Liebe und Partnerschaft Offene Beziehung als Eltern – geht das?
Svenja Sörensen ist Mutter und lebt in einer offenen Ehe. Sie gibt Tipps, wie das gelingen kann, und erklärt, warum das mit der gerechten Verteilung von Care-Arbeit zusammenhängt.
Svenja Sörensen ist Mutter und lebt in einer offenen Ehe. Sie gibt Tipps, wie das gelingen kann, und erklärt, warum das mit der gerechten Verteilung von Care-Arbeit zusammenhängt.
Svenja Sörensen, 38, ist Mutter, lebt mit ihrer Familie in Hamburg und arbeitet als systemische Coachin. So weit, so normal. Sörensen führt außerdem mit ihrem Ehemann eine offene Beziehung. Sie treffen auch andere, nicht heimlich, sondern offen und einvernehmlich – obwohl sie Eltern sind. Ja, so etwas geht.
Immer mehr Leute, vor allem jüngere, interessieren sich für offene Beziehungen. Eine neue sexuelle Revolution hinterfragt seit einigen Jahren die monogame heterosexuelle Paarbeziehung als Nonplusultra des amourösen Zusammenlebens.
Dass die Ehe auch ein patriarchales Machtinstrument ist, wird in feministischen Kreisen nicht erst seit gestern diskutiert – dennoch ist sie im Einklang mit der traditionellen Rollenverteilung nach wie vor politisch gewollt, wie das Ehegattensplitting zeigt. Und obwohl schon die 68er eine Abkehr von Monogamie und Spießerehe forderten, haben sich diese Konzepte gesamtgesellschaftlich doch recht gut gehalten seither. Bringen die neue Generation und ihre freie Liebe nun den Umschwung?
Es fällt jedenfalls auf, wenn solche Konzepte nicht mehr nur von jungen Studierenden vorangetrieben werden, sondern auch verheiratete Eltern kleiner Kinder wie Svenja Sörensen sich zu offenen Beziehungsmodellen entschließen und für deren Anerkennung einsetzen. Aber kann das gut gehen?
„Warum auch nicht?“, fragt die Hamburgerin. Man müsse nur kontinuierlich daran arbeiten – gemeinsam, klar. Auch sie habe anfangs unterschätzt, wie stark Moral- und Wertvorstellungen aus dem vergangenen Jahrhundert noch in den Köpfen verankert seien und demnach handlungsleitend wirkten. Meist fällt Frauen das besonders dann auf, wenn sie Mütter werden und erleben, welche Vorurteile oder Erwartungen plötzlich an sie herangetragen werden – und vielleicht auch merken, was sie dann selbst von sich erwarten.
Ihr sei es auch so gegangen, erzählt Sörensen, als vor einigen Jahren ihr Mann mit der Idee einer offenen Beziehung auf sie zugekommen war. „Da spielen Ängste und gesellschaftliche Konventionen eine große Rolle“, glaubt Sörensen. Es sei noch ein großes Tabu für Mütter, so zu leben. „Offen darüber zu sprechen, dass man auch andere treffen möchte, fällt allgemein vielen schwer, als Frau und Mutter ist es umso schwerer.“ Je weiter weg von der Stadt, desto unwahrscheinlicher sei es, sich als Paar und Eltern offiziell aus der monogamen Beziehung zu lösen, glaubt Sörensen.
Von den unter 30-Jährigen glaubt dennoch jeder Zweite: Offene Beziehungen wird es in Zukunft häufiger geben. Das ergab eine bevölkerungsrepräsentative Umfrage eines Marktforschungsinstituts im Auftrag des Partnervermittlers Elitepartner im vergangenen Jahr. Sörensen sagt, man gehe davon aus, dass etwa fünf Prozent der Paare in Deutschland heute in offenen Beziehungen lebten. Verlässliche Zahlen gibt es nicht.
Was mit einer offenen Beziehung gemeint ist, ist Verhandlungssache, das weiß man mittlerweile: Manche der Paare haben Sex mit anderen ohne emotionale Nähe oder flirten nur offen, andere haben weitere Partner und leben polyamor mit gleichberechtigten Lieben. All das geschieht offen und in Absprache – nicht heimlich wie bei einer Affäre.
Viele hätten anfangs Angst vor Eifersucht oder dem Verlassenwerden, erzählt Sörensen. Sie berät andere Paare, die ihre Beziehung öffnen wollen. Ein Vorurteil sei, wenn einer eine offene Ehe wolle, stimme etwas nicht mit der Beziehung. Sörensen glaubt, keiner könne dem anderen in jeder Hinsicht genügen, das sei eine „utopische Haltung“. Deshalb gingen wohl so viele fremd, sagt Sörensen. Gerade zwischen 30 und 40 werden sowohl Frauen als auch Männer vermehrt untreu, zumindest laut Befragungen aus dem Jahr 2020 von Elitepartner und Statista. Also in einem Alter, in dem viele in einer stabilen Paarbeziehung angekommen sind und eine Familie gegründet haben.
Doch gerade ihnen müsste sich eigentlich die Frage stellen: Wie soll man das überhaupt zeitlich unterkriegen – noch einen Liebhaber? Man kommt ja kaum dazu, mit dem eigenen Ehemann zu reden. Svenja Sörensen und ihr Mann sind seit zehn Jahren ein Paar, seit 2019 sind sie verheiratet. Sie weiß: „Wer eine offene Beziehung führen möchte, muss bereit sein, in die Hauptbeziehung zu investieren, denn die läuft nicht einfach nebenher. Und wer andere Menschen treffen möchte oder gar parallele Liebesbeziehungen will, muss sich auch dafür die Zeit nehmen.“ Vielleicht wie für ein ambitioniertes Hobby? Genau, erklärt Sörensen, und wie ein neues Hobby könne man in Beziehungsdingen „mal etwas anderes ausprobieren“. Sörensen spricht davon, das Beziehungsleben dynamisch zu halten.
Da wird klar, dass das alles nicht für jeden ist: Viele wollen sich vielleicht nicht in endlosen Gesprächen und Verhandlungen mit sich und der eigenen Beziehung auseinandersetzen – obwohl das jedem Paar guttäte, glaubt Sörensen. Die Hamburgerin will nicht missionieren, offene Beziehungen seien kein Trend, den jeder mitmachen müsse. Und sie haben sich entschlossen, ihre Erfahrungen außer Haus vor allem gemeinsam zu machen – auf Partys oder bei Treffen mit anderen Paaren, die sie auf Veranstaltungen kennenlernen oder über Plattformen wie Joyclub. „Dann braucht man natürlich auch Unterstützung, Babysitter oder Großeltern, die auf den Sohn aufpassen.“
Und was sagt man dem? Sörensen rät zu hinterfragen, wie viele Erklärungen ein Kind in welchem Alter wirklich brauche. Das komme auf die Lebensbedingungen an. Mehr Kinder als früher kennen heute alternative Lebensentwürfe, homosexuelle Eltern, geschiedene Großeltern und Patchworkfamilien sowie Alleinerziehende oder Co-Parenting. „Wir brauchen zum Großziehen eines Kindes keine monogame Elternbeziehung“, meint Sörensen, „sondern einfach verlässliche, vertrauensvolle Bindungen an Erwachsene.“ Es sei entscheidend, „wie wir miteinander umgehen“. Sie meint: „Eine monogame Paarbeziehung ist kein Garant für ein stabiles Elternhaus.“
Gleichberechtigung spielt Sörenses Erfahrung nach eine große Rolle, wenn es um das Gelingen offener Beziehungen geht: „Ich kann meinem Partner natürlich nichts gönnen, wenn ich zu Hause überlastet bin und alle Care-Arbeit alleine mache – wenn ich mich also vollkommen benachteiligt fühle.“ Das Aushandeln solle idealerweise also nicht nur um das Beziehungskonzept kreisen, sondern auch um das Zusammenleben und die Familienorganisation.
Positive Effekte des Lebensmodells zeigten sich Sörensens Erfahrung nach schnell – die „new relationship energy“, neue Lebenslust, wenn man frisch verliebt sei. Oder was der Sohn erlebe, wenn Eltern ausgeglichener und geduldiger seien, weil sie sich in liebevollen und bereichernden Beziehungen bewegten und auch mal was ohne Kinder unternähmen und so wieder Kraft tanken könnten.
Person
Svenja Sörensen, 1985 geboren, arbeitet in Hamburg als Coachin. Auf ihrem Instagram-Account informiert sie über offene Beziehungen.
Buch
Im Ullstein-Verlag hat Sörensen kürzlich ein Buch zum Thema veröffentlicht („Offen lieben – Wie offene Beziehungen wirklich gelingen“, 224 Seiten, 14,99 Euro).