Liebeskummer Was hilft gegen den ersten Herzschmerz?
Eine unerwiderte Liebe, das Ende einer Beziehung: Beim ersten Liebeskummer stürzt für viele Jugendliche die Welt zusammen. Was Eltern tun können, um ihrem Kind zu helfen.
Eine unerwiderte Liebe, das Ende einer Beziehung: Beim ersten Liebeskummer stürzt für viele Jugendliche die Welt zusammen. Was Eltern tun können, um ihrem Kind zu helfen.
Stuttgart - Die Playlist läuft rauf und runter. Jede Nacht weint Mia (14) sich in den Schlaf. Die Kopfhörer im Ohr, die Gedanken bei ihm: Benny (16, beide Namen geändert), ein Junge aus dem Freundeskreis. Bei einer Party haben sie sich geküsst. „Er hat mich gefragt, ob wir jetzt zusammen sind“, erzählt die Schülerin aus dem Landkreis Konstanz. „Ich hab’ Nein gesagt, weil ich nicht wusste, ob ich das will.“
Als sie sich nach ein paar Tagen für die Beziehung entscheidet, ist es bereits zu spät. Benny ist mit einer anderen zusammengekommen. Und auch noch mit ihrer besten Freundin. Wenn sie die beiden miteinander sieht, breitet sich die Traurigkeit manchmal so sehr in ihrer Brust aus, dass sie glaubt, sie nicht aushalten zu können. „Was hat sie, was ich nicht habe?“, fragt sich Mia.
Solche Gedanken sind beim ersten Liebeskummer nicht ungewöhnlich. „Man darf nicht vergessen, dass das Selbstbewusstsein bei vielen Jugendlichen noch nicht so stabil ist. Sie sind in der Entwicklung und durch äußere Ereignisse schnell zu verunsichern“, sagt Ulrike Giebert, Pädagogin und Systemische Therapeutin bei einer Beratungsstelle in Braunschweig sowie Online-Beraterin bei der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung.
„Wird die Liebe nicht erwidert, können schnell Gedanken aufkommen wie ‚Ich bin hässlich‘ oder ‚Ich verdiene es nicht, geliebt zu werden‘.“ In der Beratungsstelle versucht Giebert deshalb zunächst Aufbauarbeit zu leisten, den Teenagern zu vermitteln, dass sie etwas wert sind – unabhängig davon, ob sie in einer Beziehung sind oder nicht.
Erst später macht sie sich daran, den Blick des oder der Betroffenen vorsichtig zu weiten. „Welche Dinge haben Bedeutung für mich, was macht mir Spaß: Es geht darum, dass die Jugendlichen nicht mehr nur das schwarze Loch sehen, sondern sich für neue Erfahrungen öffnen“, sagt Giebert.
Bis die Heranwachsenden an diesen Punkt kommen, dauert es aber. Kein Wunder: US-Forscher um die Anthropologin Helen Fisher von der Rutgers University New Brunswick fanden 2009 heraus, dass Liebeskummer ähnlich auf das Gehirn wirkt wie ein Drogenentzug. Werden wir von einer geliebten Person zurückgewiesen, regen sich Hirnregionen, die bei einer Kokainsucht aktiv sind. Das erklärt, warum die Gedanken der Verlassenen oft noch wochenlang um ihre Ex-Partner kreisen.
Das Smartphone ist daher keine gute Hilfe bei der Bewältigung von Liebeskummer. Wer täglich bei Whatsapp, Tik-Tok oder Instagram nachschaut, was der oder die Ex macht, kann sich in der Regel nur schwer lösen. Trotzdem sollten Eltern das Handy nicht einfach wegnehmen, sagt Giebert. Unter Umständen mache das alles noch schlimmer – etwa, weil Freunde nicht mehr erreichbar sind.
Besser sei es zu fragen, wie das Kind mit Apps, Fotos und Erinnerungen umgeht. Ob es die geliebte Person blockiert, Bilder löscht oder sie oft anschaut. „Dann kann man auch mal sagen: ‚Mir fällt auf, dass du traurig wirkst, wenn du am Handy warst‘ und Vorschläge machen wie, das Smartphone nur zu bestimmten Zeiten zu nutzen oder den Ex-Partner eventuell sogar zu blockieren.“
Falsche Hoffnungen sollten Eltern nicht schüren, betont die Pädagogin: „Statt zu sagen ‚Vielleicht wird es ja wieder‘, sollten Eltern dem Kind helfen, die Realität anzunehmen.“ Liebeskummer, stellt Giebert klar, sei ein Trauerprozess. Den damit verbundenen Schmerz könne man den Jugendlichen zwar nicht abnehmen, aber man könne sie durch diese Zeit verständnis- und liebevoll begleiten.
Indem man zuhört vor allem, ohne aufdringlich zu sein, die Heranwachsenden zu belehren oder zu belächeln. Für die Jugendlichen bricht beim ersten Liebeskummer meist eine Welt zusammen. „Sie haben noch nicht die Erfahrung gemacht, dass der Schmerz wieder vergeht“, erklärt Expertin Irena Bockwinkel, die als Coach in Stuttgart arbeitet.
Sie rät Eltern dazu, sich an eigene Erfahrungen zu erinnern und diese mit dem Kind zu teilen. Das schafft Nähe und zeigt, dass der Liebeskummer eine Phase mit einem Anfang und einem Ende ist. Gemeinsame Unternehmungen, auf die der Sohn oder die Tochter Lust hat, können genauso helfen wie das Lieblingsessen, ein Spaziergang in der Natur und Sport.
Wichtig ist es, den Schmerz nicht zu verdrängen. „Viele Eltern wollen sofort den Superheldenanzug überziehen, wenn sie mitbekommen, dass es ihrem Kind schlecht geht“, sagt Bockwinkel. Dieser Impuls sei jedoch falsch. Anstatt das Problem lösen zu wollen, sollten Eltern geduldig sein, immer wieder nachfragen, wie es dem Kind geht, und darauf vertrauen, dass es selbst spürt, was es braucht – „solange es die Trauer nicht nur von sich wegschiebt, ständig fernsieht oder am Computer sitzt“.
In der Theorie ist das natürlich einfacher als in der Praxis, wenn aus dem Jugendzimmer laute Musik schallt, der Nachwuchs am Esstisch nörgelt. Dennoch sollten Eltern versuchen, das Verhalten des Teenagers in dieser Zeit nicht überzubewerten. „Wenn Jugendliche das Gefühl bekommen, dass es neben dem Liebesleben auch noch in der Familie kriselt, kann sich das sehr bedrohlich anfühlen“, sagt Pädagogin Ulrike Giebert. Launen und Wutanfälle gehören zur Pubertät. Eltern müssen diese oft aushalten, obwohl sie mit dem eigentlichen Problem nichts zu tun haben.
Dass das Kind das Abendessen ein paarmal auslässt, nur mit der großen Schwester oder dem Kumpel über das Vorgefallene sprechen mag, sollten Eltern akzeptieren. Am Unterricht sollten die Jugendlichen aber weiterhin teilnehmen. „Die Schule ist eine wichtige Struktur für Heranwachsende“, sagt Giebert. Hochleistungen sollten Eltern in dieser Phase von ihrem Kind allerdings nicht erwarten.
Die „Nummer gegen Kummer“, das Kinder- und Jugendtelefon des Deutschen Kinderschutzbundes, ist unter 116 111 erreichbar.
Eltern können sich unter 0 800 / 111 0 550 beraten lassen. Die Beratung ist anonym und kostenfrei vom Handy und vom Festnetz. Es gibt auch eine Online-Beratung per E-Mail oder Chat. Einzelberatungen, Gruppenchats sowie Internetforen bietet auch die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) anonym und kostenfrei an. Wenn Jugendliche anfangen, sich selbst zu verletzen, Selbstmordabsichten äußern oder über einen längeren Zeitraum hinweg nicht schlafen können, extrem wenig oder extrem viel essen, sollten Eltern professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Geeignete Anlaufstellen sind Psychologen sowie Erziehungs- und Familienberatungsstellen.