Heiraten in Deutschland Muss man die Ehe in Frage stellen?

, aktualisiert am 04.04.2023 - 11:04 Uhr
Die Art, wie wir unsere Beziehungen führen, wird auch maßgeblich von der Politik mitbestimmt. Foto: Antonioguillem - stock.adobe.com

Die monogame Ehe gilt als Non-Plus-Ultra – auch politisch hat sie eine Vorrangstellung. Der Staat greift damit tief in unser Privatleben ein. Ist das noch zeitgemäß? [Plus-Archiv]

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Die Art, wie wir lieben und Sex haben, ist in den letzten 50 Jahren zunehmend entpolitisiert worden. Jeder darf heute mit jedem einvernehmlich machen, was er möchte. Es gibt homosexuelle Paare, offene und polyamore Beziehungen. Stichwort: sexuelle Revolution. Dieser Prozess steht jedoch bei der Liebe und ihrer gesellschaftlichen Institutionalisierung noch sehr am Anfang.

 

Natürlich sind die Zeiten vorbei, in denen die Ehefrau quasi der Besitz des eigenen Mannes ist. Der Ehemann muss der Frau nicht mehr erlauben, ob sie arbeiten oder Auto fahren darf. Auch sexuelle Gewalt innerhalb der Ehe ist glücklicherweise seit 1997 eine Straftat. „1976 war das letzte Jahr, in dem in Westdeutschland, im angeblich so freien Teil der Welt, im sogenannten christlichen Abendland, noch eine Scharia-artige Gesetzgebung galt“, schreibt die Autorin und „taz“-Redakteurin Katja Kuhlmann in ihrem Buch „Die Singuläre Frau“.

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Doch was sich bis heute nicht geändert hat: Die heterosexuelle, monogame Zweierbeziehung gilt immer noch als die gesellschaftlich am meisten akzeptierte Lebens- und Liebesform. Auch, weil die Art, wie wir lieben sollen, politisch noch stark vorgegeben wird. Der Staat greift tief in unser Privatleben ein. Warum eigentlich? Inzwischen haben sich unsere gesellschaftlichen Realitäten verändert, nicht jeder muss heute zwingend heiraten, um ein akzeptierter Teil der Gesellschaft zu sein. Der Anteil der Singlehaushalte beträgt im Jahr 2020 im bundesweiten Durchschnitt etwa 42 Prozent. Längst leben viele Deutsche nicht mehr das klassische Paarmodell. Trotzdem genießt politisch die bürgerliche Kleinfamilie einen Sonderstatus. Dies ist auch in unserem Grundgesetz so verankert. Damit ist Deutschland eines der wenigen Ländern, in denen dies der Fall ist.

Das Alleinleben wird immer noch stigmatisiert

So wird das Alleinleben nicht nur häufig sehr stigmatisiert, sondern auch staatlich null unterstützt, geschweige denn gefördert. Alleinlebende sind ein Affront, konservative Kreise machen sie mitverantwortlich für das prekäre Rentensystem, aber auch für den Verfall von Sitten und Moral und den Untergang von gesellschaftlichen Traditionen. Im Jahr 2004 schrieb der inzwischen verstorbene Herausgeber der „FAZ“, Frank Schirrmacher, von einer „schwelenden Unruhe zwischen Kinderlosen und Eltern“, zwischen der „Fraktion der Ernährer“ und der „Fraktion der Egoisten“ – und warnte zudem vor der Auflösung der Familie als „Keimzelle der Gesellschaft“. Die Familien gelten als das Grundgerüst der Gesellschaft, Singles und Alleinlebende können dies offensichtlich nicht leisten. Aber warum? Die promovierte Literaturwissenschaftlerin Gunda Windmüller schreibt in „Weiblich, ledig, glücklich – und sucht nicht“: „Singles wurden schon historisch gesehen in fast jeder Kultur stigmatisiert – als Klotz am Bein der Gemeinschaft, als renitente Verweigerer, als nicht ganz zugehörig.“

Warum sollen Singles eher frieren?

Aber sind Singles wirklich „ein Klotz am Bein“? Singles zahlen mehr Steuern, haben aber höhere Ausgaben, auch in die Pflegeversicherung zahlen sie inzwischen mehr ein, Kinderlose verdienen zudem durchweg bis zur Rente. Dafür haben sie oft das Nachsehen: Kürzlich hieß es von der Bundesnetzagentur, im Falle eines Gasnotfalles durch den russischen Krieg in der Ukraine seien Saunaverbote im Privaten und Einschränkungen bei Singlehaushalten möglich. Warum Singlehaushalte noch vor Paaren ohne Kinder – in der Regel Doppelverdiener – zum Frieren gezwungen werden? Unklar.

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Ebenso in der Coronapandemie: Die gesamte Maßnahmenverordnung war auf die bürgerliche Kleinfamilie zugeschnitten. So war es in Baden-Württemberg während der abendlichen Ausgangssperre Alleinlebenden nicht erlaubt, nach 20 Uhr noch jemanden zu besuchen. Wer allein lebte, war also während des Lockdowns vor allem eines: noch mehr allein. Das zeigt: Die meisten Politiker haben die Situation von Singles überhaupt nicht auf dem Schirm. Singles fallen unter dem Radar durch – und haben keine Lobby. Die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) sagte dazu einmal dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“: „Man kann geschieden sein, zum vierten Mal verheiratet, man kann schwul, lesbisch, irgendwas sein, aber alleinstehend, das geht nicht.“

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Doch warum greift der Staat im 21. Jahrhundert noch derart tief in unser Privatleben ein? „Mit der Überhöhung der Ehe urteilt der Gesetzgeber moralisch über Menschen, über deren Liebe er nichts wissen kann. Dieses moralische Urteil wirkte in Westdeutschland lange mit erheblichen rechtlichen und sozialen Folgen vor allem auf Kinder und ihre Mütter, an deren Eignung als Elternteil gezweifelt wurde, weil sie nicht verheiratet, waren“, schreibt die Autorin und Feministin Teresa Bücker in ihrem Essay „Ist es radikal, die Ehe abschaffen zu wollen“ im „SZ-Magazin“. Jegliche Diskriminierung von Menschen, die ihre Partnerschaft anders lebten, werde mit Verweis auf „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung“ abgetan, klagt Bücker.

Liebe ist immer auch politisch

Radikaler als Bücker sieht das gesellschaftliche Konstrukt Ehe die Autorin Şeyda Kurt in ihrem Buch „Radikale Zärtlichkeit – warum Liebe politisch ist“. Für sie sind Liebe und Paarbeziehungen unnötig aufgeladen mit Verheißungen. Liebesbeziehungen seien in „Gedankenkorsette“ gezwängt, die uns bürgerliche Wertvorstellungen aufzwingen wollten. Sie ist der Meinung, dass unsere Beziehungen stark von Machtverhältnissen und Unterdrückung geprägt sind. „Letztlich sollte es doch darum gehen, die Institution Ehe als solche infrage zu stellen – und ihren Sonderstatus“, schreibt Kurt. „Warum genießt sie überhaupt Vorrechte? Warum gibt es kein steuerliches Wohngemeinschaftsplitting? Warum kein Gemeinschaftssplitting? Oder Freund*innensplitting?“

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Schlimmer noch aber als gesellschaftliche Ungerechtigkeiten ist: Viele Menschen ertragen der Liebe wegen traditionelle Rollenaufteilungen oder körperliche wie psychische Gewalt, weil Liebe, so die Autorin, noch immer als höhere Macht angesehen werde. Für Frauen beispielsweise ist eine romantische Zweierbeziehung oftmals mit Abhängigkeit und Hausarbeit verbunden. Doch warum eigentlich? „Wir leiden für die romantische Liebe. Die Liebe rechtfertigt alles, denn sie ist heilig.“ Şeyda Kurt nennt diese Überzeugung „toxische Romantik“.

Die monogame Zweierbeziehung ist nicht der Hort der Glückseligkeit

Wir zelebrieren die romantische Liebe als überhöhtes Ideal – und ordnen alles andere diesem unter. Wer mit diesem Ideal bricht, begeht immer noch einen Affront. Aber sollten wir da nicht längst weiter sein? Vor allem, nachdem wir eigentlich wissen, dass die monogame Zweierbeziehung längst nicht der Hort der Glückseligkeit ist? Dass er über viele Menschen auch unendlich viel Leid bringt wie häusliche Gewalt, Unterdrückung und Betrug? Vor allem Frauen waren von jeher davon mehr betroffen – aber oft aus gesellschaftlichen, sozialen, finanziellen und politischen Gründen dazu verdammt, in gewalttätigen oder zerstörerischen Beziehungen zu bleiben.

Durch die staatliche Sonderstellung der Ehe bleibt aber eben auch genau dieser gesellschaftliche Druck aufrechterhalten. Wer keine Beziehung führt, ist weniger wert. Wer sich scheiden lässt, gilt als „gescheitert“. Dabei ist das Ende einer Beziehung kein Scheitern. Beziehungen gehen auseinander, weil die Liebe schwindet, weil sich die Interessen ändern oder weil man eine falsche Wahl getroffen hat. Dennoch glauben wir an ein persönliches Scheitern. Alleinleben ist daher oft mit Scham verbunden. Und teuer! Wer sich scheiden lässt, bezahlt dem Staat schließlich eine Menge Geld, dafür, dass er künftig ohne seinen Partner sein darf. „Die Scheidungsraten in dieser Welt hätten, angewendet auf die kommerzielle Luftfahrt, schon lange zur Abschaffung derselben geführt“, schreibt die Autorin Anna Waak in der „Zeit“.

Man muss die Ehe nicht komplett in Frage stellen

Man muss die Ehe als solches nicht in Gänze infrage stellen, um sich zu fragen, ob die Sonderstellung der Ehe noch gerechtfertigt ist. Jeder, der seine Liebe vor dem Staat oder vor der Kirche besiegeln möchte, sollte dies weiterhin tun können. Für viele Paare ist dies ein überaus romantischer Weg, ihre Beziehung zu besiegeln. Eine staatliche Begünstigung ist aber schlicht nicht mehr zeitgemäß, da viele Menschen längst eigene Liebesmodelle leben. Die Art, wie jemand sein Privatleben gestaltet, darf politisch keine Rolle spielen. Es ist schlicht: Privatsache.

Zudem: Viel Leid in Beziehungen kommt daher, dass wir immer noch glauben, die romantische Zweierbeziehung sei das Nonplusultra und damit die einzige angesehene und anzustrebende Lebensform. Aber – sie ist es nicht. Viele Menschen wählen die konventionelle, bürgerliche Existenz, weil uns von klein auf immer noch eingebläut wird, es sei die einzige legitime Lebensform. Aber warum sollte es nur eine einzige Art zu leben und zu lieben geben?

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Aber warum wird so daran festgehalten an der monogamen Ehe? „Meine Vermutung ist, dass das Nachdenken über die Abschaffung der Ehe und auch über den wesentlich kleineren Teil, das Ehegattensplitting, so stark abgewehrt wird, weil es als Angriff auf die Liebe verstanden wird“, schreibt Bücker. „Dabei ist das Gegenteil der Fall: Die Liebe und die Fürsorge füreinander, die in nichtehelichen Gemeinschaften gelebt werden, könnten sichtbarer gemacht und unterstützt werden, wenn sie genauso wertschätzend behandelt würden wie die Ehe. Es geht um mehr Liebe für alle.“ Solange aber die staatliche Sonderstellung existiert, so lange sind andere Lebens- und Liebesformen auch gesellschaftlich weiterhin ein Tabu.

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