Lichtaktion im Corona-Lockdown Im Einzelhandel steht das Signal auf Rot

Deswegen ist zur Zeit am Abend im siebten Stock des Fashion Towers rotes Licht an.  Foto: Breuninger 5 Bilder
Deswegen ist zur Zeit am Abend im siebten Stock des Fashion Towers rotes Licht an. Foto: Breuninger

Schaufenster und ganze Etagen leuchten in flammendem Rot: Mit einer Lichtaktion will der Einzelhandel in der Region die Politik dazu bewegen, sinnvolle Öffnungskonzepte zu präsentieren.

Esslingen: Ulrich Stolte (uls)

Böblingen - Jede Nacht leuchten die Schaufenster der großen Einzelhändler und Einkaufs-Malls der Region tiefrot. Das Breuningerland in Sindelfingen hat den siebten Stock rot eingefärbt, der Marstall in Ludwigsburg den Eingang, das Leo-Center in Leonberg die Schaufenster.

Mit dieser Aktion, die am 26. Februar begann und sich mindestens bis zu diesem Mittwoch fortsetzen wird, wollen die Einzelhändler zeigen, dass ihnen im pandemiebedingten und staatlich verordneten Lockdown das Wasser bis zum Hals steht. „Wir merken jetzt, dass selbst Unternehmen, die vorher exzellent gewirtschaftet haben, in eine ernste Notlage geraten. Irgendwann sind alle Rücklagen aufgebraucht“, sagt Dennis Reichpietsch, der Centermanager des Breuningerlands in Sindelfingen.

Das rote Signal richtet sich auf das Bund-Länder-Treffen

Das rote Signal in den Schaufenstern leuchtet über die Region hinaus und ist eindeutig auf die Ministerpräsidenten-Konferenz gerichtet. Dann beschließen die Ministerpräsidenten zusammen mit der Kanzlerin Angela Merkel (CDU) weitere Maßnahmen. Im Infektionsgeschehen generell sehen sich die Einzelhändler gut aufgestellt. „Wir Einzelhändler sind nicht die Infektionstreiber“, sagt dazu Reichpietsch, „unsere Sicherheitskonzepte haben sich bewährt.“ Sein Kollege Fabian Kowalski vom Ludwigsburger Marstall sagt, „das Robert-Koch-Institut bewertet das Infektionsrisiko im Einzelhandel ausdrücklich als niedrig.“ Zudem hätten die Geschäfte und Center bereits im vergangenen Jahr umfangreiche Hygiene- und Präventionskonzepte eingeführt, die auch weiterhin konsequent umgesetzt würden, wenn sie denn öffnen könnten.

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„Verödete Fußgängerzonen mit leer stehenden Läden, geschlossenen Restaurants und verriegelten Theatern kann niemand mehr wollen.“ So lautet die plakative Bestandsaufnahme der Initiative „Das Leben gehört ins Zentrum“, die für die bundesweite Rotlichtaktion verantwortlich ist. Darunter haben sich zahlreiche große Einzelhändler wie Thalia, Breuninger, Deichmann, S. Oliver, Ernsting’s family und andere große Namen aus der Einzelhandels- und Handelsimmobilienbranche zusammengeschlossen.

Die Händler erwarten ein Konzept für ein Leben mit Corona

Die Unibail-Rodamco-Westfield Germany, Betreiber der Breuningerländer Sindelfingen und Ludwigsburg, ist ebenso ein Unterstützer der Initiative. Dabei ist das Wort „Einzelhändler“ für viele irreführend, weil sie es eher mit einem kleinen inhabergeführten Ladengeschäft verbinden. Tatsächlich aber ist jeder ein Einzelhändler, der an den Endkunden verkauft, im Gegensatz zum Zwischenhändler oder zum Großhändler.

Das Bündnis „Das Leben gehört ins Zentrum“ fordert ein Ende der andauernden Lockdown-Politik und erwartet ein Konzept, wie das Leben mit Corona möglich ist. Etwa durch massenhafte Schnelltests, digitale Lösungen, schnelles Impfen und einer Anerkennung der erfolgreichen Schutz- und Hygienekonzepte. Diese Konzepte haben gerade die großen Einzelhändler schon im Sommer durchexerziert. Sie haben die Zugänge zu den Filialen und Einkaufszentren so gestaltet, dass sich der Begegnungsverkehr verringert, sie haben die Flächen verstärkt geputzt und desinfiziert, die Sicherheitskräfte achteten darauf, dass der Abstand eingehalten wurde und Masken getragen wurden. Die Schichten der Mitarbeiter wurden umorganisiert und ein größeres Hygiene-Bewusstsein wurde geschaffen.

Dabei geht es nicht nur um Umsätze: Es geht um die Jobs der Mitarbeiter, von der Reinigungskraft bis zum Filialleiter. „An den Unternehmen im stationären Einzelhandel hängen Hunderttausende Arbeitsplätze in den Städten“, sagt Theda Mustroph, die Centermanagerin des Breuningerlands in Ludwigsburg.

Die Innenstädte sind auf Frequenzbringer angewiesen

Dabei sitzt das Problem tief, tiefer als die gegenwärtige Ebbe in den Kassen der Einzelhändler. Die Stadtplanung praktisch aller Mittelzentren in Baden-Württemberg hatte in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder das Hauptziel gehabt, Menschen in die Stadt zu bringen, um den Handel zu beleben.

Neben einer guten Aufenthaltsqualität in den Straßen und Plätzen braucht man dazu auch sogenannte Frequenzbringer, also große Einzelhändler als Kundenmagneten, die Menschen in die Stadt locken. Fallen diese Magneten aus, könnte es erneut zu einer Verödung der Innenstädte kommen und die vielen für die Innenstadtsanierung eingesetzten Steuermillionen wären umsonst gewesen. Genau so sieht es auch der Sindelfinger Manager Dennis Reichpietsch vom Breuningerland: „Wenn die Vielfalt aus den Städten verloren geht, ist das eine Veränderung, die von Dauer sein wird.“ Dieser Verlust werde kaum zu kompensieren sein.




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