Maximal zwanglos und unverbindlich: Casual Dating beschreibt eine Beziehungsform, die ohne Beziehung auskommt und in der Sex die Hauptrolle spielt. Die Beteiligten verstehen sich als Singles, wollen fremdgehen oder sind in offenen Beziehungen und wollen in der Regel nichts an ihrem Beziehungsstatus ändern - zumindest nicht mit dem Casual-Dating-Gegenüber.
Bei dieser Art von Begegnung geht es nicht um Partnersuche und die wahre, romantische Liebe, sondern um Körperlichkeit. Zig Portale werben mit Mitgliedschaften, die für Frauen oft kostenlos sind. Laut einem ZDF-Bericht aus dem Jahr 2017 erzielten Online-Casual-Dating-Börsen in Deutschland 2003 nur 1,1 Millionen Euro Umsatz. Ein Jahr später waren es bereits 22,8 Millionen, 2017 rund 54 Millionen. Das macht ein Viertel des Gesamtumsatzes von Datingbörsen in Deutschland aus. Der Umsatz wird für 2022 auf etwa 70 Millionen Euro geschätzt - das sind 31 Prozent des Gesamtumsatzes. Daraus kann man schließen, dass viele gar keine feste Beziehung suchen.
Eine Gruppe sticht hervor
Scrollt man sich durch die Suchmaschinenergebnisse, fällt auf, dass es wohl mehr Testberichte und Vergleiche als Portale gibt. Auch vor Abzocke und geringer Frauenquote wird häufig gewarnt. Klingt alles weniger nach dem großen und mysterischen erotischen Abenteuer und mehr nach Stiftung Warentest für untenrum. Wer also sucht sich über diese Portale nach Sexpartner:innen?
Über die Motivation hinter Casual Dating gibt es mehrere Theorien - auch weil das Spektrum groß und bunt ist und Übergänge zwischen den Beziehungsformen komplex und fließend sein können. Und doch gibt es eine Gruppe, die hervorsticht: Laut einer Umfrage des ZDF sind nämlich rund ein Fünftel der Casual Dater:innen in einer Partnerschaft oder gar verheiratet. Der Reiz eines neuen Sex-Partners ist also für viele Menschen in langfristigen Beziehungen ausschlaggebend.
Weitere Hauptgründe, die in einer Studie der amerikanischen Soziologin Rebecca Plante aufgeführt werden, sind Zeitmangel für eine ernste Beziehung, Enttäuschung über alte Partnerschaften oder die Unsicherheit über Gefühle.
Klingt fast einfach: Gefühle weg, Bettdecke auf. Doch was macht das mit einem, wenn man keine tiefgehenden Beziehungen zulässt oder sich in ein Abenteuer stürzt, obwohl man eigentlich verheiratet ist? Wir haben den Stuttgarter Diplom-Paartherapeuten Oliviero Lombardi dazu befragt:
Welche Regeln sollte man beachten, um sich selbst zu schützen und niemanden zu verletzen?
Für die körperliche Unversehrtheit empfiehlt sich natürlich Safer Sex. Bei der psychischen Unversehrtheit ist es da schon komplizierter. Sich selbst schützt man, indem man sich nicht verlieben sollte. Schließlich hat man sich auf Gelegenheitssex eingelassen. Das scheint die Vereinbarung zu sein, weshalb sich auch der oder die Sexpartner:in eingelassen hat. Also keine falschen Erwartungen entwickeln. Das ist aber manchmal nicht so einfach. Es kommt durchaus häufig vor, dass aus One Night Stands Beziehungen werden. Oder eben ein unerfülltes Schmachten.
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Wie steht es um Consent?
Man sollte sich auf nichts einlassen, das man nicht wirklich will. Bei Gelegenheitssex geht es zunächst ja nicht um die große Liebe. Vielleicht geht es um unerfüllte sexuelle Wünsche, die in einer Partnerschaft zu kurz kommen. Solche Begegnungen sind manchmal nicht geprägt von einem vorsichtigen Annähern, sondern eher durch harten Sex. Das kann okay sein, aber man sollte aufpassen.
Casual Dating dient vielen auch als Seitensprung. Welche Vor- und Nachteile hat ein solches Abenteuer für eine Beziehung?
Ein Seitensprung kann die eigentliche Beziehung beleben aber auch der Anfang vom Ende sein. Beleben kann der Seitensprung die Ursprungsbeziehung, wenn dadurch Spannungen - zum Beispiel weil man sexuell unbefriedigt ist - aufgelöst werden. Beleben kann der Seitensprung die Beziehung auch, wenn beide Partner in der Ursprungsbeziehung den Seitensprung als animierend empfinden. Zum Beispiel indem man sich darüber austauscht.
Wird die Sexualität aber dauerhaft ausgegliedert, entwickelt sich die Ursprungsbeziehung bestenfalls zu einer Freundschaft oder zu einer Zweckgemeinschaft. Das ist auch genau die Gefahr, wenn man die sexuelle Energie auswärtig kanalisiert. Dann fehlt ein bindendes Element für die Paarbeziehung.
Oftmals zieht der Seitensprung auch moralische Probleme mit sich - sowohl für den, der fremdgeht, als auch wenn es auffliegt für die oder den Betrogenen, der sich verletzt und abgewertet fühlt. Das führt in der Regel zum Beziehungsabbruch. Unter Umständen kann das Paar über eine Paartherapie wieder Schwung in die Beziehung bringen.
Bei Casual Sex geht es vor allem um Spaß: Was tun, wenn Konflikte entstehen oder eine:r mehr will?
Wenn eine:r mehr will, ist Vorsicht geboten. Um weitere Komplikationen zu vermeiden, empfehle ich mit offenen Karten zu spielen und sich und dem anderen nichts vor zu machen. Oftmals ist es ratsam die Causal-Sex-Beziehung dann zu beenden. Bleibt die Beziehung und die Gefühlslage einseitig, kann sich der andere irgendwann ausgenutzt fühlen.
Merken Sie als Paartherapeut, dass Casual Dating zu einem Trend geworden ist, oder ist es nur ein modernes Wort für Gelegenheitssex?
Alle nicht-festen-Beziehungen oder auch polyamourösen Beziehungen liegen im Trend. Ob man das jetzt Freundschaft plus nennt, Seitensprung, Fremdgehen oder Casual macht keinen wirklichen Unterschied. Es geht immer nur um das Gleiche. Und die daraus sich möglicherweise ergebenden Schwierigkeiten sind ebenso immer gleich. Für die eigene Zufriedenheit, Glück und ein erfülltes Leben empfehle ich eher den Aufbau einer festen tiefen Beziehung, in der Sexualität seinen befriedigenden Platz hat.