Eine Depression belastet Partnerschaft und Familien nach einer neuen Umfrage in hohem Maß. In fast der Hälfte der Partnerschaften (45 Prozent) komme es aufgrund einer Depression zu Trennungen, ergab das zweite Deutschland-Barometer Depression aus dem Jahr 2018. Krankheitsbedingte Veränderungen wie Erschöpfung, das Gefühl, für andere eine Belastung zu sein, Konfliktmeidung und Schuldgefühle führten der Umfrage zufolge bei 84 Prozent der Betroffenen zu einem sozialen Rückzug. Angehörige könnten dieses Verhalten, das typisch für die Krankheit ist, oft als Zurückweisung verstehen.
Eine Krankheit zusammen durchstehen, schweißt auch zusammen
Rund 30 Prozent der Befragten gaben aber auch an, diese Krise gemeinsam durchgestanden zu haben. „Das ist wie bei anderen schweren Erkrankungen: Menschen, die sich gerne mögen, stehen das gemeinsam durch“, sagt Ulrich Hegerl (69), Vorsitzender der Deutschen Depressionshilfe und Professor für Psychiatrie an der Goethe Universität Frankfurt am Main.
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Nach einer Analyse des Robert Koch-Instituts zählen Depressionen zu den häufigsten psychischen Leiden in Deutschland. Sie machten weder Halt vor dem Alter noch vor dem sozialen Status. Was weiterhin fehle, sei ein genaues Wissen über die Ursachen von Depressionen, sagte Hegerl.
Die allermeisten (90 Prozent) sehen Schicksalsschläge oder andere belastende äußere Umstände und mehr als die Hälfte (56 Prozent) eine falsche Lebensführung als Hauptursache an. Ein knappes Drittel machte sogar Charakterschwäche dafür verantwortlich (30 Prozent). Aber das Wissen wächst: Mehr als die Hälfte der nun Befragten wusste, dass Depressionen auch mit Störung von Hirnfunktionen einhergehen (59 Prozent).
Depression ist eine schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung. „Aber sie ist auch gut behandelbar“, sagt Hegerl. „Das Problem ist jedoch oft, dass das Verständnis dafür fehlt.“ Die Menschen sehen Depressionen zunächst als Reaktionen auf äußere Lebensumstände an. „Eine Depression ist aber eine eigenständige Erkrankung und weniger von äußeren Faktoren abhängig, als oft vermutet“, betont Hegerl.
Entscheidend sei die Veranlagung. Liege diese vor, dann können auch kleine Auslöser zu einer depressiven Krankheitsphase führen. Für Partner und Angehörige sei es wichtig, sich über die Krankheit zu informieren, um diese schwere Erkrankung nicht mit einer Befindlichkeitsstörung zu verwechseln. „Es ist keine Hilflosigkeit, wenn jemand nicht aus dem Bett kommt, sondern eine Erkrankung“, betont der Psychiater.
Liebe allein kann eine Depression nicht heilen
Genauso wichtig ist es aber auch, zu erkennen: „Mit Liebe kann man eine Depression genauso wenig heilen wie einen Diabetes mellitus“, betont Hegerl. Den allermeisten Menschen kann gut geholfen werden mit Medikamenten sowie einer Psychotherapie. „Manchmal ist jedoch Geduld nötig“, sagt Hegerl. Meist vergehen zwei Wochen, bis sich unter einer Behandlung mit Antidepressiva eine Besserung einstellt und bei Psychotherapie dauert es oft noch etwas länger. Wenn der erste Behandlungsversuch nicht anschlägt, dann muss manchmal ein erneuter Anlauf mit einem anderen Behandlungsansatz gemacht werden. „Aber man kann den allermeisten helfen“, sagt Hegerl.
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Die Zeit, bis eine Behandlung anschlägt, kann quälend sein, weil die Erkrankten immer hoffnungslos seien und voller Scham und Schuldgefühlen. „Da muss man geduldig versuchen, den Erkrankten zu motivieren, die Behandlung durchzuhalten“, sagt Hegerl. Für den Partner oder andere Angehörige könne es hilfreich sein, sich eine Selbsthilfegruppe zu suchen, um sich mit anderen austauschen.
Der Partner sollte auf jeden Fall sein eigenes Leben aufrecht halten
Auch ist es wichtig, weiterhin eigene Freunde zu treffen und die eigenen Interessen oder Hobbys nicht völlig zu vernachlässigen. „Klar machen sollte man sich auch, dass man nicht schuld an der Erkrankung ist, auch wenn es Streit in der Beziehung gegeben hat. Auch sollte man den Rückzug des Erkrankten nicht als Lieblosigkeit oder ein „sich gehen lassen“ fehlinterpretieren“, sagt Hegerl. „Es ist für Außenstehende schwer zu verstehen, aber bei einer schweren Depression sind oft kleinste Dinge für den Erkrankten nicht mehr zu schaffen.“ Man solle schon versuchen, den Erkrankten zu kleineren Aktivitäten wie einen gemeinsamen Spaziergang zu motivieren, aber wenn der andere das nicht schaffe, dann müsse man das auch akzeptieren und nicht persönlich nehmen, sagt Hegerl.
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Hilfreich kann sein, den erkrankten Partner oder die Partnerin dabei zu unterstützen, aktiv zu bleiben und sich nicht zu viel ins Bett zurückzuziehen. „Langer Schlaf und lange Bettzeit können Depressionen verschlechtern und Schlafentzug ist ein in Kliniken angebotenes Behandlungsverfahren. Gut wäre es, die reine Bettzeit nicht über acht Stunden auszudehnen, auch wenn das für viele depressiv Erkrankten oft nur schwer durchzuhalten ist“, sagt Hegerl. Es sei gut, viele Aktivitäten anzuregen, die müde machen wie Sport und heiße Bäder. „Schonung ist nicht gerade hilfreich und oft ist die Depression am Morgen nach Schlaf stärker ausgeprägt als am Abend.“
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Dennoch sollte der Partner auch hartnäckig bleiben und seine Hilfe immer wieder anbieten, auch wenn es zäh ist. Ratsam ist auch, nicht mit Durchhalteparolen an den Erkrankten zu appellieren wie zum Beispiel „Das wird schon“ oder „Du schaffst das schon.“ Völlig unangebracht sind logischerweise Sätze wie „Reiß dich zusammen“ oder „anderen geht es auch mal schlecht“ – das ist völlig kontraproduktiv und stürzt den Betroffenen vermutlich erst recht in ein tiefes Loch. Als Partner sollte man sich immer klar machen: Ein Depressiver kann nicht wollen.
Die Verbundenheit kehrt oft nach der Erkrankung zurück
Für Erkrankte ist es empfehlenswert, in der akuten depressiven Phase keine wichtigen Lebensentscheidungen zu treffen, wie zum Beispiel sich plötzlich zu trennen, weil man glaubt, keine Gefühle mehr zu haben. Dieser Eindruck ist nämlich oft krankheitsbedingt.
Wichtig zu wissen ist aber: In der Regel kehrt die Verbundenheit mit dem Partner nach der Genesung wieder zurück. Die Erkenntnis, dass man die Krankheit als Paar zusammen durchgestanden hat, kann auch sehr zusammenschweißen.
Tipps und erste Hilfe bei Depressionen
Hilfe
Wenn du den Verdacht hast an Depression zu leiden, ist das Gespräch mit einem Arzt oder Psychotherapeuten unverzichtbar. In Notfällen wende dich bitte an die nächste psychiatrische Klinik oder einen Krisendienst (Adressen findest Sie zum Beispiel hier und hier – oder direkt an den Notarzt unter der Telefonnummer 112).
Tipps
• Wissen und Adressen rund um das Thema Depression auf www.deutsche-depressionshilfe.de
• Deutschlandweites Info-Telefon Depression: 0800 33 44 5 33
• Online-Forum: Erfahrungsaustausch für Betroffene und Angehörige unter www.diskussionsforum-depression.de
• Sozialpsychiatrische Dienste bei den Gesundheitsämtern
• Beratung und Selbsthilfegruppen speziell für Angehörige www.bapk.de
• Tipps und Übungen für Angehörige: www.familiencoach-depression.de