13.000 Euro sind futsch
Zustände wie oben beschrieben gibt es in Stuttgarts Musikszene vielleicht nicht. Doch auch hier sind Bands nicht vor Betrügern sicher. Besonders hart hat es Stuttgarts Post-Pop-Könner Levin Goes Lightly getroffen – und das in einer Zeit, die für Indie-Künstler:innen eh so prekär ist wie nie. 2021 kommt Levin Stadler bei einem Konzert im Komma Esslingen in Kontakt mit Marco F. (Name geändert). Er gibt sich als Fan der Band aus, will ihnen helfen. Zunächst ohne Honorar, aber dafür auch ohne Vertrag. „Ich war zwar skeptisch, wollte aber auch keine Hilfe ausschlagen“, erinnert sich Levin. Anfangs läuft es gut, Marco besorgt der Band für eine Tournee auch Geld über eine Förderung bei der Initiative Musik. Sagt er zumindest. „Irgendwann wurde ich misstrauisch und rief bei der Initiative an, aber dort gab es nicht mal einen Antrag – weder im Namen von Marco noch von Levin Goes Lightly.“
Levin Goes Lightly spielen die Tournee, unwissend, dass sie gar nicht gefördert werden. Die Gagen lässt sich Marco auf sein eigenes Konto überweisen. Das ist üblich, weil er ja auch den Antrag auf die Förderung gestellt hat. Angeblich. Die Gagen für die damalige Tournee belaufen sich auf fast 10.000 Euro, allein an Reisekosten gingen noch mal 3.000 Euro drauf. Von den Gagen sieht die Band nichts, auf den Reisekosten bleibt sie sitzen, Marco taucht unter. "Seitdem“, so Levin zerknirscht, „versuche ich, an das Geld zu kommen.“ Für eine Indie-Band ist das eine finanzielle Katastrophe, die gut und gerne den Ruin bedeuten kann.
„Ich werde mich nie wieder auf einen Manager einlassen“
Noch immer schlagen sich Levin Goes Lightly mit Mahngerichten und Gerichtsvollzieherinnen rum, wenn sie eigentlich Songs schreiben sollten. „Von dem Geld haben wir trotzdem noch nichts gesehen. Und auf Mahnungen reagiert Marco nicht. Ich werde dennoch weitere Anträge ausfüllen und versuchen, so an mein Geld zu kommen.“ Die Sache hat Spuren bei Levin hinterlassen. „Ich werde mich nie wieder auf einen Manager einlassen“, stellt er klar. „Außerdem werde ich mich wieder mehr auf mein Bauchgefühl verlassen. Das hatte ich damals ausgeblendet.“ Für ihn bedeutet diese Erfahrung, dass er fortan noch mehr aufs Geld schauen und bestimmte kleinere Konzerte nicht mehr spielen kann. Umso schöner ist es also, Levin Goes Lightly nach seinem Konzert in der Oper mit den Nerven am 17. Oktober 2024 im Stuttgarter Merlin auftreten wird.
Auch andere Stuttgarter Bands haben bestimmte Erfahrungen mit Musikmanagements gemacht. Marius Bornmann, Drummer der endlich wieder aktiven Heisskalt, schildert das Positive so: „Als Band haben wir über viele Jahre mit verschiedenen Managements zusammengearbeitet. Unser erster Manager hat uns sehr viel ermöglicht und hatte darüber hinaus fast eher eine Mentorrolle. Durch ihn haben wir die Mechanismen der Musikindustrie kennengelernt, Kontakte geknüpft und verstehen können wie der ganze Apparat hinter den Kulissen funktioniert. Das war rückblickend auf jeden Fall sehr wichtig.“
Bands müssen autark funktionieren
Mittlerweile managt sich die Band aber selbst. Und das lässt natürlich auch tief blicken. „Was die langfristigen Strategien angeht, bedeutet ein Manager oft eine zusätzliche Meinung, die nicht selten gegen eine eigentlich recht starke Vision unsererseits geprallt ist. Nach unserer sechsjährigen Pause waren wir der Meinung, dass wir diese Aufgaben selbst stemmen können.“ Das spart nicht nur Geld; es erlaubt natürlich auch mehr Kontrolle. „Während Major-Labels immer mehr Geld gegen die Wand werfen und schauen, was hängenbleibt, haben Bands wie wir schon lange keinen Platz mehr in solchen Konstrukten und müssen schauen, dass wir autark funktionieren und dabei eben nicht nur ein unternehmerisches Nutznießer-Konstrukt aufrecht erhalten, das sich um sie herum aufbaut.“
Echte Selfmade-Heroes sind auch Schmutzki. Die haben sich seit 2011 von der Indie-Band zum Major-Label hochgearbeitet, machen aber mittlerweile alles über ihr eigenes Label. Das bedeutet deutlich mehr Arbeit, aber eben auch eine Garantie auf Transparenz und Kontrolle. „Am Anfang unserer Major-Karriere waren wir bei einer großen Management, das auch gut für uns verhandelt hat“, so Bassist und Sänger Dany Horowitz. „Bald danach wurde uns aber schnell klar, dass wir uns um vieles einfach selbst kümmern müssen, wenn wir wollen, dass es vorangeht.“ Haben sie getan. Mit Erfolg: Auch ihre für August angekündigte neue Platte „Bodensee Calling“ bringen sie in Eigenregie und bester Punk-DIY-Manier heraus. Und die nächste kommt schon im Winter.
Bauchgefühl ist alles
Am Ende des Tages muss jede Band, müssen Künstler:innen also selbst entscheiden, ob ein Management nötig ist. Der Fall von Levin Goes Lightly zeigt aber eben, dass da auch viel schief gehen kann – noch dazu in einer Szene, in der man aufeinander angewiesen und in der eh keine Unsummen zu holen sind. Klar muss dennoch sein: Die Causa Levin Goes Lightly ist eher ein Einzelfall. Viele Managements arbeiten seriös, transparent und mit den besten Interessen für ihre Schützlinge – und können viel tun. Walter Ercolino, der Leiter des Pop-Büro Region Stuttgart meint dazu: „Ab einem gewissen Grad der Professionalisierung braucht es Menschen, die den Künstler:innen Aufgaben abnehmen, damit diese sich auf die Musik konzentrieren können – vor allem heutzutage, da Musiker:innen gleichzeitig Social Media Manager, Content-Producer und vieles mehr sind.“
Wichtig sei, dass man zusammenpasse und, wie Levin Stadler oben auch meinte, auf sein Bauchgefühl vertraut. „Passen die Pläne des Managements zu meinem Weg, den ich als Künstler:in einschlagen will? Ist es nachvollziehbar, was mir erzählt wird? Wer wird noch vom Management betreut, kann man sich da mal zusammensetzen und Erfahrungen austauschen?“, so Walter. „Und klar, am Ende muss ein Vertrag stehen, der in jedem Fall von einem Rechtsanwalt durchgeschaut werden muss.“