Jahrhundertelang war es völlig normal, dass innerhalb von Partnerschaften ein großes Machtungleich herrschte. Beziehungen basierten auf klassischen Rollenmodellen. Der Mann war der Versorger, die Frau kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder. Die mächtige Institution Ehe galt als quasi unauflösbar – schlicht weil Frauen in der Regel kein eigenes Geld verdienten. Sie waren finanziell abhängig von ihrem Ehemann.
Heute wünschen sich viele eine Beziehung auf Augenhöhe
Durch die sexuelle Revolution, die Emanzipation der Frauen und das damit einhergehende Aufbrechen klassischer Rollenverteilungen bröckelt das klassische Kleinfamilienmodell schon länger. Viele wünschen sich heute, glaubt man Umfragen, eine Beziehung „auf Augenhöhe“, also eine Partnerschaft, in der beide gleichgestellt sind – gleich viel Einfluss, gleich viele Freiheiten, gleich viel Macht.
Früher hatten in der Tat Männer fast die alleinige Macht in Beziehungen, sagt Robert Körner (27). Das hätten Studien gezeigt. Der Psychologe forscht im Rahmen seiner Doktorarbeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), wie Macht heute in Beziehungen verteilt ist – und welche Paare am glücklichsten sind.
Die „gefühlte Macht“ ist entscheidender
Mit dem Aufbrechen traditioneller Geschlechterrollen, ändern sich nun auch unsere Beziehungen. „Insbesondere in westlichen Gesellschaften sind Liebesbeziehungen gleichberechtigter geworden“, sagt Körner, der wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Bamberg ist. Gemeinsam mit der Psychologieprofessorin Astrid Schütz, ebenfalls Universität Bamberg, ist er im vergangenen Jahr in der Studie „Power in romantic relationships“ der Frage nachgegangen, welchen Einfluss Macht und Machtempfinden bei Paaren auf die Zufriedenheit der Beziehung hat. Für die Studie befragten sie 181 heterosexuelle Paare, die mindestens schon einen Monat zusammenlebten. Die Proband:innen waren zwischen 18 und 71 Jahre alt und waren im Durchschnitt seit acht Jahren ein Paar.
Das Ergebnis war etwas überraschend: „Männer und Frauen sind in ihren Beziehungen vor allem dann zufrieden, wenn beide das Gefühl haben, wichtige Entscheidungen treffen zu können“, sagt Robert Körner und ergänzt: „Es geht also mehr um die gefühlte Macht.“ Denn, auch das zeigte die Studie, Männer besitzen nach wie vor mehr positionelle Macht – gemessen an Einkommen und dem Bildungsstand. Auch das Bedürfnis, die Entscheidungen zu treffen, war bei Männern im Durchschnitt stärker ausgeprägt. „Aber die beiden Faktoren zeigten keinen Einfluss auf die Beziehungsqualität“, so das Fazit Körners. Letztlich war also für die Proband:innen entscheidender, ob sie in einem für sie wichtigen Bereich Einfluss hatten, also zum Beispiel im Alltagsleben, bei der Kindererziehung, bei der Urlaubsplanung oder der Freizeitgestaltung.
Viele suchen längst nur innerhalb ihrer eigenen Blase
Und sie seien überwiegend in glücklichen Beziehungen gewesen. „In dysfunktionalen Beziehungen kann ein ökonomisches Ungleichgewicht durchaus einen Effekt auf die Zufriedenheit haben.“ Der Forscher und Psychologe gibt auch zu bedenken, dass extreme Unterschiede im Machtverhältnis den weniger einflussreichen Partner in der Beziehung auf Dauer unzufrieden machen. Ist also eine Person sehr dominant, geht dies selten auf Dauer gut. „In gesunden Beziehungen spielen Machtungleichgewichte aber keine Rolle“, betont er.
Inzwischen suchen viele ohnehin längst den oder die Partner:in vornehmlich in der eigenen Blase, also mit zumindest ähnlichem sozioökonomischem Hintergrund. „Das Prinzip der Augenhöhe der Partner ist heute sehr erwünscht“, sagt der Hamburger Paartherapeut Eric Hegmann. Denn, der alte Spruch „Gegensätze ziehen sich an“ trifft in Liebesbeziehungen leider selten zu. Letztlich verstehen sich Paare, die sich sehr ähnlich sind auf Dauer besser – und sind zufriedener.
Im Fall des ähnlichen Hintergrundes bedeutet dies: „Akademiker heiraten eben überwiegend Akademiker“, sagt Hegmann. Die Mehrheit der Paare vermeide ein allzu großes Ungleichgewicht. „Das tun sie nicht zwingend bewusst wegen des Geldes, sondern weil bei der Partnerwahl mehr Ähnlichkeiten für Sympathie sorgen.“ Denn: „Unterschiede gelten als bedrohlich oder bergen Konfliktpotenzial“, sagt er. Oft aber auch zu Unrecht: „Unterschiede sind auch Ergänzungen, es kommt auf den Blickwinkel an und die Bereitschaft, die Andersartigkeit des Partners als Gewinn zu erleben.“
Vieles ist möglich in der Liebe – aber nicht alles gleich wahrscheinlich
Denn natürlich gibt es auch nach wie vor ungleiche Konstellationen. Kann es heutzutage, wo Beziehungen freiwillig eingegangen werden, aber überhaupt noch funktionieren, wenn zwischen den Partner:innen ein extremes Machtungleichgewicht in Hinblick auf Geld und Status vorherrscht? Eric Hegmann sagt dazu schlicht: „In der Liebe ist alles möglich, aber nicht alles gleich wahrscheinlich.“
So hält sich nach wie vor nämlich auch das Klischee, dass Männer sich bei der Partnersuche eher nach unten und Frauen eher nach oben orientieren. So zeigte zum Beispiel eine Studie der drei amerikanischen Universitäten Buffalo, Thousand Oaks und Austin aus dem Jahr 2015, dass Männer doch eher gerne Frauen für langfristige Beziehungen suchen, die ihnen intellektuell unterlegen sind. Dabei wurden die Proband:innen verschiedenen Tests unterzogen. Schnitten die Frauen deutlich besser ab als die Männer, bewerteten jene die Frau als deutlich weniger attraktiv. Das Ergebnis der Forscher: Smarte und erfolgreiche Frauen bedrohten offensichtlich das Ego der Männer doch noch sehr arg.
Den Partner erst passend machen? Kann das wirklich funktionieren?
Hegmann wiederum findet es schwierig, Partnerpräferenzen von Männern und Frauen so allgemein zu beantworten. So zeigten ja einige Umfragen, dass sich die meisten inzwischen zwar Partner:innen auf Augenhöhen wünschen. Oft ist das aber eben nur der Anspruch. Die Realität sieht dann aber wieder anders aus. Das bestätigt nicht nur die Studie der amerikanischen Universitäten, sondern auch laut Hegmann eine Erhebung der Online-Partnerbörse Parship. Bei dieser wurden Menschen befragt, die langfristige Beziehungen suchten. Das Ergebnis: „Männer suchen doch eher noch die Krankenschwester als die Oberärztin“, sagt Hegmann. Sein Tipp für Partnersuchende ist daher: „Wählen Sie die Partner:in, die zu Ihnen passen und nicht jene, die Sie erst passend machen wollen.“
Er betont aber auch: Verallgemeinern lasse sich das ohnehin nicht, was Männer und Frauen nun letztlich suchten. „Es gibt Männer, die möchten sich in ihrer Rolle als Versorger erleben; es gibt Männer, denen ist das herzlich egal“, betont Hegmann. Zudem gebe es eben auch nach wie vor Frauen, die sich eine klassische Rollenverteilung wünschten. „Und die finden gewiss auch in Zukunft noch Partner, mit denen sie dies leben können“, sagt der Paartherapeut.
Sollte in solchen Konstellationen dann das Thema Geld immer wieder eine Rolle in der Beziehung Rolle spielen, empfiehlt Hegmann, darüber zu reden und zu verhandeln. So sollte es nicht allein die Aufgabe des finanziell schwächeren Parts sein, sich unabhängig fühlen zu müssen. „Auch der finanziell stärkere Partner muss einen Teil dazu beitragen, dem anderen Unabhängigkeit zu lassen“, betont er. „Und das Reden lässt sich nicht ersparen durch vermeintlich allgemeingültig Tipps, die für jedes Paar passen. Die gibt es nämlich nicht.“