„Keine Beziehung. Keine Gefühle. Einfach Sex. Was auch immer passiert, wir bleiben Freunde.“ Das beschließen Jamie (Mila Kunis) und Dylan (Justin Timberlake) im Film „Freunde mit gewissen Vorzügen“ beim Verhandeln der Regeln ihrer sexuellen Vereinbarung, während sie auf eine iPad Bibel schwören. Oft rutscht man in so eine Sache auch einfach rein. Man ist jahrelang befreundet, kennt sich gut, erzählt sich viel, vertraut sich. Und dann ist da meistens dieser eine Abend, an dem sich beide ein bisschen einsam fühlen und sich ein bisschen mehr wünschen. In dem Moment ist es dann das total selbstverständlichste der Welt, dass man dann einfach zusammen Sex hat.
Eine Freundschaft plus, das ist mehr als nur eine Affäre - und weniger als eine Beziehung mit all ihren Verpflichtungen, Gefühlen und öffentlichen Zugeständnissen. Eine Freundschaft eben, die Sex ebenso beinhaltet wie gemeinsame Ausflüge oder das Tränentrocknen in einer schweren Zeit.
Das Ticket zum Liebeskummer
Das macht es aber auch allerdings kompliziert. Aber kann das funktionieren ohne die Freundschaft zu zerstören? Kann ich mit jemand einfach nur eine tolle Zeit haben und diese genießen, wenn ich weiß, die ganze Sache hat ein Ablaufdatum? Und was ist, wenn sich einer von beiden verliebt? Ist das Drama nicht von Anfang an vorprogrammiert?
Der Hamburger Coach und Paarberater Eric Hegmann sagt, er sei sicher, es gebe durchaus Verhältnisse, die über die reine platonische Freundschaft hinausgehen und die funktionierten. Aber in seiner Praxis erlebe er doch sehr oft das Gegenteil. „Freundschaft plus ist meiner Erfahrung nach meist das Ticket zum Liebeskummer. Denn wer häufig erfüllenden Sex hat mit einer Person, die einem sympathisch ist, der wird sich irgendwann verlieben, dafür sorgen schon die biochemischen Abläufe im Körper.“ Ein Partner wünsche sich dann meist irgendwann ein festes Beziehungsmodell, der andere ziehe sich dann mit dem Argument zurück, dass sei doch im Vorfeld abgesprochen gewesen, dass dies nicht in Frage käme.
Manche suchen einfach Trost
Oft ist eine Beziehung zu führen, nämlich gar nicht die Intention warum zwei Menschen ein Modell, wie eine Freundschaft plus miteinander anfangen. Oft ist es genau das Gegenteil: Man hat eine Trennung hinter sich oder leidet an Liebeskummer wegen jemand anderes und ist auf der Suche nach Trost. Eine Freundschaft mit mehr ist deshalb oft ein Beziehungsersatz in einer Zeit, in der man eigentlich keine Beziehung möchte – und auch gar nicht bereit dafür ist.
Wir suchen lediglich nach jemandem, der uns versteht, der uns Halt gibt und uns auffängt – und mit uns ein bisschen eine Ersatzbeziehung führt, damit wir den Verlust der richtigen Beziehung weniger spüren müssen.
Aber warum eigentlich nicht? Die österreichische Bloggerin und Youtuberin Alena Riha hat ein Buch über diese besondere Beziehungsform geschrieben („Freundschaft plus – 33 Geschichten von Friends with Benefits“). Darin erzählen 33 Menschen von ihren teils humorvollen, teils traurigen, aber auch glücklichen Erlebnissen aus ihrer „Freundschaft plus“. Alle zeigen, die Leichtigkeit in einer Freundschaft kann schnell verloren gehen, wenn Sex dazu kommt. Viele in den Geschichten haben das Spiel um die Liebe verloren, aber die Erkenntnis für sich mitgenommen: Sex ist nur dann unkompliziert, wenn keine Gefühle im Spiel sind.
Wir erliegen der Illusion eine „Freundschaft plus“ sei leichter
Aber wie können in einem Verhältnis überhaupt keine Gefühle im Spiel sein, wenn man sich doch ohnehin schon sehr gut kennt und schon vorher für diesen anderen Menschen sehr viele Gefühle hatte? Dahinter steckt meistens die Angst vor einer richtigen Beziehung mit allem Drum und Dran – aber mit einem durchaus großen Bedürfnis nach Nähe. Wir erliegen der Illusion, dass eine Freundschaft plus leichter und unbeschwerter ist, weil es ist ja alles so unverbindlich.
Aber wann ist es schon unverbindlich zwischen zwei Menschen? Wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben, eine unverbindliche Beziehungsform ist einfacher, weil es bestimmt nicht so weh tut, wenn sie scheitert. Oft nehmen wir auch aus Unsicherheit und Bequemlichkeit das Naheliegende – und machen den besten Freund oder die beste Freundin im schlimmsten Fall zum Trostpflaster für unser eigenes, gescheitertes Liebesleben. Damit laufen wir am Ende Gefahr, dass wir den besten Freund dann auch verlieren.
Studie: Ein Viertel war am Ende nicht mehr befreundet
Eine Studie von Melissa A. Bisson und Timothy R. Levine , die Collegestudierende, welche zuvor oder aktuell in einer „Freundschaft Plus“ lebten, bezüglich des Ausgangs der Beziehung befragte, zeigte, dass die Beziehungen sich in viele unterschiedliche Richtungen entwickelt hatten. Nur etwa 28 Prozent berichteten, dass sie weiterhin in einer „Freundschaft Plus“ seien; etwa 35 Prozent sagten, dass sie aufgehört hätten, miteinander zu schlafen und Freunde/innen geblieben seien, etwa zehn Prozent gaben an, dass sich die „Freundschaft Plus“ in eine feste Beziehung entwickelt habe und mit rund 25 Prozent sagte immerhin ein Viertel, dass die Beziehung komplett beendet worden sei.
In einer anderen Studie von Jesse Owen und Frank M. Fincham wurden Collegestudierende zu ihrer jüngst vergangenen und beendeten „Freundschaft Plus“ befragt. Etwa die Hälfte gab an, dass sie keine Freunde/innen mehr seien oder sich weniger nahe stünden als zuvor. Hingegen gab die andere Hälfte an, dass die Freundschaft genauso stark bzw. stärker sei als zuvor. Demnach kann durchaus alles wieder so werden, wie es vor der „Freundschaft Plus“ war, allerdings ist das nicht garantiert.
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Männer und Frauen definieren dieses Modell für sich unterschiedlich
Eindeutig zeigt eine Studie von Justin J. Lehmiller, Laura Vander Drift Machia und Janice Kelly, dass Männer und Frauen dieser Beziehungsform auch eine unterschiedliche Bedeutung beimessen. Die Forscher befragten 411 Erwachsene im Alter von 18 bis 65 Jahren – was übrigens auch zeigt, dass dieses Modell in jedem Alter vorkommt. Alle Probanden/innen befanden sich zum Befragungszeitpunkt in einer „Freundschaft Plus“. Als sie gefragt wurden, warum sie diese Form der Beziehung begonnen haben, gaben die meisten Männer und Frauen den Sex als Hauptgrund an, was vielleicht nicht überraschend ist. Allerdings nannten die Männer (72 Prozent) signifikant häufiger als die Frauen (56 Prozent) den Sex als Hauptgrund.
Wo ist eigentlich der Unterschied zu einer richtigen Beziehung?
Ein Drittel der Frauen sagten, ihr primärer Beweggrund für den Beginn einer solchen Beziehung sei die emotionale Verbindung mit der Person, dies wiederum gab nur jeder vierte Mann an. Fast zwei Drittel der Frauen (69 Prozent) sagten, sie hofften, dass sich die Beziehung sich in irgendeiner Form verändere, sei es, dass eine feste Beziehung daraus entstünde, man wieder einfach Freunde werde, oder dass sowohl die freundschaftliche als auch die sexuelle Beziehung beendet werde. Im Vergleich dazu äußerten die meisten Männer (60 Prozent) den Wunsch, dass die „Freundschaft Plus“ in der Zukunft gleich bleibe.
Ein Hauptgrund, warum dieses Modell also so kompliziert ist, scheinen also die unterschiedlichen Erwartungen zwischen Männer und Frauen zu sein und dass sie nicht dieselben Vorstellungen von der Beziehung und deren Zukunft haben. Eine Freundschaft plus ist eine Erweiterung einer Freundschaft. Zu der Freundschaft kommt Sex dazu – eigentlich gibt es damit kaum einen Unterschied zu einer Beziehung.
Die Frage ist: Warum gehe ich nicht ganz rein?
Die Frage ist also: Warum gehe ich nicht ganz rein? Oder warum bleibe ich nicht ganz draußen? Oft steckt dahinter die Angst vor Verbindlichkeit, die Angst vor Verantwortung – und nicht zuletzt die Angst, wieder enttäuscht zu werden. Meistens kommuniziere einer ganz klar, dass er keine feste Beziehung wolle, sagt Hegmann. „Doch das ist genau der Satz, den ein ängstlicher Beziehungstyp braucht, um sich euphorisch zu verlieben.“ Ob wir eine derart lose Verbindung leben, sagt also auch viel über unseren Beziehungsstil und unsere Ängste im Zusammenhang mit Beziehungen aus. Oft ist dann nämlich auch der Partner, der auf gar keinen Fall eine Beziehung wünscht, eher ein beziehungsvermeidender Typ. „Freundschaft plus ist ein Symptom einer Bindungs- und Verlustangst, die durch viele schmerzhafte Trennungserfahrungen zunehmen können“, sagt Eric Hegmann.
Jede Trennung ist ein kleines Trauma
Es ist heutzutage selten geworden, dass wir in der frühen Jugend unseren Partner fürs Leben kennenlernen und mit diesem bis an unser Lebensende zusammenbleiben. Oft leben wir also im Laufe unseres Lebens eine Art serielle Monogamie – wenn eine Beziehung zu Ende geht, fangen wir mit jemand anderem wieder neu an. Das kann gut für uns sein, weil wir durch jedes Beziehungsende auch unsere Schwächen besser kennen lernen. „Aber jede Trennung sorgt für eine Verletzung unseres Selbstwertes“, schreibt Hegmann. „Und verletzter Selbstwert steuert die Schutzstrategien, die in Bindungsangst und Verlustangst zeigen.“ Der Satz „Ich will keine Beziehung“ kann also einerseits bedeuten „Ich will keine Beziehung mit dir“, er kann aber auch bedeuten „ich habe Angst vor einer neuen Beziehung, weil ich nicht mehr so enttäuscht werden möchte“. Laut Hegmann sind dies typische Überzeugungen, die die Partnerwahl vieler Singles sabotieren.
Fast jeder von uns ist im Leben auf der Suche nach der Richtigen oder dem Richtigen, dem Partner fürs Leben. Oft verlieren wir uns auf dieser Suche immer wieder – weil wir uns die falschen Fragen stellen und deshalb auch die richtigen Antworten nicht finden. Warum finden wir ihn nicht? Sind wir zu anspruchsvoll? Zu kompliziert? Nicht hübsch genug? Nein. Oft ist die Antwort auf die Frage, warum wir niemanden finden ganz simpel: Weil wir etwas nicht mehr erleben wollen, was wir erlebt haben: eine tiefe Verletzung, verlassen werden, zerbrochenes Vertrauen.
Die Mischung aus Freundschaft und Beziehung scheitert oft an schlechter Kommunikation
Um also schlimmen Herzschmerz zu vermeiden, hilft in solchen lockeren Konstellationen eigentlich nur eines: bedingungslose Ehrlichkeit. Wer mehr empfindet, sollte offen über seine Gefühle sprechen – auch wenn das im Ernstfall bedeutet, den anderen zu verlieren.
Denn, das zeigt die Forschung auch: „Freundschaften Plus“ leiden vor allem unter ziemlich großen Defiziten in der Kommunikation. Viele scheitern daran, grundlegende Regeln jeglicher Art aufzustellen, und viele in solchen Konstellationen sind sich nicht einig darüber, was die Beziehung ist und was nicht. Um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass eine/r von beiden verletzt wird, ist Kommunikation unerlässlich und das nicht nur zu Beginn – es ist wichtig, dass man auch weiterhin kommuniziert, während die Beziehung voranschreitet.
Ist eine Freundschaft mit Sex also immer etwas Schlechtes, von dem man besser die Finger lassen sollte? „Nein“, sagt Hegmann. In der Liebe sei alles möglich, aber nicht alles gleich wahrscheinlich. Wenn beide sich also sicher sind, dass eine feste Beziehung gerade nicht in ihr Leben passt, dann kann so eine Freundschaft mit mehr durchaus beiden guttun.
„Heiraten Sie Ihren besten Freund“
Aber irgendwann suchten wir alle dann wieder einen festen Partner, weil wir doch gerne die erste Priorität von jemand seinen wollten und nicht einfach eine Option unter vielen, sagt Hegmann. Aber sind nicht die besten Beziehungen die, in denen der Partner oder die Partnerin sogar der beste Freund oder die beste Freundin ist? „Heiraten Sie Ihren besten Freund“ sei in der Tat immer noch der beste Tipp zur Partnerwahl, sagt der Paartherapeut.
Denn in jeder Beziehung werde es Situationen geben, in denen ein Partner denkt: „Ja, ich liebe dich, aber nicht gerade jetzt“, und da sei es gut, wenn beide beste Freunde sind, um sich später wieder in die Arme fallen zu können. „Sexuelle Anziehungskraft alleine ist zwar immens mächtig, aber als Basis einer lebenslangen Beziehung auf Augenhöhe, wie sie sich die meisten Menschen ja wünschen, nicht ausreichend.“ Aus Freundschaft entstünden die besten Liebesbeziehungen, und wenn diese zunächst über den Umweg Freundschaft Plus geschehen, dann sei das nicht verkehrt, sagt Hegmann.