Liederhalle Stuttgart Mendelssohns „Paulus“ - ein Bach-Erlebnis

Von Widmar Puhl 

Im vierten Abonnementkonzert der Internationalen Bachakademie Stuttgart, am 13. und 14. April, dirigiert Hans-Christoph Rademann das Oratorium „Paulus“ von Felix Mendelssohn Bartholdy mit dem Chor seiner Gaechinger Cantorey und dem Orchestre Philharmonique de Luxembourg in der Liederhalle in Stuttgart.

Der Chor der Gaechinger Cantorey   Foto: Martin Förster
Der Chor der Gaechinger Cantorey Foto: Martin Förster

Es ist eine besondere Premiere für den reformierten Chor. Anstelle des Barockorchesters mit Originalinstrumenten spielt ein klassisches Sinfonieorchester. Chefdramaturg Henning Bey: „Letztes Jahr im Musikfest hat unser Orchester bereits auf klassischen Originalinstrumenten Musik von Haydn aufgeführt. Für die Romantik lassen wir uns noch ein bisschen Zeit, deshalb die Kooperation mit den Luxemburgern (die auf modernen Instrumenten spielen). Für die Zukunft planen wir auch einen Mendelssohn mit romantischen Originalinstrumenten.“ Als Solisten sind sämtlich international gefragte Spezialisten im Opern- und Oratorienfach zu hören: Johanna Winkel (Sopran) aus Minden in Westfalen, der Hamburger Daniel Behle (Tenor) und Michael Nagy (Bassbariton) aus Stuttgart, der seine musikalische Laufbahn bei den Hymnus-Chorknaben begann. Zwischen 1834 und 1836 schrieb Felix Mendelssohn (geboren 1809 in Hamburg, gestorben 1847 in Leipzig) mit „Paulus“ sein erstes Oratorium. Da hatte er mit 25 Jahren als Leiter der Leipziger Gewandhauskonzerte schon eine der höchsten Stellungen im deutschen Musikbetrieb erreicht.

Schillernd-mystische Abgründigkeit

„Paulus“ nach dem Leben des Apostels ist stark von Mendelssohns eigenem Bach-Erlebnis geprägt. Als Schüler in Berlin hatte er im Alter von elf Jahren den nahezu unbekannten Johann Sebastian Bach für sich entdeckt und begonnen, sehr schnell und viel zu komponieren. Schon als Jugendlicher gründete er einen Chor zum Studium von Bachs Vokalmusik und besaß eine Abschrift der Matthäus-Passion. Als 20-jähriger Student leitete Mendelssohn schließlich 1829 in Berlin die erfolgreiche Wiederaufführung der Matthäus-Passion und legte damit den wohl entscheidenden Grundstein für eine Bach-Renaissance im 19. Jahrhundert. Im „Paulus“ äußert sich der Bach-Einfluss besonders auffällig durch die Integration von Choralsätzen – was nicht bei allen Zeitgenossen auf ungeteilte Zustimmung stieß, weil es viele als veraltet empfanden. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb? – wurde dieses Oratorium zu Mendelssohns Lebzeiten als sein beliebtestes Werk in ganz Europa aufgeführt und begeistert aufgenommen.

Einstimmiger Gesang mit Orgel und Orchester

Die Wucht der Gefühle, die Bachs Choralsätze entfalten, kommt auch bei den Bearbeitungen durch Mendelssohn zum Tragen. Sie kann die Zuhörer bewegen wie etwa bei der Steinigung des Märtyrers Stephanus („Herr, Dir will ich mich ergeben“ oder „Wacht auf! Ruft uns die Stimme“ nach Gottes Offenbarung auf dem Weg nach Damaskus). Immer wieder ist die dramatische Wirkung dieser Musik bis heute verlässlich. Sie ist jedoch schlichter oder geradliniger als die barocke Verliebtheit in Schnörkel und Koloraturen. Sie zeigt exemplarisch, warum Felix Mendelssohn als Höhepunkt der deutschen Romantik gilt. Schon am 11. April um 19 Uhr gibt der Musikalische Salon im Café des Hospitalhofs Hintergrundinformationen zu Felix Mendelssohns „Paulus“. Holger Schneider präsentiert mit Doris Mundus im Gespräch eine kenntnisreiche Kulturhistorikerin und Mendelssohn-Kennerin aus Leipzig. Als langjährige Kuratorin und stellvertretende Direktorin des Stadtgeschicht­lichen Museums realisierte sie dort unter anderem 2009 eine große Ausstellung zu Felix Mendelssohn. Die Erfolgsgeschichte von Mendelssohns „Paulus“ stellt sie in den biografischen Kontext des Komponisten, vor allem seiner Leipziger Jahre mit einer Folge herausragender Aufführungen des Oratoriums.

Mendelssohns „Paulus“ mit dem Chor der Gaechinger Cantorey und dem Orchestre Philharmonique de Luxembourg: Liederhalle, 13. und 14. April, jeweils 19 Uhr, Tickets gibt es unter der Nummer
07 11 / 6 19 21 61.