Esslingen - Ein fieses Virus, das sich rasant ausbreitet, abgeriegelte Städte – zwei Jahre muss die Württembergische Landesbühne Esslingen ihr Programm vorausplanen. Und beweist dabei oft Intuition. Natürlich kam einem die Coronaepidemie in den Sinn in der Premiere von „Das Licht“, der Bühnenadaption von Torgny Lindgrens Roman „Ljuset“ von 1987. Darin kommt die todbringende Seuche mit flauschigen Kaninchen. Die Reduktion der Bevölkerung durch die Pest ist apokalyptisch: Im Städtchen Kadis bleiben nur sieben Bewohner am Leben.
Wem kann man noch trauen? Fremde bringt man um, der Staat hat keinen Zugriff. Im hermetischen Raum steht es schlecht um die Moral. Ein Vater vergewaltigt die Tochter, um einen Erben zu zeugen. Ein anderer bereichert sich am Gut der Toten. Dann ist da noch der mysteriöse Blasius, ein fettes Schwein, das gemästet wird, bis es zum Kinderfresser mutiert: albtraumhafte Zustände in Kadis.
Das Kreischen des Riesenschweins
Der holländische Regisseur Casper Vandeputte und der Bühnenbildner Julian Maiwald haben eine schön düstere, hoffnungslose Atmosphäre geschaffen. Kalt funzelnde Neonröhren hängen über der Szene, die zur Seiten- und Hinterbühne offen ist. Hauptrequisiten sind Stühle (Ionesco lässt grüßen), die mal zum Karnickel-Autodafé gestapelt werden, mal Massengräberfelder andeuten. Das Ensemble sitzt schon vor Beginn, kippelnd, nervös nestelnd, sich räuspernd. Die da vorne sind wir. Warten auf Erlösung, die nicht kommt. Eine Mundharmonika dudelt „Jesu bleibet meine Freude“ – ein ironischer Gruß aus zivilisierten Zeiten.
Die Prosa, die Tom Blokdijk und Koos Terpstra 2007 theatralisiert haben, funktioniert gut auf der Bühne. Absurdes Theater, in dem Lindgrens bildliche Sprache sich berückend entfalten kann. Der fabelartige Plot, archaisch, fremd und doch aktuell, ist nichts weniger als vorhersehbar. Gier und Grauen evozieren befremdliche Szenen, wenn einer dem anderen im Kampf das Ohr abbeißt oder zwei virtuos geturnte Kopulationen gleichzeitig ablaufen. Das wiehernde Kreischen des Riesenschweins brennt in den Ohren. Es bleibt unsichtbar wie all die Karnickel. Die Kindlein, die gezeugt werden und wieder verschwinden, treten in Gestalt kleiner Stühlchen in Erscheinung.
Soghafte Bühnenpräsenz
Klar, dass der Abend vom spielfreudig auftrumpfenden Ensemble getragen wird. Reinhold Ohngemach, auch virtuos auf der Mundharmonika, durchlebt mehrere Rollen und Tode. Ralph Hönicke gibt den vergeblich nach Ordnung im Chaos suchenden Zimmermann, Nina Mohr die Kaugummi schmatzende Ädla. Antonio Lallo spielt den habgierigen Önde präzise undurchschaubar, während Elif Veyisoglu als von Kopf bis Fuß gelähmte Eira allein durch Augenbewegungen eine soghafte Bühnenpräsenz entwickelt. Gesine Hannemann springt virtuos zwischen ihren Rollen als Erzählerin und sexwilde Bera hin und her, und als rollstuhlfahrender Dorfhenker brilliert Markus Michalik mit grandiosem Gespür fürs Komische.
Weitere Aufführungen am 6., 18., 26., 28. März, 17. April, 16., 22. und 26. Mai