Laut einer Umfrage der Dating-App „Bumble“ fühlt sich die Mehrheit (58 Prozent) der Singles in Deutschland in der Weihnachtszeit unwohler als sonst damit, keine:n Partner:in zu haben.
Melancholisch und wehmütig an Weihnachten
Die Stuttgarter Psychologin Jessica Keyes unterstreicht dieses Ergebnis: „In der Weihnachtszeit werden Erinnerungen geweckt, die einen besonders melancholisch oder wehmütig fühlen lassen. Außerdem ist es dunkel und kalt.“ Wie sehr einen die Weihnachtszeit betrübt, hänge vor allem davon ab, welche Haltung man gegenüber seinem Singledasein habe und wie gut man sonst sozial und auch hobbymäßig in die Gesellschaft eingebunden sei.
„Bin ich unfreiwillig Single und finde dies obendrein auch noch tragisch oder unfair und habe außerdem wenige Hobbies oder Freunde, kann einem die Weihnachtszeit zusätzlich zu schaffen machen“, sagt Keyes, die in der Forensischen Ambulanz bei PräventSozial in Stuttgart arbeitet. „Bin ich gerne Single und habe mir mein Leben im Großen und Ganzen so gestaltet, wie es mich zufrieden macht, dann ist Weihnachten viel weniger ein Problem und eine Zeit, auf die ich mich freue.“
Stuttgarter Psychologin: Coronapandemie fördert Einsamkeit
Die Coronapandemie verstärkte das Gefühl der Einsamkeit zusätzlich. So hat eine Studie des wissenschaftlichen Dienstes der EU-Kommission von 2021 festgestellt, dass sich während der Coronakrise EU-Bürger:innen doppelt so häufig einsam fühlen. So waren 2016 rund zwölf Prozent der EU-Bürger:innen einsam. Mit der Pandemie stieg dieser Wert auf 25 Prozent an.
Auch Jessica Keyes beobachtet diese Entwicklung: „Phasenweise gab es in der Pandemie keine Möglichkeiten mehr, sich zu treffen oder Spaß zu haben.“ Auch Dating sei schwieriger gewesen. Teilweise herrschten existentielle Ängste und Sorgen. „All dies hat vielen Menschen auf vielen Ebenen sehr zugesetzt“, so die Psychologin.
Einsamkeit anerkennen
Doch was kann man gegen das Einsamsein tun? „Zunächst einmal ist es wichtig, dieses Gefühl anzuerkennen. Erst wenn ich es annehmen, akzeptieren und für mich aussprechen kann, kann ich konstruktiv damit umgehen“, sagt Keyes. Im nächsten Schritt könne man für sich überprüfen, was man ändern möchte. Zum Beispiel äußere Umstände, Verhaltensmuster oder seine innere Haltung. Die Psychologin rät, sich die Frage zu stellen: Was ist schlimm daran, alleine zu sein? Vielleicht komme man zu dem Schluss, dass es gar nicht so schlimm sei.
Manchmal hilft das nicht weiter. Dann muss man „Durchhalten" und sich klarmachen, dass das Ganze aller Voraussicht nach zeitlich begrenzt sein wird. „Es ist eine harte Zeit, die uns ganz schön was abverlangt.“
Blöde Sprüche von Oma und Co. kontern
Doch manchmal hilft das gute Zureden nicht. Man fühlt sich einfach einsam. Nicht selten wird einem genau dann auf der Familienfeier ein doofer Spruch gedrückt. Der Onkel will wissen „Wie sieht es denn bei dir in Sachen Liebe aus?”, die Oma findet, dass du dich langsam ranhalten solltest und Mama möchte dich mit dem Nachbarssohn verkuppeln. Laut der Umfrage von Bumble haben solche Sprüche bei mehr als jedem vierten Single (28 Prozent) schon zu schlechter Stimmung unter dem Weihnachtsbaum geführt.
Wie lässt man sich von solchen Gesprächen nicht komplett runterziehen? „Gegen nervige Kommentare würde ich versuchen, mich abzugrenzen, indem ich die Person frage, was hinter diesem Kommentar steckt und was sie dazu bringt, das zu sagen“, rät Jessica Keyes. So könnten übertragene Wünsche und Befürchtungen entlarvt werden. Im besten Fall kann dann auf einer ganz anderen Ebene diskutiert werden. Natürlich kann ich auch grundsätzlich darum bitten, Kommentare in dieser Richtung zu unterlassen, und wenn dies nicht klappt, ziehe ich entsprechende Konsequenzen daraus.
Du kannst machen, was du willst
Auch ein frecher Spruch kann den nervigen Verwandten die Sprache verschlagen. Wenn du den Nachbarssohn nicht näher kennen lernen möchtest, sag deiner Mutter doch einfach: „Der Vorschlag ist sicher nett gemeint aber ich nehme das Daten lieber selbst in die Hand – und vor allem dann, wenn ich Lust darauf habe.“
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Singlesein an Weihnachten kann auch Vorteile haben. Du kannst nämlich ganz alleine entscheiden, was du machst. Du musst nicht alleine zuhause sitzen und dir dämliche Weihnachtsfilme anschauen und Schokolade in dich reinstopfen (außer du willst das gerne). Tu das, worauf du spontan Lust hast. Mach einen Schneespaziergang und rauche dabei seit Jahren mal wieder eine Kippe, feiere Weihnachten zusammen mit deiner besten Freundin oder treffe ich dich mit einem geheimnisvollen Date - feel free!
Dieser Text erschien erstmals am 15.12.2021.