Liebeserklärung: Zwischen Relation- und Situationship Beziehung ja oder nein? Vielleicht!

Man verbringt viel Zeit zusammen, ist nicht nur Freunde, aber auch kein Paar. Situationship nennt sich ein Trend, bei dem sich beide oder eine:r nicht festlegen wollen. Foto: imago//Cavan Images

Man trifft sich über einen längeren Zeitraum, ist mehr als nur befreundet, aber auch nicht in einer Beziehung. Diesen Zustand, in dem sich viele vermutlich schon einmal befunden haben, nennt man heutzutage Situationship. Aber kann so ein Verhältnis guttun?

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

In der Grundschule war das alles noch einfach: Wenn einem ein Junge oder Mädchen gefiel, schob man irgendwann einfach unauffällig einen kleinen Zettel durch die Sitzreihen mit der simplen Frage: „Willst du mit mir gehen?“. Die Antwortmöglichkeiten waren aber auch damals schon nicht nur „ja“ und „nein“, sondern auch: „vielleicht“.

 

Insgeheim wussten wir natürlich auch damals schon: Wer hier „vielleicht“ ankreuzt, taugt eigentlich nichts. Zig Jahre später haben viele diesem entschiedenen Vielleicht einen anderen Namen gegeben und schon passt es wieder. Oder doch nicht?

Ja, nein oder doch nur ein Vielleicht?

Situationship nennt sich das heute, wenn zwei erwachsene Menschen täglich Kontakt haben, sich mehrmals die Woche treffen, gelegentlich auch Sex haben, sich zuhören, sich trösten und in schweren Zeiten füreinander da sind, aber trotzdem nicht zusammen sind. Situationship ist die Zusammensetzung aus Relationship (= Achtung, jetzt wird’s ernst) und Dating (= alles kann, nichts muss).

Die Seite „Embrace your Singleness“ auf Instagram definiert diese unverbindliche Beziehungsform etwas ironisch so: „Let’s just chill, have sex, and be confused on the fact that we’re not together but have official emotions for each other.“

Eine Beziehung bedeutet Commitment, sich auf jemand festzulegen. Eine Situationship bedeutet, man macht (fast) alles wie in einer Beziehung, nur man legt sich eben nicht fest. Aber warum tun zwei Menschen das? „Online-Dating bietet uns heute eine riesige Auswahl an Partnern und die Chance, den vermeintlich bestmöglichen Partner zu finden“, sagt die Psychologin und Autorin Pia Kabitzsch („It’s a Date“). Per se findet sie so ein Modell zunächst gar nicht schlecht: „Wir können ja erst einmal schauen, wie es sich anfühlt, wenn wir mit der Person in einer Beziehung wären.“ Es fehle aber noch die Verpflichtung, das Offizielle, weshalb man sich auch noch anderweitig umschauen könne.

Ein lockeres Verhältnis kann zwischendurch ganz okay sein

Die Frage „Seid ihr eigentlich zusammen???“ bleibt in einer Situationship erst einmal unbeantwortet. Und natürlich kann so ein Verhältnis für eine gewisse Zeit okay sein – wenn beide wissen, sie wollen gerade keine feste Beziehung. Das kann manchmal auch ganz befreiend sein, wenn man weiß, da ist jemand, der da ist, aber nicht da sein muss.

Aber es kann auch etwas anderes dahinterstecken, nämlich, dass der eine den anderen nur als Lückenbüßer:in für den Übergang missbraucht oder beide die Nähe und Verbindlichkeit einer festen Beziehung vermeiden wollen – weil sie dies nicht können. „Meistens ist es ja so, dass vor allem ein Partner sich (noch) nicht festlegen möchte“, sagt Kabitzsch (31).

Die Forschung zu unverbindlichen Beziehungsformen wie Situationships oder auch Freundschaft plus zeigt, dass Geschlechterrollen eine große Rolle spielen. So sind es immer noch häufig Frauen, die sich in unkonkrete Beziehungskonstellationen begeben – in der Hoffnung, der Mann lässt sich irgendwann doch noch auf eine Beziehung ein. Sie glauben und hoffen, dass sie den Mann ändern können, und wenn sie nur genug investieren, dass dann doch noch eine echte Beziehung daraus entsteht. Situationships sind also oft schief, was das Machtgefälle angeht. Die Person, die weniger bereit ist, sich einzulassen, bestimmt die Richtung – und wie viel Nähe und Verbindlichkeit es tatsächlich gibt. „Eine Ursache kann also auch sein, dass derjenige einen vermeidenden Beziehungsstil hat, also Angst vor echter Nähe“, sagt Pia Kabitzsch.

Jeder Mensch entwickelt in der Kindheit eine Blaupause für Beziehungen: den sogenannten Bindungsstil. Studien zeigen, dass Paare häufig in zwei Konstellationen zusammenfinden: Entweder sind beide Partner sicher gebunden – sie machen rund 50 Prozent der Paare aus. Diese Kombination legt sich auch schneller aufeinander fest. Schwieriger wird es bei der anderen Konstellation: Beide sind unsicher gebunden, wobei es sich meist um eine vermeidende und eine ängstliche Person handelt. Diese Paare sind laut Forschung oft in einem Teufelskreis gefangen: Je mehr eine Person die Nähe sucht, desto mehr weicht die andere aus, und umgekehrt. Häufig sind dies genau die Paare, die auch schon zu Beginn in einem ewigen Vielleicht verharren.

„Häufig sind das Personen, die immer nach der perfekten anderen Person suchen für eine Beziehung“, sagt Kabitzsch. Dabei gehe es ja nicht darum, die Person zu finden, die perfekt zu einem passt. „Es geht in der Liebe darum, die Person zu finden, mit der man es zusammen perfekt machen möchte.“

Menschen, die Angst vor Nähe haben, lieben unverbindliche Konstellationen

Menschen, die Beziehungen vermeiden, neigen dazu, zu glauben, wenn sie sich nicht richtig einlassen, dann können sie nicht verletzt werden. Das ist aber leider ein Trugschluss. Denn egal, ob Situationship, Relationship oder was auch immer: Die Gefahr, verletzt zu werden, besteht immer, wenn wir mit anderen in Kontakt gehen.

Das Problem an derart lockeren Konstellationen ist nun: Tatsächlich schwanken beide zwischen Glücksgefühlen und unendlich vielen Fragezeichen. Allzu häufig ist es halt doch so, dass einer von beiden mehr möchte und Tacheles redet – und dann muss auch der andere sich damit auseinandersetzen. Viel Zeit zusammen zu verbringen, zusammen zu lachen, zu weinen und Sex zu haben ist schließlich der ideale Nährboden, auf dem große Gefühle entstehen können.

Oft eskaliert es dann genau an diesem Punkt – wenn einer von beiden die Unverbindlichkeit nicht mehr ertragen kann. Und dann beginnt es auch häufig, verletzend zu werden. Denn auch lose Modelle funktionieren letztlich nur, wenn wir den anderen mit Respekt und Wertschätzung behandeln. Die Art, wie man jemand anderes behandelt, hat nichts mit dem Beziehungsstatus zu tun, sondern ist schlicht eine Frage des Charakters. Wer also in einer Situationship feststeckt und vom anderen nicht gut behandelt wird, sollte sich keine großen Illusionen machen, dass derjenige sich in einer Partnerschaft anders verhalten wird.

Denn der vermeidende Part will in einer Situationship die Sicherheit und die Annehmlichkeiten einer Beziehung, aber keine Verantwortung übernehmen; die negativen Seiten einer festen Beziehung und die ganze Beziehungsarbeit, die will er nicht haben. „Es ist ein Irrglaube, dass wir jemand anderes ändern können“, sagt die Psychologin, die auf auf Instagram unter „Dating Psychologie“ Tipps für Beziehungen und Dating gibt.

Entgehen wir nicht einfach der Verantwortung für jemand anderes?

Warum geraten viele aber überhaupt in solche halb garen Modelle? Neben Bindungsängsten liegt dies auch daran, dass Etiketten wie Beziehung oder Ehe heutzutage einen schlechten Ruf haben. Aber – Überraschung – wenn wir selbst mit anderen Menschen respektvoll und wertschätzend umgehen und uns fragen „Möchte ich dem anderen das antun? Möchte ich selbst so behandelt werden?“ und uns selbst ehrlich reflektieren, rutschen wir erst gar nicht in solche undefinierten Verhältnissen hinein.

Einordnungen zu umgehen, weil wir für diese nicht bereit sind, hält auch die belgische Psychotherapeutin Esther Perel für falsch. Auf ihrem Blog erklärt sie. „Etiketten schaffen Klarheit, und es ist völlig normal, dass wir jemanden, den wir lieben, unseren Partner nennen wollen. Die Frage ‚Was sind wir?‘ ist der Ausgangspunkt dafür.“ Wenn man etwas als „Beziehung“ oder „Zusammensein“ bezeichnet, geht damit ein Konzept einher – dass man Zeit miteinander verbringt und keine anderen romantischen Partner oder Partnerinnen hat. Perel findet sogar, dass die drei Worte„Was sind wir?“ das neue „Ich liebe dich“ seien. „Wenn es eine Bezeichnung ist, die wir wollen, gibt es keinen Grund, etwas anderes vorzutäuschen“, sagt Perel. Eine Situationship ist also immer auch eine Flucht vor Klarheit – und vor Verantwortung.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Situationships

Studie I
Raquel Peel, die als Psychologin an der Universität Queensland forscht, hat festgestellt, dass „miteinander gehen“ nach einem romantischen Begriff von gestern zu klingen scheint. Sie hat herausgefunden, dass viele junge Menschen heutzutage eher durcheinander sind, ab wann sie wirklich in einer Beziehung sind. Diese Unsicherheit gelte als Risikofaktor für Ängste, Depressionen und allgemein die seelische Gesundheit. Die Gründe, warum sich viele nicht ganz einlassen auf eine andere Person, seien Angst vor dem Verlassenwerden, vor Zurückweisung und vor Betrug. Hintergrund sei aber auch, dass viele Menschen nicht in der Lage seien, offen und ehrlich zu kommunizieren und ihnen wichtige Fähigkeiten für eine gute Beziehung fehlen wie Vertrauen, Reife und wie sie mit den Erwartungen von anderen umgehen können. Sie lassen sich daher lieber erst gar nicht auf etwas Festes ein.

Studie II
Die Forscherin Tierica Jemise Gibson von der Universität Memphis hat speziell die Situation von schwarzen Frauen in Situationships untersucht. Sie fand heraus, dass Situationships ein falsches Gefühl des Fortschritts in Richtung einer festen Beziehungen für schwarze Frauen vermitteln. Auch würden Situationships durch das Zeigen von Verhaltensweisen betonter Weiblichkeit und hegemonialer Männlichkeit die sexuelle Handlungsfähigkeit schwarzer Frauen unterdrücken. Sie wären also häufig eher vorteilhaft für Männer. (nay)

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