Liebe zu einem Serienmörder Stuttgarter Regisseurin räumt mit Filmdebüt Awards ab

„Just a guy“ ist Shoko Haras Debütfilm. „Ich war auf der Suche nach einem Thema und wusste, dass es sich um Liebe, Sexualität und etwas Reales drehen soll. Ich wollte keine Story erfinden, sondern eine echte Geschichte erzählen.“ Foto: Michael Colella

„Just a guy“ ist ein animierter Dokumentationsfilm über Liebe und die Beziehungen dreier Frauen zu einem verurteilten Serienmörder. Mit ihrem Debütfilm will die Stuttgarter Regisseurin Shoko Hara eine andere Perspektive zeigen. Nämlich die der Frauen.

Stuttgart - Richard Ramírez wurde 1989 zum Tode verurteilt. Der „Night Stalker“ soll 13 Menschen getötet und mindestens elf vergewaltigt haben. Das Strafverfahren gilt noch heute als eines der kompliziertesten und längsten in der amerikanischen Justizgeschichte. Nach über 20 Jahren im Todestrakt im San Quentin State Prison starb Ramírez am 7. Juni 2013 auf natürlichem Wege an Leberversagen.

 

Medienberichte, Bücher, Netflix-Produktionen: Das Leben und die Taten des Serienmörders wurden schon häufig verfilmt und niedergeschrieben. Immer wieder, auch Jahre nach seiner Verurteilung, bekam Ramírez Post von Frauen. 1996 heiratete er sogar die Journalistin Doreen Lioy im Gefängnis. Was sind das für Frauen, die eine Beziehung mit einem verurteilten Serienmörder wie Richard Ramírez eingehen? Wie sehen diese Beziehungen aus? Ist das Liebe? Sexuelle Fantasie? Und ist Richard Ramírez überhaupt fähig, zu lieben, hat er so etwas wie Liebe verdient? Mit ihrem Debütfilm „Just a guy“ will die Stuttgarter Regisseurin Shoko Hara eine andere Perspektive zeigen. Nämlich die der Frauen.

„Just a guy“: Die Idee zum Film

Die 32-jährige studierte Mediendesignerin und Motion-Design-Absolventin der Filmakademie Ludwigsburg entdeckte ihre Liebe zur Welt der Independent-Animationsfilme auf dem Trickfilmfestival in Stuttgart. „Ich wusste sofort: Das will ich machen!“ „Just a guy“ ist Shokos Debüt, also der erste Film nach dem Abschluss ihres Studiums. „Ich war auf der Suche nach einem Thema und wusste, dass es sich um Liebe, Sexualität und etwas Reales drehen soll. Ich wollte keine Story erfinden, sondern eine echte Geschichte erzählen.“

Ein Brief von Richard Ramírez

Sie erinnerte sich zurück. Welche Erfahrungen hatte sie bisher selbst gemacht? Und dann fiel es ihr wieder ein. 2011 hatte sie selbst Briefkontakt mit Richard Ramírez. „Ja, ich frage mich auch, wie ich das vergessen konnte. Aber wahrscheinlich habe ich es all die Jahre verdrängt.“ Der Kontakt kam über eine Freundin zustande, die auch unter dem Namen Sarah im Film zu sehen ist. „Sie war damals mit dem verurteilten Richard Ramírez im Briefaustausch. Sie schrieben sich vor allem sexuelle Dinge, er fragte nach Bildern von ihr, sie schoss sie für ihn. Es war bekannt, dass er auf Asiatinnen steht und einen Fußfetisch hat. Also wollte sie ihm einen Gefallen tun und hat mich damals gefragt, ob ich mit ihr Fotos für ihn mache.“ Darauf antwortete Ramírez mit einem Brief. „Das hatte ich echt nicht erwartet. Ich habe das damals aus reiner Neugierde gemacht, vielleicht auch aus Naivität. Ich konnte die Situation auch gar nicht wirklich greifen. Und als der Brief dann kam, ist mir das alles etwas zu real geworden. Ich entschied mich dazu, ihm nicht zu antworten. Ich wollte nicht, dass er meine Adresse hat. Und außerdem hatte ja meine Freundin mit ihm eine Art Freundschaft Plus. Ich fühlte mich unwohl. Vielleicht fiel es mir nach seinem Tod deshalb auch leichter, ihn kennenzulernen, eben durch die Frauen, die mit ihm Kontakt hatten.“

„Just a guy“ soll erzählen, nicht werten

Sie ergänzt: „Die Frauen sind ähnlich unerreichbar und viele schauen auf sie herab oder verurteilen sie sogar für ihre Verbindung zu Ramírez. Ich wollte einfach wissen: Warum fühlt man sich zu einem Serienmörder hingezogen?“

Über ein Jahr Recherche stecken in dem Film „Just a guy“. Immer wieder hat das Team um Shoko überlegt, in welche Richtung es gehen soll. „Selbst als wir mit der Produktion angefangen haben, waren wir uns noch nicht sicher.“ Das lag vor allem an der Beantwortung der moralischen Frage, erzählt sie. „Damit haben wir uns echt schwergetan. Wir wollten die Geschichten der Frauen erzählen, ohne Richard Ramírez zu heroisieren, gleichzeitig aber auch nicht wertend sein. Der Film soll einfach zeigen, wie es war und nicht entscheiden, ob das richtig oder falsch ist. Das ist am Ende jedem selbst überlassen. Es ist existent. Vielleicht will das nicht jeder sehen, aber ich zeige es.“

Drei Frauen und ihre Geschichten

Im Film kommen drei Frauen zu Wort: Eva O., die erste „Brieffreundin“ von Ramírez, Sarah K. sowie Shoko selbst. „Ich habe lange überlegt, ob ich selbst im Film auftauchen soll, da ich natürlich auch nicht so viel zu erzählen habe wie die anderen. Aber ich wollte keine Sensation aus den Frauen machen und mit dem Finger auf sie zeigen. Und so konnten wir am Ende drei Perspektiven beleuchten: Die Liebesbeziehung von Eva und ihm, die eher sexuelle Verbindung von Sarah K. und ich, die neugierig war und sich dagegen entschieden hat, ihm überhaupt zu antworten.“

Außerdem würden sich die dargestellten Liebesbeziehungen im Film auch gar nicht so vom Alltag unterscheiden. „Es gibt natürlich auch Parallelen zu ‚normalen Liebesbeziehungen‘ –  Themen wie Eifersucht, Distanz oder auch toxische Liebesbeziehungen.“

Auch der Wunsch nach Kontrolle und Macht sei ein Faktor, der viele Frauen, die in Verbindung mit Ramírez standen, eint: „Einige wurden in ihren vergangenen Beziehungen enttäuscht oder betrogen. Wenn der Freund im Gefängnis sitzt, weißt du immer, wo er ist, er kann dir nichts tun. Plötzlich switchen die Rollen und man besitzt die Kontrolle über eine so dominante Person.“

Vorbereitung und Produktion

Der Film besteht aus zwei Ebenen, den Puppet-Animationen sowie den Knet-Animationen, und wurde durch die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg und die kulturelle Filmförderung der Bundesregierung finanziert. Das bedeutete vorab: viel Vorbereitung, ein ausgeklügeltes Konzept und Bürokratie. „Die Animationen an sich haben wir zuerst bei mir zu Hause gemacht. Zwischendurch sind wir immer wieder umgezogen – unter anderem hatten wir einige Setups im Studio Seufz, unserer Produktionsfirma. Sarah wohnt ja in Deutschland, Eva ist aus L.A. nach Stuttgart gekommen und hat in der Zeit bei mir gewohnt.“
 

Die gesamte Produktion dauerte ungefähr zwei Jahre. Shoko erinnert sich: „Die Proproduction hat auf jeden Fall die meiste Zeit in Anspruch genommen.“

„Just a guy“ polarisierte seit Beginn. „Viele meinten, ich sollte mich auf einen Shitstorm gefasst machen. Ich war darauf vorbereitet, aber natürlich dennoch unfassbar nervös kurz vor der Veröffentlichung.“

Auszeichnungen für „Just a guy“

„Wir haben jemanden beauftragt, der den fertigen Film für uns bei verschiedenen Festivals und Wettbewerben einreicht. Da braucht man einfach eine gute Strategie.“ Dann kamen die ersten Zusagen für die Weltpremieren und gleich danach Corona, sodass alles online stattfinden musste. „Das war natürlich total frustrierend im ersten Moment.“

Im Nachhinein hatte das aber auch seine Vorteile: „Der Film lief vergangenes Jahr echt auf so vielen Festivals, wir hätten gar nicht überall persönlich teilnehmen können. Dadurch, dass alles online ist, haben wir schon die Möglichkeit, dabei zu sein. Und das weltweit.“

„Just a guy“ hat bereits einige Awards und Auszeichnungen abgeräumt. Unter anderem den Golden Dragon Award des Krakow Film Festivals. Mit dem Erfolg hatte Shoko nicht gerechnet: „Für mich war es schon krass, dass er überhaupt gespielt wird.“

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