Liederhalle Stuttgart Mikhail Pletnev feiert russische Musiktradition

Von Widmar Puhl 

Am 8. April gastiert das russische Nationalorchester unter der Leitung von Jérémie Rhorer mit dem Pianisten Mikhail Pletnev in der Liederhalle.

Der Pianist Mikhail Pletnev kommt in die Liederhalle. Foto: Phil Sayer Gramophone
Der Pianist Mikhail Pletnev kommt in die Liederhalle. Foto: Phil Sayer Gramophone

Der Abend beginnt mit „Morgendämmerung am Moskwa-Fluss“, dem Vorspiel zur Oper „Chowanschtschina“ von Modest Mussorgski in der Instrumentierung von Dmitrij Schostakowitsch. Es folgt das Klavier­konzert Nr. 2 c-Moll des „letzten Romantikers“ Sergei Rachmaninow und zum Schluss die Sinfonie Nr. 5 d-Moll von Schostakowitsch. Die politische Oper „Chowanschtschina“ (deutsch etwa „Die Sache Chowanski“ oder „Die Chowanski-Schweinerei“) von Modest Mussorgski (1839–1881) ist eher unbekannt, weil sie erstens einen politischen Skandal der Zarenzeit thematisiert und zweitens unvollendet blieb. Sie erzählt eine Episode von Hochverrat, Eifersucht und religiöser Spannungen um den Strelizenführer Iwan Chowanski. Dabei kam fast die ganze Zarenfamilie ums Leben, weil sie für eine ungeliebte Kirchenreform verantwortlich war.

Melancholische Ouvertüre

Dieser religiöse Hintergrund durchzieht die melancholische Ouvertüre als eingearbeitete Choräle. Mussorgski, auch Komponist der Oper „Boris Godunow“ und des unsterblichen Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“, soff sich mit 42 Jahren zu Tode. Erst 30 Jahre nach seinem Tod vollendete Nikolai Rimskij-Korsakow das Werk und führte es in Sankt Petersburg auf. Die gleiche düstere Klangschönheit prägt auch Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll. Gleich mit den ersten tiefen Akkorden erzeugt es den Auftakt zu einer geradezu rauschhaften Fahrt durch die russische Seelenlandschaft. Das Russische Nationalorchester und sein Gründer Mikhail Pletnev sorgen gewiss für eine glückliche Ankunft. Dieses Klavierkonzert fordert die physischen, technischen und emotionalen Kräfte des Solisten dermaßen, dass er dem französischen Dirigenten Jérémie Rhorer das Pult überlässt. Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow emigrierte nach der Oktoberrevolution in die USA. Mit im Gepäck des modernen Klassikers: die Ablehnung der Zwölftonmusik.

Große russische Musiktradition

Die 5. Sinfonie d-Moll von Dmitrij Schostakowitsch macht das Konzert vollends zu einer Feier der großen russischen Musiktradition. Das Werk entstand 1937 auf dem Höhepunkt des großen stalinistischen Terrors und wurde zum Erfolg. Funktionäre hörten im Finale den „Triumphmarsch“ Stalins, die anderen einen Trauermarsch für die Opfer. Tradition bedeutet hier also Schwermut, Widersprüchlichkeit und Pathos.

Das Russische Nationalorchester & Mikhail Pletnev: 8. April, 20 Uhr, Liederhalle, 07 11 /  550 660 77