Liebes-Erklärung: Beziehungsunfähigkeit Was tun, wenn Beziehungen immer wieder scheitern?

Jeder Mensch entwickelt in der Kindheit diese Blaupause für Beziehungen. Foto: Unsplash/Stacey Gabrielle Koenitz Rozells

Wer lange Single ist oder wessen Beziehungen immer wieder scheitern, neigt oft dazu, zu verzweifeln. Bin ich beziehungsunfähig? Was stimmt mit mir nicht? Paartherapeutin Dr. Sharon Brehm erklärt, wie man seine Muster erkennt.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Jeder Mensch entwickelt bereits in der Kindheit einen Bindungsstil. Dieser wird oft geprägt durch unser Umfeld und unsere Gene – entscheidenden Einfluss darauf, welcher Bindungstyp wir werden, haben oft die engsten Bezugspersonen: unsere Eltern.

 

Unsere ersten Bindungen prägen uns fürs Leben

Oft haben genau unsere ersten Bindungen und die ersten Erfahrungen, die wir in der Kindheit mit Beziehungen machen, einen großen Einfluss darauf, wie wir später als Erwachsene unsere Beziehungen gestalten. Machen wir eher schlechte Erfahrungen, neigen wir dazu später zu ängstlich oder zu vermeidend zu sein. Machen wir positive Erfahrungen und fühlen uns gesehen und wertgeschätzt, sind wir mit großer Wahrscheinlichkeit später ein sicherer Bindungstyp.

Die Bindungstheorie geht zurück auf den englischen Kinderpsychiater John Bowlby (1907-1990). Mitte des 20. Jahrhunderts schloss er aus seinen Beobachtungen, dass Kinder in den ersten Lebensjahren ein internes Arbeitsmodell für Beziehungen entwickeln. Dieses interne Arbeitsmodell bildet quasi eine Schablone, anhand derer Erwartungen über zukünftige soziale Interaktionen gebildet werden.

Eine sichere Bindung entwickle das Kind dann, wenn die Eltern schnell, verlässlich und angemessen auf seine Bedürfnisse reagieren, beispielsweise indem sie es innerhalb weniger Sekunden trösten, wenn es schreit oder traurig ist. Eine unsichere Bindung kann wiederum entstehen, wenn sich die Eltern eher gleichgültig verhalten, nicht ausreichend auf das Kind eingehen oder wenn sie das Kind überbehüten. Auch belastende Erfahrungen wie der Verlust von Vater oder Mutter durch Tod oder Trennung hinterlassen ihre Spuren und prägen unsere späteren Beziehungen.

Jeder Mensch entwickelt in der Kindheit diese Blaupause für Beziehungen: den so genannten Bindungsstil. Der eine klammert, die andere vermeidet Nähe – noch Jahrzehnte später bestimmt der Stil auch, welche Paare miteinander glücklich werden.

Die Bindungstheorie unterscheidet unsichere Bindungen weiterhin in ängstliche sowie vermeidende Typen. Sicher gebundene Menschen führen oft stabile und zufriedene Beziehungen, während ängstliche und vermeidende sich zwar sehr häufig gegenseitig anziehen – sich aber oftmals nicht guttun. Das Problem liegt darin, dass der ängstliche Part oft mehr Nähe will, als der Vermeidende bereit ist zu geben.

Wie zeige ich mich authentisch?

Die Münchner Paartherapeutin Sharon Brehm (32) hat in ihrer Praxis immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen diese Muster haben. „Die Bindungstheorie ist wahnsinnig intuitiv“, sagt sie im Gespräch. Ihr gehe es darum, dass ihre Klient:innen erkennen, wie sie sich selbst sicher fühlen können – damit letztlich irgendwelche Spielchen und Strategien bei der Partnersuche und auch innerhalb von Partnerschaften nicht mehr notwendig werden. „Oft tragen wir eine Maske. Ich finde es aber wichtig, dass wir lernen, uns authentisch zu zeigen und uns in unseren Beziehungen verletzlich machen“, sagt Brehm. So könne man eine Form von Bindung eingehen, die wirklich in die Tiefe geht.

In ihrer Praxis sehe sie oft das Gegenteil: Viele Paare machten sich nicht gegenseitig verletzlich. Heißt: Wir führen ganz oft Beziehungen auf einer eher funktionalen Ebene, vordergründig wissen wir von dem anderen alles – aber oft wissen wir überhaupt nichts davon, was den anderen wirklich im Inneresten bewegt.

Aber wie können wir das ändern? „Dazu müssen wir die emotionale Distanz überwinden“, sagt Brehm. „Wir alle wollen eigentlich eine ‚echte‘ Beziehung haben, fangen aber oft an, uns dem anderen nicht mehr richtig zu zeigen – oder haben es vielleicht sogar noch nie getan.“ Oft äußere sich dies dadurch, dass man eher gereizt reagiert anstatt zu erzählen, dass man sich gerade alleingelassen fühlt. Andere bauen eine Mauer um sich herum auf oder ziehen sich zurück.

Konflikte sind nichts Negatives

Auch behalten einige ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse eher für sich – aus Angst, sie könnten den Partner verlieren, wenn sie sich wirklich zeigen. Aber oft passiert dann das Gegenteil: Wir verleugnen uns selbst und werden mit der Beziehung immer unzufriedener. „Das liegt auch daran, dass wir gelernt haben, dass Konflikte etwas Negatives sind“, sagt Brehm. „Daher vermeiden wir sie oft.“ In einer authentischen Beziehung sei es aber wichtig, auch negative Gefühle und Empfindungen wie Einsamkeit offen zu zeigen.

Unser Bindungsstil sagt viel darüber aus, inwieweit wir Nähe zulassen können ohne uns bedroht zu fühlen. Oder, ob wir umgekehrt, sehr viel Nähe brauchen, um uns geliebt zu fühlen. Sicher gebundene Menschen schaffen es, ein Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz zu halten. „Ein Bindungstyp ist aber keine Diagnose, keine Krankheit, keine Prophezeiung“, sagt Sharon Brehm. Oft fühlten sich Begriffe wie „ängstlich“ oder „vermeidend“ wie „unschmeichelhafte“ Labels an.

In ihrem Buch „Smart Loving – wie wir echte Liebe finden“ hebt Brehm deshalb die gängigen Bezeichnungen auf, erweitert sie und weist dabei auf die Stärken dieser Typen hin. Sie nennt den ängstlichen Bindungsstil „The Leader“, der vermeidende ist bei ihr „The Rebel“ und der ängstlich-vermeidende „The Artists“, während der sichere Bindungstyp „The Healer“ heißt.

Bindungsmuster lassen sich ändern

Bindungsmuster, die wir uns aneignen, sind oft Schutzstrategien, die uns vor tiefen Verletzungen bewahren sollen. „Mein Fokus liegt dabei vielmehr auf dem Potenzial“, sagt Brehm. Denn: „Fühlen wir uns sicher, erfahren wir Wertschätzung und Vertrauen, werden die meisten zu besseren Versionen ihrer selbst.“

Das heißt konkret: „Menschen, die sicher gebundene sind, akzeptieren, wenn jemand eine andere Meinung hat, sie können den anderen ‚freilassen‘ und ihre Bedürfnisse wohlwollend kommunizieren und auch über Probleme offen sprechen“, sagt Brehm. Wenn ein Partner sage, er fühle sich einsam, reagiere der andere darauf verständnisvoll und nehme die Gefühle des anderen ernst.

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„Wer hingegen immer eine Mauer um sich herum hochzieht, verunsichert den anderen“, sagt Brehm. Vor allem in Krisenzeiten fallen wir in diese kindlichen Muster zurück – ohne das es uns bewusst ist. „Wenn man sich selbst gut kennt und sich gut behandelt, braucht man diese Methoden, um sich zu schützen, oft einfach schlicht nicht mehr“, sagt Brehm.

Oft ändert sich die Person, aber nicht das Problem

Aber woran erkennt man nun, dass man Probleme hat? Wer beim Dating oder in Beziehungen immer wieder an denselben Problemen scheitert, hat oft ein Problem, sich zu binden – meistens haben diejenigen schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht. „Immer wieder dieselben Probleme in Beziehungen zu haben, ist ein deutliches Zeichen für ein negatives Muster“, sagt Brehm. Oft ändere sich dann zwar die Person, nicht aber das Problem. Wer das Gefühl habe, sich immer wieder im Kreis zu drehen, müsse sich vielleicht auch eingestehen, dass man selbst etwas dazu beiträgt. „Das muss gar nicht mit einer bösen Absicht geschehen“, sagt die Paartherapeutin, „auch gut gemeintes Verhalten kann manchmal einen Teufelskreis in Gang halten.“

Oft stecken hinter solchen Mustern falsche Glaubenssätze wie „Ich bin nicht gut genug“ oder „Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden“ – und dann fangen wir unbewusst an, Beziehungen selbst zu sabotieren. „Wir haben ja alle unser Päckchen zu tragen“, sagt sie. „Aber, wir alle haben auch die Freiheit, uns damit auseinanderzusetzen.“

Die Auseinandersetzung fängt bei einem selbst an

Und, wer sich mit alten Verhaltensmustern auseinandersetzt, alte Schutzstrategien unter die Lupe nimmt und Verletzungen heilt, führt langfristig auch bessere, stabilere Beziehungen, weil man mehr mit sich selbst ins Reine kommt – und dann findet man auch eher die „echte“ Liebe.

Zur Person

Leben
Dr. Sharon Brehm hat mit einer Arbeit über binationale Paare promoviert. Sie ist ausgebildete Psychotherapeutin nach dem Heilpraktikergesetz sowie Systemische Beraterin. In ihrer Praxis in München bietet sie Paartherapien, Coachings für Singles und Dating-Workshops an.

Buch
„Smart Loving – wie wir echte Liebe finden“. Südwest Verlag: 2022. 18 Euro.

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