Liebevoll und unverbindlich Traumjob – coole Tante
Ausflüge, Wertschätzung und Kummerkasten – Kinder und Jugendliche lieben lässige Tanten. Mittlerweile werden sie Rich Aunties genannt. Ihr Reichtum liegt aber nicht im Monetären.
Ausflüge, Wertschätzung und Kummerkasten – Kinder und Jugendliche lieben lässige Tanten. Mittlerweile werden sie Rich Aunties genannt. Ihr Reichtum liegt aber nicht im Monetären.
Während manche Frauen es kaum erwarten können, eine Familie zu gründen, hören andere keine biologische Uhr ticken. Die Gründe dafür sind individuell, und nur die wenigsten verzichten auf eigenen Nachwuchs, weil sie keine Kinder mögen. Im Gegenteil, viele von ihnen haben gern Kinder um sich. Sie lieben es, Zeit mit Nichten, Neffen oder auch den Kleinen der besten Freundin zu verbringen. Sie machen Ausflüge, gehen ins Kino oder trocknen Tränen, wenn ihre Schützlinge eine schlechte Note geschrieben haben. Frauen ohne Kinder, die für den Nachwuchs von anderen die coole Tante sind, werden Rich Aunties (reiche Tanten) genannt. Dabei bezieht sich das Adjektiv „rich“ weniger auf den Kontostand, sondern eher darauf, den Luxus zu haben, ihr Leben ganz nach ihren Wünschen und Vorstellungen zu gestalten.
Auch Simone Burel liebt es, eine Rich Auntie zu sein. Die Unternehmerin und Buchautorin aus Mannheim hat sich bewusst gegen eigenen Nachwuchs entschieden. „Kinder kamen nie in meinem Lebenskonzept vor“, sagt sie. Sie sei eine freiheitsliebende Person, die maximal selbstbestimmt sein möchte – und Kinder mag. Sie verbringt viel Zeit mit Layla, der knapp vierjährigen Tochter ihrer jüngeren Schwester. „Ich bin ein- bis zweimal pro Woche mit den beiden unterwegs“, erzählt die 37-Jährige.
Beide verbindet unter anderem die Liebe zu Tieren, und sie gehen öfter Eis essen. „Wir waren kürzlich gemeinsam eine Woche im Urlaub, quasi als erweiterte Familie. Das fand ich ziemlich cool.“ Zudem beteiligen sich Burel und ihr Lebensgefährte an den Kosten für Laylas Kindergartenbesuch. „Ich finde es wichtiger, in Bildung zu investieren als in Spielzeug.“
Felicitas Heyne, Psychologin und Buchautorin aus Annweiler am Trifels, ist davon überzeugt, dass immer mehr Frauen dazu stehen, wenn sie keinen Kinderwunsch haben. „In letzten 15 Jahren wird mit dem Thema offener umgegangen, und Frauen vertreten diese Position auch selbstbewusster“, sagt sie. Befeuert worden sei dies nicht zuletzt auch durch das Phänomen „Regretting Motherhood“, bei der manche Mütter ihre Entscheidung für Nachwuchs bereuen.
Dass die Gesellschaft die bewusste Entscheidung gegen Kinder inzwischen eher akzeptiert, sei nicht zuletzt auch an der Bezeichnung zu erkennen, sagt Heyne. „Früher hatte man nur den Begriff ‚kinderlos‘, aber inzwischen bezeichnen sich Frauen, die keinen Nachwuchs möchten, als ‚kinderfrei‘. Das hat eine völlig andere Konnotation.“ Kinderlos impliziere ein Defizit oder einen Verlust während kinderfrei betone, dass man bewusst und freiwillig verzichtet, weil es nicht zum eigenen Lebensplan gehöre. Auch Burel lehnt die Bezeichnung kinderlos ab. „Weil es das Konzept prägt, dass eine Frau ab einem gewissen Alter Kinder haben muss“, sagt sie. Dadurch werde es als etwas Negatives dargestellt.
Rich Aunties erfüllen eine wichtige Funktion, findet Heyne. Denn viele junge Frauen suchen nach Rollenvorbildern. Das unmittelbare Vorbild sei die eigene Mutter, die aber in einer bestimmten Rolle stecke, erklärt die gebürtige Heidelbergerin. Als Rich Auntie dagegen sei man häufig der Gegenentwurf zur Mutter. „Für junge Mädchen und Frauen ist es wichtig und interessant, Alternativen zu haben, die gegebenenfalls anders ticken als die eigene Mutter. Da ist eine kinderfreie außenstehende weibliche Bezugsperson, egal ob blutsverwandt oder nicht, eine ganz gute Geschichte.“
Mütter haben zudem bestimmte Vorstellungen, bewusst oder unbewusst, wie das Kind sich entwickeln soll. „Das sind alles Ansprüche, die die Rich Auntie nicht hat. Das ermöglicht ihnen mit dem Kind unbefangener umzugehen“, sagt Felicitas Heyne. Zudem spüre das Kind die Wertschätzung einer weiteren erwachsenen Person.
Dazu gehört für viele Frauen auch, dem Kind etwa zum Geburtstag nicht einfach einen Geldschein in die Hand zu drücken, sondern es mit einem liebevoll ausgewählten Präsent zu überraschen. „Das Geschenk hat vielleicht nicht extrem viel gekostet, sondern zeigt, dass jemand anderes zuhört und weiß, welche Boygroup oder welches Manga der oder die Beschenkte mag. Viel ausschlaggebender als Geld ist die emotionale Zuwendung und damit das Gefühl zu geben: Du bist mir wichtig.“
Heyne selbst kann sich ebenfalls mit der Rolle der Rich Auntie identifizieren. „Ich habe keine Kinder, aber sehr viele Nichten, Neffen und auch sonstige Kinder in meinem Leben, die ich in den vergangenen 20 Jahren beim Aufwachsen begleitet habe.“ Zu vielen habe sie eine enge Beziehung, etwa zur Tochter einer Freundin. Sie sei keineswegs rich im monetären Sinne. „Denn ich war nie die Tante, die mit den teuren Geschenken angerückt ist, sondern eine wichtige zusätzliche weibliche Bezugsperson.“ Vor allem zu den Mädchen habe sie eine gute Beziehung, sagt Heyne. „Ich habe mit ihnen viel unternommen, war Ansprechpartnerin für sensiblere Themen, Kummerkasten bei Liebeskummer, den man nicht so gern mit der Mutter besprechen wollte. Als außenstehende Person war ich neutraler und unaufgeregter als die Mutter in bestimmten Situationen.“
Ob sich auch Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch als Rich Auntie eignen, liege laut Heyne daran, ob sie mit sich selbst im Reinen sind. „Es gibt viele Frauen, die irgendwann für sich feststellen, dass ihnen nichts Besseres passieren konnte, als dass es mit dem eigenen Nachwuchs nicht geklappt hat.“ Schwieriger werde es, wenn Frauen sich auch mit den Jahren nicht damit abfinden können. Sie warnt davor, in Kindern eine Möglichkeit zu sehen, eine Leere in ihrem Leben auszufüllen, um sich besser zu fühlen. Auch das Selbstwertgefühl sollte nicht von der Zuneigung des Kinds abhängen, stattdessen sollte man emotional unabhängig bleiben. „In dem Moment, in dem diese Bedürftigkeit im Raum steht, ist das Konzept kontaminiert. Das Phänomen Rich Auntie soll eine Freude sein, eine Leichtigkeit und totale Freiwilligkeit haben.“ So könne sie dann für die Kinder, bei denen die Chemie stimmt, eine Bezugsperson sein. „Denn das Privileg der Rich Auntie ist, dass sie sich die Kinder ja aussuchen kann.“
Ein Vorteil ist zudem die Unverbindlichkeit der Beziehung, und zwar für Kind und Tante. Man kann zusammen Spaß im Zoo oder beim Eisessen haben, aber überlässt das Kind mit einer vollen Windel der Mutter. „Ich kann alle Vorteile in der Dosis, die ich will, mitnehmen, muss aber keine Verantwortung übernehmen“, sagt die Psychologin Heyne. Denn diese bleibe bei den Eltern. Man sollte sich nicht zur Anwältin des Kindes machen oder gar versuchen, die Mutterrolle einzunehmen.
Ein absolutes No-Go sei auch, Verbote der Mutter zu unterwandern. Etwa bei Minderjährigen die Erlaubnis für ein Tattoo oder ein Alibi zu geben. In Ordnung gehe es, dem Kind vorübergehend einen Schlafplatz anzubieten, wenn es sich mit den Eltern gestritten hat – unter der Voraussetzung, dass die Mutter informiert wird, wo sich ihre Tochter oder ihr Sohn befinde. „Man kann aber als Puffer oder Vermittlerin dazwischen gehen und noch mal mit der Mutter reden“, erklärt Heyne.
Was man als Rich Auntie auf gar keinen Fall tun sollte, ist, sich gegen die Erziehungsberechtigten ausspielen lassen. „Man darf sich nicht mit der Mutter entsolidarisieren vor lauter Begeisterung für das Rich-Auntie-Dasein oder mit ihr in Konkurrenz treten um den Platz im Herzen des Kindes“, sagt Heyne. Zudem sollte dabei auch die Beziehung zur Mutter nicht leiden. Die Psychologin fasst zusammen: „Wenn es darauf ankommt, gilt meine Solidarität der Mutter.“