Leuchtenhersteller aus Villingen LBBW leuchtet Hess-Pleite neu aus

Im Visier der Staatsanwaltschaft und des Insolvenzverwalters: Hess-Vorstand Christoph Hess, der Enkel des Gründers. Foto: dpa
Im Visier der Staatsanwaltschaft und des Insolvenzverwalters: Hess-Vorstand Christoph Hess, der Enkel des Gründers. Foto: dpa

Es ist ein weiteres Kapitel in einem schier endlosen Wirtschaftskrimi, das am Freitag mit einer Verhandlung am Landgericht Konstanz aufgeschlagen wird. Es geht um viel Geld, die Landesbank Baden-Württemberg und die Pleite des Leuchtenherstellers Hess.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)
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Stuttgart - Es ist ein weiteres Kapitel in einem schier endlosen Wirtschaftskrimi, das am nächsten Freitag mit einer Verhandlung am Landgericht Konstanz aufgeschlagen wird. Kläger vor der zweiten Zivilkammer sind zwei Geldanleger, die auf Aktien des Villinger Leuchtenherstellers Hess AG gesetzt haben. Doch statt wie erhofft an der erfreulichen Entwicklung des Traditionsunternehmens teilzuhaben, erlebten sie eine böse Überraschung: Schon vier Monate nach dem Börsengang im Oktober 2012 meldete Hess aus scheinbar heiterem Himmel Insolvenz an, die Kurse stürzten ins Bodenlose.

Beklagte in dem Verfahren sind die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und das Bankhaus M. M. Warburg, die die Firma einst an die Börse begleitet haben. Sie sollen Schadenersatz zahlen, weil sie die Lage von Hess im Börsenprospekt nicht zutreffend dargestellt hätten; Prospekthaftung nennt man das. Es gehe um „geringere Beträge“, sagt ein Gerichtssprecher, ohne diese zu beziffern. Doch geschädigt fühlen sich weitaus mehr Investoren, insgesamt um viele Millionen Euro.

Für die Landesbank ist die Sache klar: Klagen wegen möglicher Prospekthaftung, sagt ein Sprecher, „halten wir für unbegründet“. Auch bei einer eingehenden internen Prüfung hätten sich „keinerlei Hinweise“ ergeben, dass die LBBW die bei Börsengängen üblichen Sorgfaltspflichten verletzt habe. „Sollten die im Raume stehenden Vorwürfe sich bewahrheiten“, sei auch die Bank getäuscht worden und habe daher, wie vor Monaten mitgeteilt, Strafanzeige erstattet. Im Übrigen habe man bereits im vorigen Sommer die Konsequenz gezogen, nur noch solche Unternehmen an die Börse zu begleiten, bei denen die LBBW – anders als bei Hess – langjährige Hausbank sei.

„Im Raume“ stehen Vorwürfe vor allem gegen die einstigen Hess-Vorstände Christoph Hess, den Enkel des Firmengründers, und Peter Ziegler, zuständig für Finanzen. Sie waren im Januar 2013 Knall auf Fall entlassen worden, nachdem der von einem internen Hinweisgeber alarmierte Aufsichtsrat angebliche Bilanzmanipulationen entdeckt hatte. Gegen sie (und gut ein Dutzend weitere Beschuldigte) ermittelt die Staatsanwaltschaft Mannheim wegen des Verdachts auf Bilanzfälschung, Anlagebetrug und Insolvenzdelikten. Als Hauptverantwortliche erscheinen sie auch in der Darstellung des Insolvenzverwalters Volker Grub, der die Hess-Bilanzen gleich für mehrere Jahre um Millionenbeträge korrigieren ließ; Scheingeschäfte und andere dubiose Praktiken will er aufgedeckt haben. Die Schurkenrollen sind in der öffentlichen Wahrnehmung somit klar besetzt: mit Hess und Ziegler.

Ist die Hess AG Opfer einer feindlichen Übernahme?

Immer wieder kursierten in Villingen-Schwenningen zwar Gerüchte, vielleicht sei auch alles ganz anders gewesen. Womöglich sei die Hess AG das Opfer einer raffiniert angelegten feindlichen Übernahme in der Lichtbranche geworden: Waren es nicht Holländer, nämlich die HPE (Holland Private Equity) als Großaktionär, die die Insolvenz auslösten, wird dann gefragt? Und seien es nicht wiederum Holländer, die von der Übernahme des Geschäftsbetriebes samt 180 Mitarbeitern durch die Firma Nordeon profitierten? Aber solche Mutmaßungen wurden stets als Verschwörungstheorien abgetan, die von interessierter Seite – etwa aus dem Umfeld der Familie Hess – gestreut würden.

Nun aber hinterfragt ein Akteur, der sich ausdrücklich als neutral bezeichnet, die bisherige Sicht der Dinge: die Landesbank Baden-Württemberg. In einem Schriftsatz für das Konstanzer Verfahren, der der Stuttgarter Zeitung vorliegt, thematisieren die LBBW-Anwälte diverse Merkwürdigkeiten, rücken zentrale Beteiligte in ein neues Licht und relativieren vermeintliche Gewissheiten. Auch wenn einiges in ihrer Stellungnahme prozesstaktisch motiviert sein dürfte: Wer Schurke und wer Held ist im Drama um Hess, erscheint nach Lektüre der knapp vierzig Seiten plötzlich nicht mehr so eindeutig. Offiziell schlägt sich die Landesbank zwar auf keine Seite, wie ihre Juristen betonen, weder auf die von Hess und Ziegler noch auf die von Grub und HPE. Aber Christoph Hess steht ihr in dem Verfahren – vermutlich ungefragt – als „Streithelfer“ zur Seite. So nennt man es, wenn jemand sich an einem fremden Zivilprozess beteiligt, weil er am Sieg der unterstützten Partei ein eigenes rechtliches Interesse hat.

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