Liebe in Zeiten von Corona „Psychische Folter“ – Liebespaare an der Schweizer Grenze

Von red/ dpa/ lsw 

Sich einmal kurz über den Zaun hinweg drücken, ein verstohlener Kuss oder Händchenhalten durch das Gitter – für viele Paare ist das wegen der Corona-Pandemie momentan Alltag an der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz. Wie hält man das aus?

Treffen an der Grenze: Das Paar darf sich derzeit wegen der Corona-Pandemie nicht anders besuchen. Foto: dpa/Felix Kästle
Treffen an der Grenze: Das Paar darf sich derzeit wegen der Corona-Pandemie nicht anders besuchen. Foto: dpa/Felix Kästle

Konstanz - Kristina und Alex versuchen, zumindest ein bisschen Zweisamkeit zu bekommen. Das Paar hält sich fest in den Armen, um wenigstens für ein paar Minuten die Welt um sich herum auszublenden. Mehr ist im Moment für die Beiden nicht drin: Sie können sich aufgrund der Corona-Krise und der Einreisebeschränkungen seit knapp zwei Wochen nur über einen provisorischen Grenzzaun in Konstanz hinweg berühren: Sie auf deutscher, er auf der schweizerischen Seite – während hinter ihnen Polizisten kontrollieren, ob sich alle an die Regeln halten. „Das ist psychische Folter“, sagt Kristina. Seit rund zwei Jahren sind die beiden ein Paar, Ende des Jahres wollen sie zusammenziehen. „Bis dahin wird es hoffentlich klappen“, sagt Alex. „Sonst müssen wir noch heiraten.“

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Um eine rasante Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, wurden Mitte März an den deutschen Grenzen zu Frankreich und der Schweiz wieder Grenzkontrollen eingeführt. Reisen ohne triftigen Grund sind inzwischen nicht mehr möglich. Ausnahmen gibt es nur etwa für den Warenverkehr oder auch für Berufspendler - für Paare wie Kristina und Alex dagegen nicht. Um sich wenigstens ab und an sehen zu können, fahren sie alle paar Tage nach Konstanz - sie aus Stockach am Bodensee, er kommt aus Zürich.

Mal eben zum Partner fahren? Unmöglich

Die grüne Grenze am Bodenseeufer ist normalerweise offen für Fußgänger und Radfahrer. Derzeit trennen jedoch Absperrungen die Liebespärchen. Dutzende von ihnen stehen an diesem Spätnachmittag an den Zäunen, dazu Verwandte oder Freunde, die sich momentan ebenfalls nur auf diese Weise persönlich treffen können. Denn mal eben zum Partner nach Hause fahren, das ist nicht möglich. „Besuchsreisen sind nicht gestattet“, heißt es bei der Bundespolizei zu dem Thema. „Eine Einreise ist in diesem Fall grundsätzlich nicht möglich. Dies gilt auch dann, wenn beide Partner in unterschiedlichen Staaten wohnen und arbeiten und sich bisher regelmäßig gegenseitig besucht haben.“

Auch für Olivia und Andy ist die Situation momentan nur schwer zu ertragen. Die beiden stehen ein paar Meter weiter ebenfalls an dem provisorischen Grenzzaun in Konstanz. „Das ist nicht leicht“, sagt der 40-Jährige, der aus Tuttlingen hergefahren ist, um sich mit seiner Schweizer Freundin zu treffen. „Wir machen das heute zum ersten Mal, nachdem wir davon gehört haben. So können wir uns wenigstens mal sehen.“ Kennengelernt haben die Beiden sich erst vor vier Monaten online. Hätten sie sich eine solche Situation überhaupt vorstellen können? „Nein, wirklich nicht“, sagt Olivia. „Das ist schon schwer. Wir telefonieren halt, anders geht es nicht.“ Eine Umarmung ersetze ein Telefongespräch aber nicht.

Angst vor hohen Strafen

Sie könnten den Grund für die Situation durchaus verstehen und es sei auch ihnen wichtig, dass die Verbreitung des Virus gebremst werde, sagt Kristina. „Aber es macht doch keinen Unterschied, ob ich jetzt bei mir in der Wohnung sitze oder bei ihm – wir dürfen ja eh nicht raus.“ Am Abend vor den Einschränkungen hatte das Pärchen noch gemeinsam ihren Geburtstag gefeiert. Erst auf der Rückfahrt in die Schweiz erfuhr Alex, dass er seine Freundin nun vermutlich eine Weile nicht mehr sehen wird. „Wir haben noch überlegt, ob sie vielleicht trotzdem mit dem Zug zu mir kommen kann. Aber das wird ja alles kontrolliert – und die Strafe liegt bei 3000 Euro.“

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