Liebes-Erklärung Wann ist eine Beziehung eine gute Beziehung?

Oft haben wir das romantische Bild im Kopf, dass die Liebe uns wie der Blitz trifft. Foto: Unsplash/Jacob Owens

Viele Paare finden sich nach einigen Jahren Partnerschaft in einer Sackgasse wieder. Gegenseitiges Unverständnis und viele Streitereien bestimmen dann den Alltag. Ein Gespräch mit dem Paartherapeut Holger Kuntze darüber, warum Liebe immer auch eine Entscheidung ist.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Es ist ein urmenschliches Bedürfnis in einer glücklichen Beziehung zu leben. Viele Paare finden sich aber nach einigen Jahren Partnerschaft in einem endlosen Teufelskreis gegenseitigem Unverständnis wider. Gehen oder bleiben? Der Paartherapeut Holger Kuntze gibt Tipps, wie man den richtigen Weg für sich findet.

 

Herr Kuntze, viele leben in Beziehungen, die sie gar nicht mehr richtig glücklich machen. Was raten sie solchen Klienten?

Wenn für den Einen auch nach einer paartherapeutischen Begleitung das Einräumen der Geschirrspülmaschine ein Trennungsgrund bleibt, dann muss er gehen. Negatives Erleben und Bewerten müssen wir aber immer in den Zusammenhang des gesamten Beziehungserlebens stellen. Ich muss klar sagen können, was für mich als Partner die Qualität einer Beziehung in Summe ausmacht und darf mich nicht nur auf ein fehlendes Stück des Kuchens konzentrieren. Mache ich das doch, dann sehe ich alles sehr negativ. Und schwanke dann permanent immer zwischen der Frage: Soll ich bleiben oder gehen? Fast jedes Paar kommt irgendwann an diesen Punkt, vor allem wenn viele Streitereien den Alltag bestimmen.

 

Wie kommt man aus dieser Spirale wieder heraus?

Trotzdem kann man auch in solch einer Situation wieder neu aufeinander zu gehen. Aus meiner Sicht hängt die Qualität einer Paarbeziehung primär von der eigenen inneren Haltung und der eigenen Regulationsfähigkeit ab, die gewohnten Bahnen unseres Denkens und Handelns zu verlassen. Beziehungen werden besser, wenn wir diese innere Freiheit entdecken und unser Verhalten und unser Handeln konsequent hinterfragen und verändern. Nicht indem wir ausschließlich darauf warten, dass unser Partner endlich tut, was wir verlangen. Lieben heißt auch innere Veränderungen zu wollen und zu leben.

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Wann ist eine Beziehung eine gute Beziehung?

Eine Beziehung ist dann gut, wenn viele unserer jeweils individuellen Bindungsbedürfnisse erfüllt werden. Ein Bindungsbedürfnis kann aber auch hohe Autonomie sein. Wenn sich zwei treffen, die jeweils hohe Autonomie wünschen sind die ein gutes Paar. Prinzipiell ist es in einer Beziehung hilfreich, wenn wir möglichst wenig Differenzerfahrungen erleben. Je geringer die Differenzen in grundlegenden Lebens- und Bindungsfragen sind, desto besser harmonisiert ein Paar. Will ich ein Kind oder nicht? Möchte ich Kommunikation und Austausch oder nicht? Will ich ein Haus oder nicht? Möchte ich viel Sex oder wenig? Das sind die wichtigen Fragen. Ob sich einer für Fußball interessiert und der andere für Tischtennis ist eigentlich egal.

 

Viele glauben, wenn die anfängliche Verliebtheit groß genug ist, reicht dies für eine Beziehung. Das ist aber ja oft ein Trugschluss?

Ganz einfach deshalb, weil mittlerweile die meisten Menschen Verliebtheit mit Liebe verwechseln. Davor kann ich nur warnen. Jeder Verliebtheit folgt eine lange Phase von Langeweile, weil sich zwei Menschen dann in ihrem Bindungsbedürfnis gefunden haben. Liebe ist entsprechend immer das, was der Verliebtheit folgt. Ob die Liebe groß genug ist und ob man sie leben will, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wenn ich mir aber anhaltend Schmetterlinge im Bauch wünsche, dann wird das nicht funktionieren. Dann tappe ich primär in meine Erwartungsfalle und nicht in eine Beziehungskrise. Prinzipiell sind wir Menschen Bindungswesen, wir wünschen uns eine feste Beziehung. Liebe zu leben ist also für die meisten Menschen der richtige Weg ein gutes und gelungenes Leben zu leben. Allerdings haben sehr viele verlernt die Liebe auszuhalten, weil sie glauben, anhaltende Verliebtheit sei eine Option.

Wie finde ich heraus, ob ich gehen oder bleiben möchte?

Indem ich mir vor Augen führe, ob der Konflikt oder die Differenz, die ich anhaltend erlebe, relevant für mich ist oder nicht. Nicht indem ich jahrelang darauf hoffe, die Differenz zu überwinden. Oft dreht es sich ja nur um einen Einzelaspekt, der in einem Kontext von sehr vielen guten Dingen steht. Allerdings kann es für manche auch vermeintlich marginale Gründe für eine Trennung geben. Das ist auch okay, weil jeder Mensch unterschiedliche relevante Werte hat. Manche haben zum Beispiel seit 15 Jahren keinen Sex und kommen damit klar, andere stellen die Beziehung in Frage, wenn sie drei Wochen keinen haben. Allerdings gibt es bei stetig dysfunktionalen oder toxischen Beziehungen keinen anderen Weg als sich zu trennen. Wenn jemand also auf längere Zeit merkt, dass der andere Mensch einem einfach nicht gut tut, weil er durchgängig selbstsüchtig agiert, lügt, betrügt, schwere, psychische Probleme hat oder gewalttätig ist.

 

Warum fällt es uns so schwer, uns selbst aus destruktiven Beziehung zu lösen?

Man muss sich das ähnlich vorstellen, wie beim Stockholm-Syndrom. Man klammert sich an jemanden, der einem überhaupt nicht gut tut, weil wir täglich in dieser Beziehung aufwachen und täglich in dieser Beziehung ins Bett gehen. Eine destruktive Beziehung ist dann unsere Lebensrealität und wir Menschen neigen dazu, in realen Strukturen immer bestmöglich klar zu kommen. Selbst wenn sie uns nicht gut tun. Das sind tief verwurzelte Programme in uns. Das bedarf enger therapeutischer Betreuung. Und auch wenn man weiß, man muss gehen, ist die Trennung ein sehr schmerzhafter Prozess. Niemand geht ja in eine Beziehung, mit der Auffassung, sich nach zwei Jahren wieder zu trennen. Wir gehen eine Beziehung ein, in dem Glauben, dass diese für immer hält. Und man muss deshalb auch akzeptieren, dass Menschen nach einer langjährigen Beziehung – gerade mit Kindern – auch Jahre später über diesen Verlust noch traurig sind, selbst wenn sie in einer neuen Beziehung leben.

Manchen Menschen gelingt es aber ja leicht, sich aus einer Beziehung zu lösen. Die haben dann immer sofort jemand Neues.

Natürlich gelingt das manchen. Die leben immer in der Gegenwart, schauen immer nach vorne, waren noch nie einen Tag alleine. In der Therapie nennen wir solche Menschen Nähe-Abwechsler-Typen. Von denen können wir aber nichts lernen. Die sind innerlich anders organisiert und können sich schnell einfach wieder auf jemand Neues einlassen und das Alte zurücklassen. Die meisten Menschen sind aber Nähe-Dauertypen und wünschen sich mit demselben Partner möglichst lange zusammen zu bleiben. Und denen fällt sowohl eine Trennung als auch die Verarbeitung einer Trennung sehr schwer. Was aber letztendlich völlig normal und Ausdruck unserer tiefen Menschlichkeit ist.

Inzwischen gibt es ja viele unterschiedliche Beziehungsmodelle: polyamouröse Beziehungen, offene Beziehungen oder Mingles. Ist die Zweisamkeit vielleicht doch überholt?

Bis in die 2000er Jahre gab es die Tendenz, dass es besser sei, sich zu trennen, wenn es immer wieder Probleme gibt. Heute arbeitet Paartherapie deutlich bindungsorientierter. Der pauschale Slogan „Trennt euch“ ist nicht immer die richtige Antwort auf Herausforderungen in einer Beziehung. Auch der pauschale Glaube, dass mit einem anderen Menschen alles besser wird, ist natürlich eine Illusion. Offene Beziehungen, polyamouröse oder Mingle-Strukturen sind einerseits sehr komplexe und herausfordernde Vereinbarungen, die viele diesbezüglich unterschätzen. Auf der anderen Seite dienen sie manchen aber auch dazu, eine tiefe Hinwendung zu einem Menschen zu vermeiden.

Also halten Sie von solchen Modellen eher weniger?

Aus meiner Sicht nutzen manche eben solche Modelle, um sich selbst davor zu drücken sich zu hundert Prozent auf ein Gegenüber einzulassen. Meist steckt dahinter eine tiefe Angst vor echter Nähe und verbindlicher Verantwortung– und dieser Angst gehen wir damit aus dem Weg. Es ist also eher eine Flucht. Eine Partnerschaft ist ja nicht nur eine Riesenchance auf Wachstum, sondern eine echte und ernsthafte Wachstumsverpflichtung. Und die sollten wir unbedingt für uns nutzen. In einer guten, verbundenen, tiefen Partnerschaft zu leben, das muss man wollen, intensiv lernen und dazu gehört viel Mut und Engagement.

Zur Person

Leben
Holger Kuntze (54) lebt in Berlin und führt dort eine Praxis für Lösungsfokussierte Paar- und Einzeltherapie. Er ist Heilpraktiker für Psychotherapie.

Bücher
Er hat zudem Bücher zum Thema geschrieben: „Lieben heißt wollen“ und „Das Leben ist einfach, wenn Du verstehst, warum es so schwierig ist“.

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