ExklusivLiederhalle Stuttgart Kongresszentrum wird ein Jahr geschlossen

Von Jörg Nauke und  

Nach dem Opernhaus und den Wagenhallen muss in den nächsten Jahren noch eine dritte Spielstätte für kulturelle Veranstaltungen saniert werden. Geschätzte Kosten für die Generalüberholung des erst 1991 eröffneten Anbaus der Liederhalle: 15 Millionen Euro.

Mangelhafter Brandschutz ist der wesentliche Grund für die Generalüberholung des Kultur- und Kongresszentrums Liederhalle. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Mangelhafter Brandschutz ist der wesentliche Grund für die Generalüberholung des Kultur- und Kongresszentrums Liederhalle. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Der Sanierungsbedarf an Spielstätten für kulturelle Veranstaltungen in Stuttgart ist größer als bisher bekannt. Nicht nur das Opernhaus am Eckensee und die Wagenhallen im Nordbahnhofviertel müssen in den nächsten Jahren umfassend erneuert werden. Nach Informationen der Stuttgarter Zeitung muss auch das Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle (KKL) zur Inspektion. „Wir rechnen mit einem Bedarf von etwa 15 Millionen Euro“, sagt Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) – und nennt mangelhaften Brandschutz als wesentlichen Grund für die fällige Generalüberholung. Das Pikante daran: betroffen ist weniger die 1954 bis 1956 von den Architekten Adolf Abel und Rolf Gutbrod erbaute und unter Denkmalschutz stehende Liederhalle, sondern in hohem Maße der erst 1991 eröffnete Anbau, der den Hegel- und den Schillersaal beherbergt. Vor allem die elektrischen Leitungen der einst so gepriesenen technischen Ausstattung seien problematisch, sagt Föll.

Doch auch der Faktor Zeit ist von erheblicher Bedeutung. „Die Sanierung kann nicht bei laufendem Betrieb stattfinden“, sagt Föll. Er rechne mit einer Schließzeit von einem Jahr, voraussichtlich von Sommer 2019 bis Sommer 2020. In der Phase werde die Liederhalle ebenfalls einige Wochen lang geschlossen werden, weil auch dort einige Arbeiten auszuführen seien, „allerdings in viel geringerem Maß als im Neubau“, so Föll. Betroffen ist zudem die Tiefgarage am Berliner Platz. Doch auch dort kalkuliert der Finanzbürgermeister mit überschaubareren Auswirkungen. Ein entsprechendes Gutachten, das den Bedarf exakt auflistet, stehe zwar noch aus. „Ich denke aber, dass wir im Gemeinderat noch vor der Sommerpause über das Thema reden werden“, sagt Föll.

Möglicherweise wird gleichzeitig das Opernhaus saniert

Die einjährige Auszeit für Teile des KKL könnte für den Kulturbetrieb erhebliche Folgen haben. Denn möglicherweise wird zur selben Zeit auch das Große Haus saniert. Dann hätten Oper und Ballett gleichzeitig Bedarf an Alternativspielstätten. Zumindest für größere Produktionen wäre der Hegelsaal geeignet. Er bietet Platz für 1900 Zuschauer und wird oft von Tournee-Veranstaltungen belegt. Jüngst gastierte dort die „Rocky Horror Show“ an mehreren Abenden nacheinenander vor jeweils ausverkauftem Haus. Der Schillersaal ist kleiner; er fasst bis zu 400 Besucher.

Der Neubau des Kongressgebäudes, für den damaligen Messe-Chef Rainer Vögele „ein Vorstoß in europäische Dimensionen“, begann im Juli 1988, also zu einer Zeit, in der die Stadt knapp bei Kasse war und sich deshalb – wie etwa auch das Mineralbad Cannstatt – das Projekt von privater Seite bauen und finanzieren ließ. Ein letztlich sündhaft teures Unterfangen, da die privaten Investoren – beim KKL unter anderem die SüdwestLB – nicht wie die Stadt auf konkurrenzlos günstige Kommunalkredite zurückgreifen konnten. Mehr als 400 000 Euro Monatsmiete überwies die Stadt bis zur Übernahme der für den Bau gegründeten Objektgesellschaft Anfang 2014. Etwa auf diesen Betrag summierten sich Zins und Tilgung. Die Stadt konnte nach 22,5 Jahren die Kaufoption ziehen und für die in der Gesellschaft vorhandenen 52 000 Euro alle Gesellschaftsanteile übernehmen. Das Fazit von Finanzbürgermeister Föll fällt vernichtend aus: „Ich hoffe, meinem Nachfolger einmal nicht solche unfertigen Projekte übergeben zu müssen.“

Die Geschichte des Bauskandals ist lang

Das Kultur- und Kongresszentrum gilt nämlich als einer der größten Skandale in der Stuttgarter Baugeschichte – und zum Zeitpunkt dieser Feststellung war noch längst nicht von den jetzt aufgetauchten Problemen die Rede. Im Gegenteil: der Projektsteurer Hans-Joachim Maile, der im Anschluss den alten Konzertbau Liederhalle für rund 40 Millionen Euro sanierte, durfte sich rühmen, allein für die Haustechnik so viel wie für den Rohbau ausgegeben zu haben – zwölf Millionen Euro.

Bei den Fachleuten war das KKL von Anfang an unten durch: Verglichen mit der Liederhalle von Abel und Gutbrod sei das 120 000 Kubikmeter große KKL ein zum Großteil in die Erde versenkter „Abklatsch“, schrieben die Architekturkritiker. Dafür wurde nicht der Planer Wolfgang Henning, ein Gutbrod-Schüler, verantwortlich gemacht, sondern die Objektgesellschaft. Aus heutiger Sicht undenkbar: das städtische Hochbauamt hatte ohne Wettbewerb den Auftrag direkt an Henning vergeben. Später wollte in der Stadt niemand die Verantwortung übernehmen. Das half dem ehemaligen städtischen Wirtschaftsförderer Georg Fundel. Selbst als der heutige Flughafenchef bereits bei der LBBW im Vorstand saß, waren seine Projektkenntnisse der Objektgesellschaft 1000 Euro Beraterhonorar pro Monat wert.

Bis heute gibt es keine verlässliche Schlussrechnung

„Das Projekt war im Rathaus wie ein Schwarzer Peter von einem zum anderen geschoben worden“, sagt Föll in der Rückschau. Der Kämmerer betont, dass es bis heute keine verlässliche Schlussrechnung für das Kongresszentrum gebe, so dass die Baukosten nur auf etwa 75 Millionen Euro geschätzt werden könnten. Hintergrund ist, dass der vom Messechef Vögele eingesetzte Baubetreuer Hans-Joachim Maile trotz der Vollstreckung von Zwangsmaßnahmen bis 2002 nicht bereit war, Unterlagen beizubringen. Die Stadt und die SüdwestLB hatten deshalb geklagt.

Noch 2003, zwölf Jahre nach der Eröffnung und sechs Jahre nachdem das Rechnungsprüfungsamt den Skandal öffentlich gemacht hatte, konnte die Stadt die wahren Baukosten nur schätzen. Auf dieser Grundlage sollte aber die Miete ermittelt werden. In dieses Bild passt, dass die Stadt zwischenzeitlich auch noch 1,2 Millionen Euro einklagte – so hoch war ein Zinsgewinn des Bauherrn, erzielt durch überhöhte Forderungen. Der damalige Oberkontrolleur Hans Müller-Prothmann sprach von einem „heillosen Durcheinander der Akten“. Es sei „Detektivarbeit“ nötig, um die Abrechnungen zu nachzuvollziehen. Man sei kurz davor gewesen, die Arbeit wegen Unzumutbarkeit abzubrechen.

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