Affären erlaubt Kann die offene Beziehung funktionieren?

Macht eine offene Beziehung glücklicher? Foto: lassedesignen - stock.adobe.com

Die monogame Beziehung gilt als Standard. Die Art, wie wir leben , wandelt sich aber. Viele Paare leben bewusst in einer offenen Partnerschaft und gestehen sich sexuelle Freiheiten zu. Kann das funktionieren?

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Anna Zimt ist 36 Jahre alt, die Hälfte ihres Lebens hat sie mit ihrem Mann Max verbracht. Aber eben nicht nur. Sie führen eine offene Beziehung – seit elf Jahren. „Hätte mir das jemand einige Jahre vor dieser Entscheidung gesagt – ich hätte ihm einen Vogel gezeigt“, erzählt sie heute. Heute spricht das Ehepaar in seinem Podcast „Max und Anna Zimt“ ausführlich über seine offene Ehe.

 

„Anfangs war ich in unserer Beziehung klammerig und oft eifersüchtig“, sagt die 36-jährige Hamburgerin, die inzwischen selbstständig als Podcasterin und Buchautorin arbeitet. Aber das sei inzwischen für sie kein Thema mehr. „Auch weil ich weiß: Wir sind so lange zusammen und haben so viele Phasen im Leben zusammen durchgestanden.“

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Auch eine Trennung. Sie war damals Mitte zwanzig und haderte mit ihrem Leben. Mit ihrem Job als Sozialarbeiterin in ihrer Studienstadt Göttingen war sie ziemlich unzufrieden. „Eigentlich wollte ich raus in die Welt. Ich habe schon so einen Rampensau-Anteil in mir“, sagt sie. „Mein Mann hat mir alle Freiheiten gegeben. Auch die, mich freizumachen von diesem ‚Wir-Gedanken‘“, sagt sie.

Sie ist dann nach Berlin gezogen, sie haben sich aber weiterhin besucht. „Da hatten wir dann eine Affäre – nachdem wir davor schon acht Jahre eine Beziehung geführt hatten“, erzählt sie. „Wir waren aber beide offiziell Single.“ Trotzdem hätten sie sich gegenseitig von anderen Menschen in ihrem Leben erzählt. „Das hat uns zusammengeschweißt.“

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Wenn der Partner sich mit jemand anderem trifft oder Sex hat, ist es anfangs schwierig, darauf mit positiven Gefühlen zu reagieren. Eifersucht, Wut, Traurigkeit kommen dann auf. Die meisten Männer und Frauen erwarten vom Partner Treue. Eine Verletzung dieser Erwartung in Form eines Seitensprungs hat für viele betrogene Männer und Frauen schwere psychische Probleme zur Folge. Dies zeigen Studien des Projekts theratalk.de. Wie häufig das vorkommt und ob die offene Partnerschaft vielleicht doch ein Erfolgsmodell ist, untersuchten die Forscher daher in einer Studie, an der 10 000 Männer und Frauen teilnahmen, die unterschiedliche Beziehungsmodelle leben.

Offene Partnerschaften sind im Mittel nicht glücklicher

Damit eine Partnerschaft für die Wissenschaftler als offene Partnerschaft gilt, müssen beide Partner einverstanden sein, dass der andere weitere sexuelle Kontakte hat. Die Daten zeigen: Im Mittel sind offene Partnerschaften weder glücklicher noch unglücklicher als monogame Paare. Dies gilt aber nur, solange sich zwei Partner zusammenfinden, denen Treue unwichtig ist.

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Wer seinen Partner zur Offenheit bekehren will, erzeugt eher Leid. Zu dem Schluss kommt eine Studie der University of Rochester. Wissenschaftler haben über 1600 Teilnehmende mit verschiedenen Beziehungsmodellen zu ihrer Zufriedenheit befragt. Das Ergebnis: Die monogamen und einvernehmlich nicht-monogamen Beziehungen funktionieren am besten.

In den teilweise offenen und den einseitig nicht-monogamen Beziehungen zeigten die Befragten weniger Zuneigung und Zärtlichkeit; außerdem fühlten sie sich häufiger einsam und hatten mehr Kummer. „Geheimniskrämerei in Bezug auf sexuelle Aktivitäten mit anderen kann toxisch werden und zu Gefühlen von Vernachlässigung, Zurückweisung, Unsicherheit, Eifersucht und Verrat führen“, sagte der Studienautor Ronald Rogge. Der Untersuchung zufolge sind zwei Dinge für das Gelingen wichtig: Einvernehmlichkeit und Kommunikation.

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Anna Zimt und ihr Mann Max haben sich irgendwann wieder für eine Beziehung entschieden. Ihnen sei klar geworden: Eine bloße Affäre – das sind sie nicht. „Wir wollten zusammenleben“, sagt sie. Aber was war mit den anderen? „Das wollten wir beide nicht aufgeben.“ Es gibt auch weiterhin andere Männer in ihrem Leben, andere Frauen in seinem Leben. „Wir haben unseren Weg gefunden, unsere Liebe zu leben. Unsere Erfahrung war auch: Wenn wir andere begehren oder uns verknallen, ändert das nichts an unserer Liebe und daran, dass wir zusammengehören“, sagt Zimt. Anfangs war das für beide trotzdem alles verwirrend. „Es gab ja damals kaum Vorbilder, kein Instagram oder andere Anlaufstellen“, sagt sie. „Das mussten wir selbst für uns ausdiskutieren.“

Eifersucht kann man tatsächlich überwinden

Eine langjährige Beziehung zu öffnen, ist nicht einfach. Es geht um tiefe Emotionen, es geht um Verlustängste und Besitzansprüche an den anderen. Für sie sei es einfacher, so Zimt, weil sie beide dieses Bedürfnis verspürt hätten. Die anfänglichen eifersüchtigen Gefühle hätten sie überwunden. Dies sei eine Lernerfahrung. „Wenn man merkt, dass das Eis trägt.“ Wichtig sei beiden, dass sie sich über die anderen Menschen austauschen. Wen trifft der andere? Welche Bedeutung hat die andere? „Sexuelle Details erzählen wir uns aber nicht – auch weil die dritte Person ja ein Recht auf ihre Privatsphäre hat“, sagt Zimt.

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Offene Beziehungen rufen bei anderen immer viel Unverständnis hervor, viele lehnen dieses Liebesmodell zutiefst ab. Die Monogamie gilt als die vorherrschende Beziehungsform. Aber muss sich ihr wirklich jeder unterwerfen? Einen Großteil seines Selbstwertes zieht der moderne Mensch aus seinen Beziehungen. „Daher auch die teilweise ins Obsessive kippende Eifersucht. Denn wer betrogen wird, ist offiziell am wichtigsten Anspruch unserer Zeit gescheitert: ein liebenswertes, begehrtes Individuum zu sein“, schreibt der Autor und Journalist Friedemann Karig dazu in seinem Buch „Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie“. Die Fallhöhe sei „immens“. Um diesen Selbstwertmangel zu überwinden, muss man viel an sich arbeiten.

Eine offene Beziehung ist mehr als nur „Sex mit anderen“ zu haben

Anfangs haben die Zimts auch viel Kritik zu hören bekommen. „Vieles sind Vorurteile, die meisten kennen es schlicht nicht anders, als dass eine Beziehung zu zweit sein muss“, sagt sie. „Das rüttelt bei vielen an den Grundfesten ihrer Welt.“ Sie lasse das an sich abprallen. Aus ihrer Sicht bedeutet eine „offene Beziehung“ nicht zwingend, Sex mit jemand anderem zu haben. Offen zu sein, das bedeute für sie, bedingungslos ehrlich zu sein und über die intimsten Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen. Sicher sei ein offenes Beziehungsmodell nicht für jeden etwas. Es brauche Mut, Vertrauen in sich selbst und die Bereitschaft, den anderen „in die eigene Seele schauen zu lassen“, sagt Anna Zimt.

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