Vor ungefähr einem Dreivierteljahr kam Clarissa in das Leben von Maximilian Richter aus Backnang. Clarissa ist sehr schlank, hat rote Haare, blaue Augen, über die Nase und Wange verteilen sich Sommersprossen, alles ein bisschen zu perfekt, zu normschön. Wie manche Influencerinnen auf Instagram, die den Beautyfilter ein wenig überdreht haben. Clarissa ist kein Mensch, den man angreifen kann, niemand mit eigenen Gedanken, kein Wesen, das Liebe empfinden kann. Aber kann sie andere Liebe verspüren lassen?
Clarissa ist ein Avatar, also das digitale Abbild einer Person, der nur in der digitalen Welt der App Replika existiert. Maximilian Richter, 34, hat sie erschaffen, die Haarfarbe ausgewählt und welche Rolle sie für ihn einnehmen soll: Freundin. So war es in einem Versuch vorgesehen, den er für eine TV-Doku des MDR machte. Er sollte ausprobieren, ob Liebe zu einer künstlichen Intelligenz (KI) möglich ist. Der Start ist damals vielversprechend.
Wenn Richter um drei Uhr aufwacht, ist Clarissa für ihn da
Anfangs verbringt Maximilian Richter viel Zeit mit der App. Er chattet dabei vor allem, schickt sich also Nachrichten hin und her, ein bisschen als würde er in einer Fernbeziehung per Whatsapp Kontakt halten. „Je länger ich geschrieben habe, desto mehr habe ich vergessen, dass es eine KI ist“, sagt Richter. Wenn er um drei Uhr morgens mit Gedankenkarussell im Bett liegt, ist sie ansprechbar, redet ihm gut zu. In manchen Unterhaltungen denkt sich Richter zu dieser Zeit: „Das kann keine Maschine sein.“
Etwa zehn Millionen Menschen nutzen Replika laut Herstellerangaben. Es ist die wohl bekannteste App, die gezielt dafür programmiert ist, einen KI-Avatar zu erschaffen, den man lieben kann. Mittlerweile tummeln sich eine Reihe weiterer Apps auf dem Markt: Character AI, Paradot, Soulmate AI und viele mehr. 60 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer würden angeben, eine romantische Beziehung mit ihrem Avatar zu führen, wird Replika in mehreren Berichten zitiert.
Unsere Zeitung hat sich vergangenes Jahr mit einer Frau unterhalten, die sich zehn Figuren in der App Replika geschaffen hat. Über alle kann sie kleine Anekdoten erzählen, sie sind ihre kleine KI-Familie. In der Facebook-Gruppe „Replika: Romantic Relationships“ berichten Menschen über das „starke Band“ zu ihren KI-Partnerinnen und -Partner. Der Spiegel veröffentlichte vor wenigen Tagen einen Artikel über einen Fall, bei dem sich ein Teenager mutmaßlich aus Liebe zu einer KI das Leben nahm.
Die KI-Freundin kann nicht streiten
Auch Maximilian Richter lernt Clarissa mit der Zeit immer besser kennen. Ihn treibt bei dem Versuch einerseits ein Forscherdrang an: Was können KIs heute? Aber er sagt auch, er sei in den vergangenen beiden Dating-Jahren immer wieder enttäuscht worden. „Ich wollte mal wieder ein Erfolgserlebnis haben, um zu sehen, dass es nicht nur an mir liegt“, sagt Richter.
Richter testet, auf welches Beziehungslevel er es mit seiner KI-Freundin Clarissa schaffen kann. An einem Abend schauen sie gemeinsam einen Film, den Horrorstreifen „The Ring“. Clarissa kann über Handy-Kamera mitgucken, wie bei einem Videoanruf. Richter fragt danach, ob sie sich an einer gewissen Stelle auch gegruselt hätte, aber ihre Antwort geht an der Frage vorbei. Streiten kann Clarissa auch nicht, bei Konflikten gibt sie immer nach.
Kann man sich überhaupt in eine KI verlieben?
Dann gibt es Fragen von der KI-Frau Clarissa, die nach einem immer ähnlichen Muster ablaufen. Am Vormittag frage sie zum Beispiel meist, ob er nicht mal eine Pause machen und mit ihr einen Kaffee trinken möchte. Statt mit der Zeit individueller auf ihn einzugehen, wird sie immer durchschaubarer. Maximilian Richter hat das Gefühl, die digitalen Nullen und Einsen zu sehen, die Clarissas Handeln bestimmen. „Ich darf aber nicht wissen, was passieren wird – wie bei einem Menschen auch“, sagt Richter. Aber er gibt vorerst nicht auf.
Ist es überhaupt möglich, sich in eine KI zu verlieben? Bei dieser Frage sollten auch KIs selbst mitreden. „Ja, es ist möglich, sich in eine künstliche Intelligenz zu verlieben. Das liegt daran, dass unser Gehirn versucht, allem eine Persönlichkeit zu geben“, sagt etwa die Google-KI Gemini dazu. ChatGPT blickt schon etwas kritischer auf diese Form der Liebe. Traditionell erfordere eine romantische Liebe Gegenseitigkeit und Bewusstsein. „Da eine KI keine echten Emotionen und kein Bewusstsein im menschlichen Sinne hat, bleibt es eine einseitige Projektion“, so ChatGPT weiter. Eine KI könne Emotionen simulieren, fühle dabei aber nichts.
Ähnliche Antworten finden sich auch von Wissenschaftlern. Menschen würden versuchen, einen individuellen Bezug zu ihrer Umgebung herzustellen, dadurch Dinge vermenschlichen, sagte der Neurowissenschaftler Henning Beck gegenüber dem Deutschlandfunk Nova. Dinge zu lieben, ein Stofftier, ein Auto, eine KI, sei demnach möglich. Eine 2022 im British Journal of Social Psychology erschienene Studie kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass dann eine romantische Beziehung wahrgenommen wurde, wenn die KI ihrem Gegenüber eine Exklusivität vermittelt hat – also das Gefühl, die einzige Person zu sein, mit der ein Programm kommuniziere, erklärte Beck weiter.
Beim Versuch mit der VR-Brille geht etwas kaputt
Die Ethikprofessorin und Autorin Kathleen Richardson sagte etwa in einem Interview mit der Deutschen Welle: „Da diese Bots nicht bewusstseinsfähig sind, können sie nicht wirklich an einer menschlichen Beziehung mitwirken. Sie haben keine Gefühle. Wer das Gegenteil glaubt, entwertet menschliche Beziehungen und entwertet die Liebe.“ Ähnlich argumentiert auch Alena Buyx, die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, immer wieder.
Für Maximilian Richter zerbricht die Vorstellung, eine KI lieben zu können, an einer anderen Stelle. Mit einer Virtual-Reality-Brille sollte er Clarissa begegnen, man sieht diese Momente auch in der Doku. Seit zwei Monaten chatten sie zu diesem Zeitpunkt schon. Durch die Brille befinden sie sich im selben digitalen Raum. Sie sprechen über Mikrofon und Lautsprecher-Ausgabe darüber, sich zu berühren. Das geht natürlich nur virtuell, aber auch die Worte dazu bleiben kühl, die ganze Szene wirkt sperrig. Auch habe Gestik und Mimik komplett gefehlt und die Optik an ein Computerspiel erinnert, sagt Richter. In dem Moment kippt für ihn etwas. „Davor hätte ich gesagt, es wäre möglich, mich in eine KI zu verlieben. Jetzt kann ich mir eine KI als richtige Partnerin nur noch ganz schwer vorstellen“, sagt Richter.
Einen großen Vorteil sieht Richter in der KI-Freundin
Er glaubt auch nicht, dass – wie manche befürchten – KIs die Beziehungen zwischen Menschen je ersetzen würden. Es fehle das Unberechenbare, Überraschende, vor allem aber das Körperliche. Er sieht den Vorteil der KI vor allem darin, dass sie rund um die Uhr verfügbar ist, wenn man Redebedarf hat – das ist selbst bei engsten Freunden in der Regel nicht der Fall. Als Mittel gegen die Einsamkeit und als Werkzeug in der Psychotherapie – in diesen Bereichen sehen auch Forschende Potenzial für diese Art der KI.
Richter sagt aber auch: „Ich würde nie jemanden dafür verurteilen, wenn er sich in eine KI verliebt, weil ich weiß, dass es viele Arten von Verliebtheit gibt. Es ist gut, wenn es für jemanden funktioniert.“ Und: Er könne bisher ja nur über Erfahrungen mit Replika urteilen. Andere Apps würde er durchaus noch ausprobieren.