten 13 Jahre waren schon sehr besonders. Wir haben auch Schweres durchleben müssen. Wir sind enger zusammengerückt, haben unser Glück viel mehr gewürdigt. Auch dass es nach dem Tod unseres Managers so weiterging. Eine aufregende Zeit waren auch die Jahre zwischen 1987 und 1997 – es war einfach wild. Der pure Größenwahn, Leichtigkeit und Chaos. Alles schien von selbst zu gehen. Dass das irgendwann seinen Preis haben würde, war uns damals nicht klar. Da war Saus und Braus angesagt.

„Am Ende war das Leben gut zu uns“ heißt es in „Augen zu“, ein Abschiedssong.

Solche Lieder entstehen aus persönlichen Erfahrungen. Ich weiß genau, um welchen Menschen es da ging. Aber solche Lieder sind nicht als Selbsttherapie gedacht. Es geht nicht darum, mein Innenleben auszubreiten. Wichtig ist, dass andere Menschen sich darin wiederfinden. Dass jemand einen Song hört und denkt: „Das Gefühl kenne ich.“ Wenn das passiert, dann hat der Song seinen Zweck erfüllt. In diesem Stück ist das der Moment des Abschieds, wenn beide Seiten wissen, dass man sich zum letzten Mal sieht. Das haben bestimmt viele in meinem Alter schon erlebt. Da geht es auch um unseren alten Schlagzeuger Wölli, den wir in der Zeit vor seinem Tod oft besucht haben. Er hat damals zu uns gesagt: „Ich bin dankbar, hatte die beste Zeit mit Euch. Alles ist okay.“

Wissen Sie, wie viele Lieder Sie geschrieben haben?

Da kommt was zusammen. Vielleicht so 300, 400? Ich habe Musik immer geliebt. Auch die Songs anderer zu covern.

Spielen Sie heute alle Songs noch gerne?

Nicht jeden. Es gibt viele Lieder, die sind nicht mehr aktuell. Die passen nicht mehr zu uns. Und dann gibt es andere, die funktionieren noch – entweder, weil sie thematisch zeitlos sind oder weil man sie mit einem gewissen Augenzwinkern spielen kann. „Reisefieber“ etwa, diese Sehnsucht können wir heute als Ü-60-Typen immer noch ausdrücken. Und dann gibt es Songs die zu ihrer Zeit genau richtig waren, aber später an Kraft verlieren. „Sascha“ ist so ein Beispiel. Damals war das ein sehr präziser Angriff gegen Rechtsaußen und er hatte seine Wirkung. Aber über die Jahre hat sich der Kontext verändert. Andere Songs wie „Willkommen in Deutschland“ haben das besser überstanden.

Sie schreiben seit den Achtzigern Tagebuch. Warum?

Es hilft mir, mich zu erinnern. Aber wenn es etwas Brisantes darin beschreibt, dann habe ich das so codiert, dass nur ich es erkennen kann. Wenn du mich fragst, wo ich vor fünf Wochen war, müsste ich lange überlegen. Aber mit dem Tagebuch kann ich das schnell rekonstruieren. Oft stehen da nur nüchterne Dinge drin – Termine, Orte – aber das reicht, um die Erinnerung wieder wachzurufen. Und irgendwann stellt sich die Frage: Ich habe das nun 40 Jahre lang gemacht, warum sollte ich jetzt damit aufhören?

Mit „Düsseldorf“ gibt es eine Hymne an die Heimatstadt. War die längst überfällig?

Wir haben das in all den Jahren eigentlich nie so klar ausgedrückt. Es ist einfach eine Liebeserklärung an die Stadt, ohne großen Anspruch, dass das jetzt jeder nachvollziehen muss. Für uns war es wichtig, das muss reichen. Und wahrscheinlich hätten wir das auch wieder verschoben – auf ein nächstes Album. Aber dieses Mal gab es eben dieses Gefühl: Jetzt oder nie.

Ihr Verhältnis zur Heimat hat sich ja auch verändert, oder?

Ich war immer viel in der Welt unterwegs. Berlin war nie eine Option als Heimat, auch wenn mein Sohn dort geboren und großgezogen wurde und ich viel Zeit dort verbracht habe. Und auch meine Eltern liegen dort auf dem Friedhof. England ist ebenso ein Teil von mir, klar. Aber dieses Gefühl von Zuhause – das habe ich immer stärker in Düsseldorf. Das ist kein abstraktes Empfinden, sondern ganz konkret: die Straßen, die Menschen, die Sprache, die Begegnungen. Diese Gewissheit zuhause zu sein, die spielt sich in Düsseldorf ab. Hier ist meine Lebensbasis.

Gibt es etwas, das Ihnen Angst macht?

Angst ist vielleicht kurzfristig eine gesunde Emotion, ein Warnsignal, um aufmerksam zu werden, aber als Grundgefühl ist sie nicht gut. Ich versuche, mich auf die Dinge zu konzentrieren, die Hoffnung versprechen oder positiv sind. Sorge bereitet mir die politische Situation, dass wir von einem – Entschuldigung – Schwachkopf mit viel Macht vor uns hergetrieben werden. Das beunruhigt mich. Aber die Welt hat schon Schlimmeres überstanden, und auch wir in Europa hatten schon viel schwierigere Zeiten. Die Menschen, die das erlebt haben und uns warnen könnten, sterben leider immer mehr aus. Aber der Lauf der Dinge ließ sich noch nie aufhalten, auch nicht von einem Trump. Auch er wird überlebt werden.

Das macht wiederum Hoffnung.

Ja, vielleicht ist das das Gute daran, dass die Dinge nicht unendlich sind.

Sie blicken in einem neuen Song ironisch auf das Dinner mit König Charles zurück.

Ich möchte niemanden mit meiner Meinung zum britischen Königshaus missionieren. Die Geschichte zwischen Deutschland und Großbritannien spielt sich mein ganzes Leben lang in mir ab. Ich bin das Produkt dieser Begegnung einer Engländerin und eines Deutschen. Deshalb nehme ich das alles sehr ernst. Aber ich glaube, dass man in Deutschland das britische Königshaus oft belächelt und es als Touristenattraktion abtut, ohne seine Relevanz zu erkennen. Das stimmt aber nicht ganz. Wenn man sieht, wie König Charles vor dem amerikanischen Kongress gesprochen hat und auch das, was er bei diesem Dinner mit Trump gesagt hat, kann man erkennen, was für eine wichtige Rolle er übernehmen kann.

In „Glück“ singen Sie von Ihrer Liebe zu Ihrem Sohn, und der Song hat die Qualität von „Liebe ohne Leiden“ von Udo Jürgens.

Es geht darum, dass jemand erwachsen wird, der doch eigentlich noch vor ein paar Tagen ein Kind war. Und dass wir von unseren Kindern mehr lernen als sie von uns. Wir glauben immer, Erziehung sei eine Einbahnstraße, und dass wir sie aufs Leben vorbereiten. Aber wir lernen auf schöne Art und Weise mindestens genauso viel von ihnen. Deshalb ist es vielleicht an der Zeit zu sagen: „Wenn bei der Erziehung etwas schiefgelaufen ist, tut mir leid, ich wusste es nicht besser.“

Sie beschreiben, dass Erinnerungen mit der Zeit verschwimmen. Wie erinnern Sie sich an Stuttgart im Lauf der Jahre?

Wir hatten immer ein großartiges Verhältnis zu Stuttgart. Ich erinnere mich an die Mausefalle mit meiner ersten Band ZK. Das war ein Striptease-Laden, in dem ab und zu auch Konzerte stattfanden. Dort habe ich erste Kontakte zur Stuttgarter Punkszene geknüpft. Nach den Konzerten hing man immer noch in der Kneipe herum, trank etwas und lernte sich kennen. Ich erinnere mich außerdem vage an ein wildes Konzert in der Feuerwache, das gestürmt wurde, weil es ausverkauft war. Das hat uns heimlich gefreut. Und natürlich all die Konzerte in der Schleyerhalle. Ich kann mich nicht an einen Abend in Stuttgart erinnern, an dem es ein Gefühl der Fremdheit oder Sättigung zwischen Publikum und uns gab.

Und dann zum zweiten Album, dem Bonusalbum. Alte Heldinnen und Helden sind dabei: New Model Army, Marteria, Alphaville, The Specials und Vicky Leandros mit „Ich liebe das Leben“.

Es gibt Songs, die sind jenseits von Gut und Böse. „Ich liebe das Leben“ ist so einer. Da geht jedem irgendwie das Herz auf. So kam das. Das Schlimme an diesem Album ist, dass wir ständig daran denken, wen wir alles vergessen haben. So eine Platte könnten wir alle 14 Tage aufnehmen. Jedes Lied darauf hat seine eigene Geschichte, und es waren viele tolle Begegnungen dabei, die uns etwas bedeuten. Jürgen Engler von den Krupps einzuladen, um mit ihm „Ampelstadt“ zu spielen, ist zum Beispiel toll. Für mich persönlich bedeutet das vielleicht mehr als für den Hörer. Jürgen und ich waren ein paar Jahre lang Freunde. Wir haben uns den Proberaum geteilt, Konzerte miteinander gespielt, das ganze Programm. Ich bin oft auf die Bühne zu ihnen gegangen und habe „Ampelstadt“ mitgesungen. 1978, als ich selbst noch in keiner Band war, saß ich öfters bei Male im Proberaum rum. Er war im Keller des örtlichen Schallplattenladens „Rock On“ eingerichtet. Und wenn die Probe zu Ende war, sagte Jürgen: „Campi, komm ans Mikrofon, lass uns noch ein paar Lieder aus London singen.“ Und dann haben wir Lieder von den Lurkers und den Boys gespielt. Das war meine erste Erfahrung mit einer Band am Mikrofon zu stehen und zu singen. Das war eine Leitersprosse, ohne die ich vielleicht gar nicht in dieses Leben gerutscht wäre. Das fällt mir erst jetzt auf: Ohne diese Sessions mit Jürgen wäre ich vielleicht gar nicht Sänger geworden.

Die Toten Hosen

Campino,
63 Jahre alt, bürgerlich Andreas Frege, ist Sänger der Düsseldorfer Band Die Toten Hosen. Seine Mutter war Engländerin, sein Vater Deutscher. Seine Biografie „Hope Street“ (Piper-Verlag) ist vor sechs Jahren erschienen.

Die Toten Hosen
veröffentlichen am 29. Mai mit „Trink aus, wir müssen gehen“ ihr letztes Studioalbum. Außerdem erscheint das Bonus-Album „Alles muss raus“ mit Gästen wie Marteria, Vicky Leandros, Thees Uhlmann.

Die Doku Die Toten Hosen – Das letzte Album: die Doku über Die Toten Hosen und ihr finales Studio-Kapitel ist ab 20. Mai 2026 in der ARD-Mediathek und am 23. Mai im Ersten zu sehen. Der Film bietet seltene Einblicke in das Innenleben der Band.

Tournee Im Sommer 2026 spielt die Band ihre „Trink Aus! Wir Müssen Gehen“-Tour 2026. Fast alle Termine sind ausverkauft. Am 13. Juni gastiert die Band auf dem Cannstatter Wasen. www.dth.de

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