Lewitscharoffs Roman „Killmousky“ Die Katze lässt das Mausen nicht

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Sibylle Lewitscharoff versucht sich im Genre der Detektivgeschichte. Die Motive des Mörders sind rasch klar, nicht aber die der Autorin.

Das Problem „Killmousky“: ein schwarzer Kater und viele offene Fragen Foto: dpa
Das Problem „Killmousky“: ein schwarzer Kater und viele offene Fragen Foto: dpa

Stuttgart - Wir fangen bei null an, wir machen uns von allem frei, wir lassen uns nicht bestechen: weder von Büchnerpreisen noch Hasspredigten noch merkwürdigen Mischwesen – auch dann nicht, wenn sie uns in niedlich humanoider Katergestalt entgegentreten. Denn hier geht es um einen Krimi, und zur Dynamik dieses Genres gehört, dass Vorurteile in die Irre führen. Also achten wir auf jedes Detail und halten es für eine schlaue List, dass hier so munter und unbeschwert vor sich hin erzählt wird, als ginge es nur darum, uns ein wenig heitere Entspannung zu verschaffen – wie eine Folge der englischen Krimiserie „Inspector Barnaby“. Eine solche hat sich der Münchner Kriminalhauptkommissar Richard Ellwanger eines schönen Maiabends 2011 im Fernsehen angeschaut, als wenig später jener schwarze Kater, der eben noch unter dem Namen Killmousky seinem englischen Kollegen im Film zugesetzt hatte, plötzlich vor seiner Terrassentür steht und Einlass begehrt.

Stop, schreitet da sogleich die literarische Spurensicherung ein. Gab es da nicht den Fall des Philosophen Blumenberg, dessen Wappentier, ein Löwe, leibhaftig durch einen früheren Roman der als sprach- und denkgewaltig gefeierten Sibylle Lewitscharoff gegeistert war – übrigens im Frühjahr 2011? Wie waren die Kritiker damals nicht über den Einfall entzückt!

Beruf weg, Frau weg – da klingelt das Telefon

Nun also ein schwarzer Kater und statt des Gelehrten ein alsbald in den Ruhestand versetzter Kommissar, der sich vor allem darauf versteht, „Kerle einzubuchten, und zwar möglichst rasch und für eine möglichst lange Zeit“. Alles eine Nummer kleiner und schmuddliger als in der bildungssatten Wahrheitssuche. Doch wie den Denker hat auch den Polizisten seine Profession vereinzelt. Um die Opfer einer Entführung zu retten, drohte er dem mutmaßlichen Täter Schläge an und musste daraufhin den Dienst quittieren – wie es dem früheren Frankfurter Polizeipräsidenten im richtigen Leben widerfuhr, was als Fall Daschner in die Rechtsgeschichte einging. Die entführten Kinder hatte Ellwangers fragwürdiger Einsatz nicht retten können, die Frau ist ihm schon früher davongelaufen, weil sie alles „breitschwätzen musste“, und ganz tief unten im Bewusstseinskeller gärt noch ein altes Gewaltproblem, das ihm vom prügelnden Vater einst in die Haut gegerbt wurde.

Filzpantoffeln, Alkohol, Erdnüsse – so sieht der Alltag jetzt aus, den einzig die Kapriolen des schwarzen Katers etwas aufhellen. Da klingelt das Telefon. So gehört es sich für ein Genre, dessen Hardboiled-Typik auch sprachlich herbeizitiert wird, um die traurige Beschaulichkeit der Zwangspensionierung in Schwung zu bringen. Oder wie will man sich die Häufung solcher forscher Satzfiguren sonst erklären: „Die Zwillinge waren hübsch, sehr sogar“, „aber attraktiv war sie, höllisch attraktiv sogar“, „sieht verflucht gut aus, außerordentlich gut sogar“.

Wer erzählt hier eigentlich?

Im Stil solcher Überbietungskonventionen floskelt sich Ellwanger nun durch ein Leben, das der Anruf schlagartig in ein wildes, schönes, reiches, ungeheuerliches zu wenden verspricht: ein Auftrag als Privatdetektiv, eine Reise nach New York, ein ungeklärter Todesfall im Milieu der Superreichen, eine graue Maus als Opfer, erotische Eskapaden mit einer schönen Whiskeytrinkerin, Schlafzimmer, „in denen zehn Kerle eine Kissenschlacht hätten veranstalten können“. Und weil man sich diese „Kerle“ durchaus schwäbisch prononciert denken kann, weil an manchen Menschen ihre Herkunft haftet, führen die Spuren am Ende ins hohenlohische Gerabronn. Ohne zu viel zu verraten, spitzt sich der Fall auf die Frage zu: Ist der Verdächtige ein betrügerischer Schwabe oder ein reicher schöner Amerikaner?

Genau diese Ungewissheit aber kehrt auf der Ebene der  Erzählung wieder. Wer spricht hier eigentlich? Eine virtuose Spielerin, die sich ein diebisches Vergnügen macht, auf alles, was gemeinhin Stil­bewusstsein verrät, zu Gunsten mittlerer Genre-Imitationen bewusst zu verzichten. Nur, warum? Oder hat man es mit einer Hochstaplerin zu tun, die sich in eine literarische Umgebung schummelt, in der sie sich so zwanglos bewegt wie ihr Held im Badezimmer seines mondänen New Yorker Hotels: „Durfte man in ein so edles Klo überhaupt pinkeln?“

Killmousky, übernehmen Sie

Darf man in einer coolen Detektiv­geschichte das Frühstück des Helden mit Wendungen garnieren wie „o Wunder, es schmeckte vorzüglich“? Darf man jeden zweiten Satz mit einem „und ja“ einleiten: „Und ja, eine Suppe hätte er als einsamer Wolf, der aus der Kälte kam, eigentlich gern gegessen“? Rauchen einsame Wölfe wirklich mit „größtmöglichem Behagen“? Vor allem aber: Dürfen die Motive für eine Tat von Anfang an so offen liegen?

Fragen über Fragen. Dass man sie mit einem klaren Nein beantworten kann, macht die Sache nicht einfacher. Umso rätselhafter wird dadurch das Motiv zu dem Buch selbst. Was bezweckt die Autorin mit einem Roman, den andere schon um Welten besser geschrieben haben? Warum bringt sie den Rezensenten in den Verdacht, ein Buch büßen zu lassen, was seine Autorin in ihrem anderen Leben als Verfechterin retrograder Thesen angerichtet hat? Oder gibt es da Verbindungen? Warum macht sie sich mit diesem zur Gewalt neigendem gesunden Menschenverständler so gemein, diesem Frustrationskommissar, für den ein munterer Abend so aussieht: „Sie zogen über dämliche Kollegen her, über dämliche Ehefrauen, und die erzdämliche bayerische Bürokratie, auch über vollverschleierte Saudifrauen, Schlitzguckerinnen, die umgeben von einem Pulk Männer die Läden in der Maximilianstraße leer kauften.“

Das klingt jedenfalls gar nicht gut, verdammt schlecht sogar. Dieser Roman kreist und kreist um New York und Gerabronn – und gebiert nur eine graue Maus. Killmousky, übernehmen Sie.