Leuchtturmprojekt Neue Weststadt Aus Sonnenenergie wird Wasserstoff

Von  

Dank moderner Technik soll die Neue Weststadt in Esslingen ein klimaneutrales Stadtquartier werden. Dafür gibt es viel Geld aus Berlin.

Die Neue Weststadt in Esslingen wird zum ökologischen Vorzeigeprojekt. Der Bund beteiligt sich mit 12,5 Millionen Euro. Foto: Horst Rudel
Die Neue Weststadt in Esslingen wird zum ökologischen Vorzeigeprojekt. Der Bund beteiligt sich mit 12,5 Millionen Euro. Foto: Horst Rudel

Esslingen - Das Ziel ist ehrgeizig: Bis zum Jahr 2050 sollen laut dem Klimaschutzplan alle Menschen in Deutschland klimaneutral wohnen. Es soll also nicht nur der Bedarf an Wärme und Warmwasser, sondern auch der Stromverbrauch durch die in den jeweiligen Stadtquartieren produzierten erneuerbaren Energien gedeckt werden.

Esslingen will auf diesem schwierigen Weg eine Vorreiterrolle übernehmen. In der Neuen Weststadt – auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs – soll in den kommenden Jahren als bundesweites Leuchtturmprojekt ein klimaneutrales Stadtquartier entstehen. Auf einer Geschossfläche von 100 000 Quadratmetern will die Stadt mit dem Energieanbieter Polarstern, den Stadtwerken Esslingen und wissenschaftlich begleitet vom Professor Norbert Fisch ein Stadtquartier der Zukunft bauen – mit mehr als 600 Wohnungen, Büro- und Gewerbeflächen und der neuen Hochschule. Dazu haben die Partner nun die Green Hydrogen Esslingen Gesellschaft gegründet.

Esslingen ist eine von fünf Modellkommunen

Im Rahmen des Förderschwerpunktes „Solares Bauen/Energieeffiziente Stadt“ der Bundesministerien für Wirtschaft und Forschung ist Esslingen neben Heide, Zwickau, Kaiserslautern und Oldenburg als eine von fünf Modellkommunen ausgewählt worden. Die Stadt erhält aus Berlin für das Projekt die Hälfte der voraussichtlich als Anschubfinanzierung benötigten 25 Millionen Euro. Das Grundproblem der Solarenergie, erläutert Norbert Fisch, liege darin, dass es im Sommer zu viel Energie gebe – und im Winter zu wenig.

Um dieses Problems Herr zu werden, soll unterhalb des zukünftigen Stadtplatzes in der Neuen Weststadt ein so genannter Elektrolyseur selbst erzeugter Solarstrom und regionale und überregionale erneuerbare Energien in Wasserstoff verwandeln. Die bei diesem Prozess entstehende Wärme wiederum soll mit Hilfe eines Nahwärmenetzes im Quartier genutzt werden. Ein geringer Teil des Wasserstoffs wird in einem der Blockheizkraftwerke rückverstromt. Auf diese Weise wird die in der Neuen Weststadt zu gewinnende Energie nach heutigem Wissensstand bestmöglich genutzt. Ein energieautarkes Stadtviertel bleibt indes noch Zukunftsmusik. Auch in der Weststadt werden 50 Prozent der benötigten Energie aus Windkraft und Photovoltaikanlagen aus dem Umland kommen. Die klimaneutrale Bilanz ist also nur Dank der Wasserstoffgewinnung möglich.

Der Wasserstoff soll an Tankstellen verkauft werden.

Die Umwandlung von Sonnenenergie in Wasserstoff, der dann wiederum an Tankstellen in der Umgebung und an die Industrie verkauft werden soll, wird also für eine ausgeglichene Klimabilanz der Neuen Weststadt sorgen. Davon sind Norbert Fisch und der Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger überzeugt.

Täglich, so die Prognose von Norbert Fisch, werden in der Neuen Weststadt 400 Kilogramm Wasserstoff produziert werden können. Das sei eine Menge, mit deren Hilfe 400 wasserstoffangetriebene Autos 100 Kilometer fahren könnten, macht er den Umfang anschaulich. Das Besondere an dem Esslinger Ansatz ist, dass zwischen der auf und in einem Gebäude produzierten Energie und der Mobilität ein Zusammenhang geschaffen wird.

Bei wem die Green Hydrogen Esslingen den Elektrolyseur bestellen will, ist noch offen. In Deutschland gibt es keine Firmen, die solche Geräte in der in Esslingen benötigten Größe herstellen. Möglicherweise werde man den Elektrolyseur in Belgien ordern. Seine Arbeit könne er, wenn alle Vorbereitungen und Genehmigungsverfahren in der prognostizierten Zeit abgeschlossen sind, voraussichtlich im Herbst 2020 aufnehmen. Besonders erfreulich für die Bewohner der Weststadt: Der dort produzierte Strom, so kündigt es Florian Henle von der Firma Polarstern an, soll auch nach der vom Bund und von der Stadt subventionierten Anfangsphase deutlich günstiger sein als vergleichbarer Normalstrom. „Der Preisunterschied kann nach unseren Berechnungen bei rund 20 Prozent liegen“, sagt Henle. Auch die Versorgungssicherheit sei gewährleistet. Natürlich gebe es Auffanglösungen in Form von Blockheizkraftwerken, wenn in der Pilotphase unerwartete Probleme auftauchen sollten. Henle: „Wir garantieren unseren Nutzern Wärme und warmes Wasser – und wir werden auch liefern.“

Jürgen Zieger freut sich über die Förderzusage aus Berlin und über den nächsten Schritt. „Die Gründung der Green Hydrogen Esslingen Gesellschaft ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zum Esslinger Leuchtturmprojekt ,Klimaneutraler Stadtteil -Neue Weststadt’“, sagt er.




Veranstaltungen

Unsere Empfehlung für Sie