Viele Menschen haben die Sehnsucht, mit ihrem Partner zu verschmelzen. Schon Platon sagte: „Lieben: das heisst Seele werden wollen in einem anderen.“ „Du hast mein Leben komplett gemacht“ bedeutet aber immer auch: Ohne dich bin ich gar nicht vollständig.
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Kann so eine Beziehung funktionieren? Dass wir den anderen so sehr brauchen, dass wir ohne ihn nicht vollständig sind? Alexander Noyon (53), Verhaltenstherapeut und Professor für Psychologie in der Sozialen Arbeit an der Hochschule Mannheim, glaubt: Nein. Miteinander zu verschmelzen sei eine große Sehnsucht, die viele Menschen in Paarbeziehungen hätten, sagt er bei dem Workshop „Selbstbestimmt und doch verbunden“ am Stuttgarter Hospitalhof. Er betont aber, wie wichtig die Selbstverantwortung in einer Beziehung ist. „Auch wenn wir uns Verschmelzen noch so sehr wünschen – es ist gar nicht möglich, und zum Glück für eine gute Beziehung nicht nötig.“
Wollen wir mit dem Partner verschmelzen, verlieren wir einen Teil von uns
Verschmelzen wir mit dem Partner oder der Partnerin komplett, geht immer auch ein Teil von uns verloren. Wir leben nur noch für den anderen. Oft ist das dann aber keine gesunde Beziehung mehr, sondern sie besteht aus einer Abhängigkeit – wir haben zu viel Nähe und zu wenig Distanz.
Wie führen wir eine gute Beziehung? In die „Kunst des Liebens“ schrieb der US-amerikanische Psychoanalytiker Erich Fromm: „Diese Annahme, dass nichts leichter ist als die Liebe, ist immer noch die vorherrschende Vorstellung, obgleich das Gegenteil in überwältigendem Umfang bewiesen ist.“
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Der Auffassung ist auch Noyon: „Die Partnerschaft ist die zweitschwierigste Aufgabe im Leben.“ (Die schwierigste sei im Übrigen, Kinder groß zu kriegen). Natürlich gibt es Paare, denen das scheinbar spielend gelingt, die wissen, wie sie mit dem anderen umgehen müssen, um dauerhaft glücklich zu sein. Oft ist aber das Gegenteil der Fall. Das liegt unter anderem auch daran, dass unsere Vorstellungen von gelingenden Beziehungen oft auch von Hollywood-Klischees durchtränkt sind.
Wir lernen gar nicht, wie wir eine gute Beziehung führen
Auch sind wir fast alle in Beziehungsdingen eben oft Laien. Wir wollen deshalb nur allzu gerne glauben, dass wenn die Liebe zwischen zwei Menschen nur groß genug ist, dass die Beziehung zusammen dann quasi ein Selbstläufer ist. Doch das ist ein Trugschluss. Eine gute, zufriedene Beziehung zu führen, ist immer viel Arbeit.
Auch lernen wir häufig gar nicht richtig, wie wir eine gute Beziehung führen. Wir lernen am Modell, also bei unseren Eltern oder unseren Großeltern. Aber wenn es da schon nicht optimal lief, haben wir häufig falsche Vorbilder im Kopf. Zudem waren früher Beziehungen oft ein funktionales Modell – die anhaltende Liebe stand dabei gar nicht so sehr im Vordergrund.
Studien hätten aber gezeigt, so Noyon, dass ein „Ehevorbereitungsseminar“ die Wahrscheinlichkeit einer Trennung deutlich reduzieren würde. Allerdings: Wer will bitte so einen Kurs besuchen, wenn er grade frisch verliebt ist und noch in dem Glauben lebt, dass die neue Beziehung definitiv für immer hält? „Natürlich ist die Frage am Anfang ‚Glaubst du wir brauchen das?‘ eine komische Botschaft für den anderen“, sagt auch Noyon. Aber: „Prävention ist möglich.“
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Zu Beginn einer Liebe sind wir nämlich – meistens zumindest – hoffnungslos verliebt. „Die Anfangszeit ist recht psychotisch“, sagt Noyon schmunzelnd. Diesen Zustand können wir gar nicht über längere Zeit aushalten. Das wäre für uns körperlich und psychisch viel zu anstrengend. Deshalb lässt die Verliebtheitsphase in der Regel nach ein paar Monaten oder vielleicht wenigen Jahren nach – das hat die Biologie schon so für uns eingerichtet.
„Ent-täuscht“ zu werden, ist gar nicht so schlecht
Wenn die Verliebtheitsphase nachlasse, erlebten wir oft eine „Ent-Täuschung“ – wir täuschen uns nicht mehr über Eigenschaften und Wesenszüge des Partners, sagt er. Gefällt uns das, was wir mit klarem Blick sehen, dann immer noch, bleiben wir mit dem anderen zusammen. Als „resignative Reife“ habe dies einmal der Psychotherapeut Arnold Retzer bezeichnet, so Noyon. Wir sehen, dass der anderen Schwächen hat – und lieben ihn trotzdem. „Das ist durchaus als ein positives Ziel zu verstehen, denn es gibt keinen Menschen auf dieser Welt, der mich komplett macht.“
Oft erlebe er bei Klienten, dass sie kommen und sagen, sie hätten jetzt das Grundproblem an ihrem Partner erkannt. „Ich wechsle mal“, sagten diese dann oft. „Aber das führt zu nichts, weil jeder von uns hat ein Grundproblem“, betont Noyon. Manche wechselten dann und wechselten immer wieder... Tatsächlich müsse man aber vielmehr die Hoffnung aufgeben, dass dieses Grundproblem verschwinde und stattdessen sagen: „Ich nehme dich, wie Du bist, weil so vieles an dir ist toll.“
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Noyon empfiehlt auch, sich wirklich jeden Tag bewusst für den Partner oder die Partnerin Zeit zu nehmen. Vor allem sei es wichtig, dass Beziehungen ausgeglichen seien, was das Nähe-Distanz-Verhältnis angehe: „Alles was in der Balance ist, ist gesünder als das Extreme.“ Ein Paar, das eine ausgewogene Beziehung lebe, bestehe aus einem „Wir“, aber eben auch aus einem „Ich“ und einem „Du“. Je mehr sich jemand in einer Paarbeziehung selbst aufgibt, desto eher droht das Projekt zu scheitern. „Das passiert eher bei verschmolzenen und distanzierten Paaren“, so die Erfahrung Noyons.
Tatsächlich sei die Nähe-Distanz-Regulation nie perfekt, es gebe immer einen der mehr liebe, mehr Sex wolle, mehr Nähe. Und dies gelte es immer wieder neu auszutarieren. „Partnerschaft ist ein unglaublich bewegliches Geschäft“, sagt Noyon.
In die Partnerschaft zu investieren, ist wie Zähneputzen
Er redet sogar von einem „Investitionsmodell“, auch wenn das etwas sperrig klingt. Aber es gehe in einer Beziehung immer auch um Selbstverantwortung, also darum, die Dinge in die Hand zu nehmen und nicht zu erwarten, dass sich wie noch zu Beginn alles von alleine regelt – oder dass der andere es tut. „Die meisten investieren für die Partnerschaft viel zu wenig Zeit“, sagt er. „Aber Partnerschaftspflege ist wie Zähneputzen: Man ist nie fertig und man sollte es mindestens zweimal täglich tun.“
Und die sei auch nicht „mit zwei Seminaren oder einem Gespräch“ erledigt. Man dürfe umgekehrt auch nicht erwarten, dass man mit dem anderen zu jedem Zeitpunkt glücklich sei. „Die Maßeinheit für Glück sind vielmehr Momente“, sagt Noyon.
Vor allem Frauen neigen dazu, sich aufzugeben
Statt auf Verschmelzung kann man stattdessen eben auf eine Öffnung dem anderen gegenübersetzen. Also auf ein vertrauensvolles, ehrliches Miteinander – und dabei gleichzeitig sich selbst und das eigene Leben nicht aus den Augen zu verlieren. „Vor allem Frauen neigen dazu, in einer Beziehung alles passend machen zu wollen“, sagt Noyon. Und, sie dächten oft: „Denn zivilisiere ich mir noch zurecht.“ Was in der Regel nicht funktioniert…
Allerdings sei es bei Männern wiederum so, dass sie den Frauen in der Persönlichkeitsentwicklung hinterherhinkten, weil sie sich weniger mit sich selbst auseinandersetzen wollten. „Der Mann tritt dann oft auf der Stelle“, sagt Noyon und ergänzt ein Zitat: „Frauen hoffen, dass sie die Männer noch ändern werden – und sie tun es nicht. Die Männer hoffen, dass die Frau sich nicht ändert – und sie tun es.“