Lichtverschmutzung Wenn Daimler die Nacht zum Tag macht

Wo die Nacht zum Tage wird, zeigt das Panorama vom Schönbuchturm bei Herrenberg: Im Bildvordergrund leuchten die Kräne bei der IBM in Ehningen, im Hintergrund das Daimlerwerk mit den Städten Sindelfingen und Böblingen. Foto: Eibner/Bürke

Nicht nur Astronomen ärgern sich über Lichtverschmutzung, auch Tiere und Menschen leiden unter den Begleiterscheinungen von Leuchten und Strahlern. Kommunen wie Ehningen und Grafenau reagieren.

Kreis Böblingen - Der Schönbuchturm bei Herrenberg ist auch für Nachtschwärmer geöffnet. Wer von dort Richtung Böblingen und Sindelfingen blickt, kann sich im Vordergrund an dem großen Lichtfleck der IBM-Deutschlandzentrale in Ehningen mitsamt der Baustellenkräne orientieren. Noch größer, einer riesigen Raumstation gleich, leuchtet das Daimlerwerk unter dem Horizont zwischen Böblingen und Sindelfingen in den nächtlichen Himmel. Für den Fotografen Till Credner sind Langzeitbelichtungen dieser Szenerie beste Beweismittel für die zunehmende Lichtverschmutzung.

 

Wenn die Nacht zum Tag wird

Obwohl Mitarbeiter sicher voller Stolz vom Schönbuchturm nächstens auf ihren Arbeitsplatz zeigen, hat das Leuchten nämlich auch seine Schattenseiten, die das Projekt Sternenpark Schwäbische Alb ins Rampenlicht rückt. Die Ehrenamtlichen um Till Credner und Matthias Engel setzen sich nicht nur für ihr Steckenpferd ein, die Astronomie, „die aufgrund der Lichtverschmutzung in Ballungsräumen immer schwerer zu bewerkstelligen ist“, so Credner. Die Initiative sieht auch die Auswirkungen auf Mensch und Tier und thematisiert diese mit einer Wanderausstellung.

Wanderausstellung zeigt Auswirkungen und Handlungsfelder auf

Die Ausstellung der Sterngucker macht aktuell im Umweltzentrum Neckar-Fils in Plochingen Station. Aber auch der Grafenauer Bürgermeister Martin Thüringer zeigt großes Interesse, die Wanderausstellung an Schwippe und Würm zu bekommen. In einer der letzten Gemeinderatssitzungen haben dort die Bürgervertreter ganz im Sinne des Sternenparks gehandelt und für die Anschaffung neuer LED-Leuchten in beiden Ortsteilen gestimmt. Diese Leuchtkörper benötigen nicht nur deutlich weniger Strom, sondern verringern auch die Lichtverschmutzung und haben eine geringere Anziehungskraft auf Insekten.

Kommunen gehen mit gutem Beispiel voran

Während die runden Leuchtkörper der IBM den Ehninger Süden erleuchten und sogar den Nachthimmel erhellen, geht die Gemeinde Ehningen für die neue Erschließungsstraße einen anderen Weg. In der letzten Sitzung beschlossen die Gemeinderäte einstimmig die dortige Straßenbeleuchtung auf eine Lichtfarbe von 3000 Kelvin zu reduzieren und die Leuchtkegel so auszulegen, dass nur die Straße ausgeleuchtet wird. Selbst der parallel dazu verlaufende Wirtschaftsweg bleibt so im Dunkeln. Zusätzlich wird die Beleuchtung mit Bewegungsmeldern ausgestattet.

„Durch die gezielte Ausleuchtung der Straße kann die Lichtverschmutzung minimal gehalten werden“, versichert Ortsbaumeister Dan Häring. Auch der angrenzende Rinderstall werde nicht ausgeleuchtet. Und aufgrund der Lichtfarbe von 3000 Kelvin verringere sich der negative Einfluss auf Insekten. Die bewegungsabhängige Lichtsteuerung spare zudem Strom ein.

IBM hat noch Nacholbedarf

Damit nicht genug. Lukas Rosengrün hat die Lichtverschmutzung in diesen Tagen ebenfalls auf der Agenda, wenn der Ehninger Bürgermeister sich mit dem IBM-Niederlassungsleiter zum regelmäßigen Gedankenaustausch trifft. Zumindest in Sachen Neubau des Forschungscampus sieht die Situationen besser aus. Dort werde laut Rosengrün nicht nur auf die Leuchtkörper, sondern auch auf die Verglasung geachtet, damit sie nicht zur tödlichen Wand für Vögel wird.

Beleuchtung öffentlicher Gebäude nur bis 22 Uhr erlaubt

Das neue Naturschutzgesetz des Landes haut in die gleiche Kerbe, wenn es die Fassadenbeleuchtung von öffentlichen Gebäuden nur noch bis 22 Uhr erlaubt. Der Landkreis Böblingen hat da seine Hausaufgaben gemacht, wie Vizelandrat Martin Wuttke versichert. So wurde längst die Beleuchtung des Landkreislogos auf dem Landratsgebäude gekappt. „Eine andere Baustelle sind die vielen Kirchen, die oft angestrahlt werden, aber die Stromkosten übernehmen meist die Kommunen“, beschreibt Till Credner vom Sternenpark Schwäbische Alb eine gemeinsame Baustelle von kirchlicher und weltlicher Gemeinde.

Dunkle Nacht

Beleuchtung
Mit einfachen Mitteln kann jeder seinen Beitrag zur Reduzierung der nächtlichen Lichtverschmutzung leisten, wenn zunächst die generelle Notwendigkeit eines Leuchtkörpers erst hinterfragt wird. Wenn es nicht anders geht, möglichst geringe Lumenwerte einsetzen und lieber mehrere schwächere Lichtquellen als eine sehr helle Lichtquelle. Streulicht zur Seite und nach oben und Dauerlicht sind zu vermeiden, gelbe Farbe ist weißer vorzuziehen. Eine niedrige Montagehöhe ist von Vorteil, eine Nachtabschaltung oft sinnvoll.

Ausstellung
Die Ausstellung „Faszination Astronomie und Vermeidung von Lichtverschmutzung“ umfasst Informationstafeln über Lichtverschmutzung, Astronomie und über das Projekt Sternenpark Schwäbische Alb, großformatige Fotografien zum Nachthimmel über der Alb von Till Credner, einem Full-HD-Bildschirm mit Sternenhimmel-Zeitrafferaufnahmen, eine Video-Präsentation sowie anschauliche Leuchtenmodelle. Die Wanderausstellung ist derzeit im Umweltzentrum Neckar-Fils in Plochingen im Rahmen des Projektes „Das geheime Leben der Tiere bei Nacht“ bis Mitte September sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet sowie über Telefon (07153) 6086965 und Email verwaltung@umweltzentrum-neckar-fils.de buchbar.

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