Lidl baut neue Deutschland-Zentrale Die entzweite Stadt Bad Wimpfen

Von Brigitte Fritz-Kador 

Der Handelsriese Lidl baut in Bad Wimpfen eine neue Zentrale. Die Stadt rechnet mit einem sprunghaften Anstieg der Gewerbesteuer. Doch es gibt auch viele Projektgegner – und die sitzen jetzt plötzlich im Gemeinderat.

Die Lidl-Baustelle in Bad Wimpfen aus der Vogelperspektive. Foto: obs
Die Lidl-Baustelle in Bad Wimpfen aus der Vogelperspektive. Foto: obs

Bad Wimpfen - Bad Wimpfen ist eine geteilte Stadt. Es gibt „Bad Wimpfen im Tal“ am Neckar und „Bad Wimpfen am Berg“. Das ist die räumliche Dimension. Doch schon bald kommt zu dieser auch noch eine zeitliche hinzu. Wenn die größte Baustelle in der größten Stauferstadt nördlich der Alpen abgeschlossen ist, dann gibt es in dem Ort plötzlich 1500 neue Arbeits- und 1300 neue Parkplätze. Für die Bewohner der Stadt wird es deshalb wohl ein Bad Wimpfen vor Lidl und eines nach Lidl geben.

Der Kurort wird demnächst die Deutschlandzentrale von Lidl beherbergen. Während viele, allen voran Bürgermeister Claus Brechter, die Ansiedlung als einmalige Chance für das 7000-Einwohner-Städtchen sehen, gibt es eine erkleckliche Zahl von Bürgern, die weniger die Tatsache als solche, wohl aber die Art und Weise ihrer Umsetzung irritiert – und die sie um ihr Städtchen bangen lässt. Bei der Gemeinderatswahl haben drei Vertreter dieser Gruppe, sie nennt sich Bürgerinitiative Wimpfener Straße (WiSe), aus dem Stand heraus Mandate im 18-köpfigen Gemeinderat erhalten.

2020 sollen die ersten Einzüge erfolgen

Trotz des Einzugs der Projektgegner in den Gemeinderat wurde jüngst das Richtfest gefeiert für die Deutschlandzentrale am Ortsrand von Bad Wimpfen im Kreis Heilbronn, rund acht Kilometer von der bisherigen Dependance in Neckarsulm, wo das internationale Geschäft weiter ansässig bleibt, entfernt. Dabei zeigten sich die Dimensionen des aus fünf Gebäudekomplexen bestehenden Baus: 130 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, davon die Hälfte unter der Erde, Raum für 1500 Arbeitsplätze und 1300 Parkplätze. Dafür wurden 450 000 Kubikmeter Erde ausgehoben und mit bis zu 300 Lastwagen-Fuhren pro Tag von dem vier Hektar großen Gelände abgefahren.

Zurzeit laufen die Arbeiten mit etwa 400 Mann auf Hochtouren, 2020 sollen die ersten Einzüge erfolgen, um fortan vom neuen Domizil aus Lidl Deutschland zentral zu steuern und unter anderem die 39 selbstständigen Lidl-Regionalgesellschaften im Land zu unterstützen. Die WiSe-Initiative befürchtet, dass sich die Verkehrsprobleme im Ort potenzieren. Vor allem aber besteht die Sorge, dass es bei dem momentanen Komplex angesichts des unterstellten „unbegrenzten Expansionsdranges“ des Unternehmens nicht bleiben wird.

In der gemütlichen Wohnküche von Bettina Scheid-Mosbacher, Hausärztin in Bad Wimpfen, sitzen neben ihr mit Martina Burkert, Integrationsbeauftragte, und Hansjörg Diehm, Biologe, die beiden weiteren neu gewählten Gemeinderäte der WiSe-Liste und ihre Mitkämpfer Martin Rauscher, Bergbau-Ingenieur, und Claus Herz, Key-Account-Manager. Es liegt mehr als nur ein Hauch von „Fridays for Future“ in der Luft. Die Runde verbreitet Aufbruch im Sinne ihres Wahlslogans „Stadtentwicklung – Mobilität – Transparenz“, nennt beim Namen, was ihrer Meinung nach schief läuft, spricht von einer Zerfaserung der Bürgerschaft und Stadtidentität, beklagt mangelnde Transparenz schon im Vorfeld der Planungen wie auch vom Bauherrn nicht eingehaltene Zusagen, etwa um die Belästigungen durch die Bauarbeiten zu minimieren. WiSe missfällt auch, dass immer mehr Häuser in der historischen Altstadt von zahlungskräftigen Lidl- und Audi-Mitarbeitern aufgekauft würden.

Lidl wehrt sich gegen einige der Vorwürfe

Den Vorwurf, dass Mitarbeiter des Handelriesens den Einheimischen die Häuser wegkaufen, will Bürgermeister Brechter so nicht stehen lassen. Widerlegen kann er ihn aber auch nicht – er sei zur Verschwiegenheit verpflichtet, sagt Brechter und zerstreut den Vorwurf, das Projekt sei intransparent: „Wer sich interessiert, ist definitiv informiert.“ Lidl wehrt sich wortreicher gegen einige der Vorwürfe. Und dabei ist das Unternehmen nicht gerade für eine ausführliche Öffentlichkeitsarbeit bekannt. In einer Stellung­nahme verweist der Discounter darauf, dass die Planungen mit allen Behörden abgestimmt seien, räumt aber auch ein, dass bei Bauvorhaben solcher Größe Belästigungen und Behinderungen unumgänglich seien.

Außerdem betont der Handelskonzern, dass man Hinweise auf „Unkorrektheiten“ oder „falsche Angaben“ in keiner Weise nachvollziehen könne: „Uns ist der direkte Austausch mit den Anwohnern sehr wichtig“, heißt es. Man habe in Informationsveranstaltungen Planung und Bauablauf ausführlich vorgestellt. Tatsächlich: In einer Bürgerversammlung im April 2016 stellte Klaus Gehrig, Leiter der Schwarz-Gruppe und Aufsichtsrat-Chef von Lidl und Kaufland, das Projekt persönlich vor. Zudem könne sich jeder über das Projekt auf dem Laufenden halten. Über ein Projekttelefon könne etwa jeder anrufen, man gehe aktiv auf Beschwerden ein.

Stadt rechnet mit acht Millionen Euro Gewerbesteuer

Die Gegner des Projekts besänftigt das kaum. Und die Vertreter der WiSe-Liste sehen sich von breiter Akzeptanz getragen. Bettina Scheid-Mosbacher wurde schließlich hinter zwei Kandidaten von CDU und Freien Wählern mit der dritthöchsten Stimmenzahl in den Gemeinderat gewählt. „Wir haben keine Angst, wir können alles sagen“, sagt Scheid-Mosbacher. Besonders aufgebracht sind die Projekt-Kritiker weiterhin wegen der Architektur der Unternehmens-Zentrale, die sehr dominant erscheine. Vom vierten Stock aus habe man „einen Schlossherrenblick“ auf die Stadt. Und noch nie seit Kaiser Barbarossa habe eine einzelne Person oder ein Unternehmen so viel Macht ausgeübt im Ort. Der Bürgermeister besänftigt: Man solle die Fertigstellung, auch der Grünanlagen, abwarten und dann urteilen, sagt Claus Brechter.

Der Bürgermeister setzt angesichts der Stimmung auf Zeit und darauf, dass sich nach Fertigstellung des Baus der Firmenzentrale manches anders darstellen werde. Er lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass die Lidl-Ansiedlung ein Glücksfall sei und empfiehlt einen Blick in Städte und Regionen „die keinen Schwarz oder Würth haben“. Die Infrastruktur der Stadt, ein jahrelanger Sanierungs- und Investitionsstau für große Flächen von historischer Substanz, das alles müsse angegangen werden. Kopfsteinpflaster sei romantisch, aber nicht für Rollstuhlfahrer geeignet. Die jährliche Gewerbesteuer liegt momentan bei rund drei Millionen Euro. Brechter rechnet künftig mit etwa acht Millionen Euro, die WiSe sogar mit dreizehn Millionen.