Liederhalle Stuttgart Harfe spielt die erste Geige in Südamerika

Von Gabriele Metsker 

Dass die Filarmónica Joven de Colombia am 26. März zusammen mit dem Harfenisten Xavier de Maistre in der Liederhalle spielt, ist eigentlich nicht erstaunlich. Denn die Harfe spielt in der Musik Südamerikas eine wichtige Rolle.

Andrés Orozco-Estrada dirigiert die Filarmónica Joven de Colombia. Foto: Werner Kmetitsch
Andrés Orozco-Estrada dirigiert die Filarmónica Joven de Colombia. Foto: Werner Kmetitsch

„Die Harfe kam mit den Spaniern und der europäischen Musik nach Südamerika“, erzählt Andrés Orozco-Estrada, der das Orchester beim Konzert dirigieren wird. In Kolumbien geboren, kam er als 20-Jähriger nach Wien, wo er bis heute lebt. Die Harfe und ihre Verwendung verselbstständigten sich dann allerdings recht schnell. Je nach Land gibt es seither verschiedene Arten, sie zu spielen. Jedoch spielt das Instrument bis heute in ganz Südamerika eine wichtige Rolle in der folkloristischen Musik. Einen Eindruck davon bekommt das Publikum in Stuttgart mit dem 1941 komponierten „Huapango“ für Orchester des mexikanischen Komponisten José Pablo Moncayo. Der Name des Werks bezeichnet zum einen markanten südamerikanischen Rhythmus, den Leonard Bernstein zum Beispiel zur Charakterisierung der Sharks in seiner „West Side Story“ verwendete. Aber auch die Art und Weise, wie die Harfe beim „Huapango“ gespielt wird, ist typisch für die Musik Lateinamerikas, wie der Dirigent weiter erläutert. Die Klangfarbe ist metallisch, und die Melodie wird in den oberen Registern gespielt, während die andere Hand die Begleitung übernimmt, in der Regel Alberti-Bässe. Bei Moncayos „Huapango“ ist die Harfe einfach Teil des Orchesters.

Xavier de Maistre als Solist

Anders verhält es sich mit dem 1965 in New York uraufgeführten Harfenkonzert (op. 25) des argentinischen Komponisten Alberto Ginastera. Hier tritt am 26. März Xavier de Maistre als Solist auf. Bei Ginastera, so verrät der Dirigent, sind argentinische Einflüsse hörbar: Da ist der Rhythmus des Malambo, einem Volkstanz aus der Folklore der Gauchos, da ist aber auch die auffallend große Anzahl lateinamerikanischer Percussion-Instrumente, die zum Einsatz kommen. Der Part der Harfe ist hier, wie Orozco-Estrada beschreibt, „voller Glanz und verschiedener technischer Möglichkeiten“. Die Harfe mache rhythmisch sehr viel gemeinsam mit dem Schlagwerk. „Die Farbe, die daraus entsteht, ist sehr folkloristisch.“ Mitunter verlassen die Hände des Harfenisten die Saiten und nutzen den Holzrahmen zur Perkussion.

Rhythmus anderer Art

Bei so viel Rhythmus ist es nicht erstaunlich, dass auch Igor Strawinskys „Sacre du Printemps“ am 26. März auf dem Programm steht. „Das ist ein Rhythmus anderer Art, aber er hat seinen Ursprung ebenfalls in folkloristischen Ur-Rhythmen – das ist die Verbindung“, erklärt der Dirigent. Wenn er zusammen mit der Filarmónica Joven de Colombia das Werk auf die Bühne bringt, ist das allerdings mehr als einfach nur ein Konzert. „Es wird Bewegungen geben, Licht und Projektionen – das ist eine tolle Sache, wunderschön, das erwartet niemand“, sagt er strahlend. „Wir müssen selbst tanzen – wir machen eine Choreografie.“ Und noch mehr als das: Orozco-Estrada und das kolumbianische Jugendorchester haben bei diesem Auftritt auch einen Mythos aus ihrer eigenen Kultur im Blick, den von „Eldorado“. Demnach wurde, wie der Dirigent erzählt, jemand in Gold gebadet und ins Wasser geworfen, um auf diese Weise dem Sonnengott ein Opfer zu bringen. „Beide Male geht es um eine Opferung – das ist der Schlüssel.“

Ein tanzendes Orchester?

Aber ein tanzendes Orchester? Natürlich werden die Instrumentalisten nicht zum Corps de Ballet, obwohl sie für das Erarbeiten der Choreografie ebenso viel Zeit aufgewendet haben wie für das Einstudieren der Musik. Seit etwa vier Jahren arbeiten sie schon an diesem Werk, und die Musiker haben Orozco-Estrada rückgemeldet, dass ihnen inzwischen sogar etwas fehlt, wenn sie „Sacre“ still sitzend auf einem Stuhl spielen. Aber worum geht es bei alledem? Orozco-Estrada wünscht sich, dass die jungen Instrumentalisten beim Spielen freier mit ihrem Körper umgehen. „Die Musik wird schöner, wenn der Körper mitmacht“, sagt er. Das hat für ihn nichts damit zu tun, dass die Musiker aus Südamerika stammen. „Das würde ich auch mit einem jungen Orchester aus Österreich machen. Schon seit mehr als fünf Jahren arbeitet er inzwischen mit den Kolumbianern, die zwischen 18 und 26 Jahre jung sind. „Das ist immer eine schöne Reise. Sie sind offen und neugierig, und wir entdecken miteinander viel Neues. Dass ihn mit ihnen die südamerikanische Herkunft verbindet, ist dabei vielleicht das Tüpfelchen auf dem i: „Für uns spielt Rhythmus eine wichtige Rolle im Leben.“ Am 26. März können sie aus dem Vollen schöpfen.

Filarmónica Joven de Colombia mit Andrés Orozco-Estrada (Dirigent) und Xavier de Maistre (Harfe): 26. März, 20 Uhr, Liederhalle, Tickets 07 11 / 1 63 53 24