Johannes Held ist gewissermaßen heimgekehrt. Viele Jahre lebte er in Berlin und war als klassischer Sänger in ganz Europa unterwegs. Seit März wohnt er mit seiner Frau und dem gemeinsamen vierjährigen Sohn in Stuttgart – also zumindest sehr nah an seiner alten Heimat Sindelfingen. Dort hat er einst das Goldberg-Gymnasium samt Theater-AG besucht, ehe er eine Laufbahn als Opernmime und Liedinterpret startete.
„Meine Frau hat in Stuttgart einen tollen Job bekommen“, erzählt der 40-Jährige, „da hat sich das angeboten.“ Lucy Van Cleef, ausgebildete Ballettänzerin und Kritikerin, leitet seit Kurzem die Dramaturgie am Stuttgarter Ballett. „Vielleicht werde ich jetzt etwas sesshafter“, schmunzelt Held, der sich durchaus vorstellen kann, neben seiner Sängertätigkeiten als Dozent im Raum Stuttgart zu arbeiten.
Zunächst ist der neue Wohnort aber ideal, um sein Festival-„Baby“ zu organisieren. Der studierte Opernsänger hat seit jeher eine Vorliebe für das deutschsprachige Kunstlied, wie es sich im 19. Jahrhundert entwickelt hat. 2012 veranstaltete Johannes Held erstmals sein Festival in Sindelfingen – mit unglaublichem Erfolg. Alle zwei Jahre finden die Konzerttage seitdem statt. In den anderen Sommern hat der Maichinger eine Workshop-Woche etabliert, bei der Kinder wie Erwachsene an das Kunstlied herangeführt werden. Dem 40-Jährigen scheint die Motivation nicht auszugehen.
Direkt zum Start der kommenden Sommerferien läuft ein weiteres Mal das Liedfestival Sindelfingen unter Helds Regie. Es war einst als „Der Zwerg“ gestartet. Die mehrtägige Veranstaltung hat über die Jahre einige Metamorphosen erlebt, ist aber im Kern ein hochspannendes Musikevent geblieben, bei dem in jedem Detail die Leidenschaft des Organisators zu spüren ist. „Ich habe immer versucht, das Festival als Festival zu etablieren“, betont Held, „ein tolles Programm an tollen Orten zu präsentieren, sodass die Leute sagen können: Da gehen wir blind hin.“
Dieses Mal heißt das Motto schlicht „Franz!“ – erstmals sind durchweg Lieder eines einzelnen Komponisten zu hören: Franz Schubert (1797-1828). Dessen weltberühmter Liederzyklus „Die Winterreise“ hat es Johannes Held besonders angetan. Der Maichinger führte das Werk x-mal auf und kreierte vor Jahren eine eigene Musiktheater-Konzeption. Aber auch „Die Winterreise“ oder „Schwanengesang“ gehören zu seinem Repertoire. Selbstredend werden diese bekannten Zyklen beim Liedfestival zu hören sein – in unterschiedlichen Konstellationen und an verschiedenen Orten.
Chorabend der Extraklasse – mit freiem Eintritt
Die Konzertwoche beginnt aber mit einem „Abend unter Freunden“ in der Musikschule. Johannes Held hat zahlreiche geschätzte Sängerinnen und Sänger eingeladen, honorarfrei und „aus Spaß an der Freude“ mitzusingen. Die Resonanz war enorm, sogar der Männerchor der Hymnus-Chorknaben aus Stuttgart, zu denen Held einst gehörte, hat zugesagt. Das Publikum bekommt nicht nur ein Füllhorn an Stilen zu erleben, sondern zahlt auch keinen Eintritt. Seit vielen Jahren ist der Organisator zudem mit Bryan Benner befreundet. Der US-amerikanische Bariton, Gitarrist und Singer-Songwriter bezeichnet sich augenzwinkernd als „Schubadour”. Mit seiner Band The Erlkings interpretiert er Kunstlied auf eine eigene Weise. „Er ist einfach total ungewöhnlich“, schwärmt Held, „wenn man sich nicht vorstellen kann, in einen Liederabend zu gehen – dann muss man zu diesem kommen.“
„Die Winterreise“ wiederum wird im Schauwerk aufgeführt. Die Verantwortlichen des Kunstmuseums im Sindelfinger Osten sind offen für Kooperationen. Neben der Sängerin Marie Seidler tritt die Balletttänzerin Zarina Stahnke auf. Ähnlich speziell wird der „Schwanengesang“-Abend, bei dem Johannes Held selbst singt. In der Martinskirche ist auch die Singakademie Stuttgart zu Gast, zudem zwei Marimbaphon-Spieler.
Auch wenn der Publikumszuspruch in den vergangenen Jahren beim Festival in der Regel gut war, vermisst Johannes Held immer noch die unter 30-jährigen Zuhörer. Aber die will er begeistern. Deshalb hat sich der Organisator für eine ungewöhnliche Preisstruktur entschieden. Während sich die normale Eintrittskarte in der Spanne von 19 bis 29 Euro bewegt, zahlen unter 30-Jährige nur fünf Euro. „Vielleicht funktioniert es so“, sagt Held.
„Ich hoffe, die Leute kommen in Scharen“
Dabei kann sich Johannes Held nicht einfach Wunschpreise ausdenken, sondern muss kalkulieren – über die Jahre hat sich das Festival nicht nur künstlerisch, sondern auch finanziell enorm entwickelt. Bei der Auflage im Jahr 2022 lag das Budget bei insgesamt rund 100 000 Euro, Johannes Held hätte sich fast verhoben. Inzwischen hat er eine gemeinnützige Unternehmergesellschaft gegründet, um das Festival solide abwickeln zu können. Die Stadt Sindelfingen gibt seit vielen Jahren einen Zuschuss von 15 000 Euro, der Rest muss über Sponsoren und natürlich die Eintrittsgelder eingenommen werden. Insofern ist das Festival stark vom Publikumszuspruch abhängig. „Ich hoffe, die Leute kommen in Scharen“, sagt Johannes Held. Und meint das ganz ernst.
Liedfestival Sindelfingen
Donnerstag, 25. Juli, 19 Uhr
Ein Abend unter Freunden. Odeon der SMTT Sindelfingen. Eintritt frei.
Freitag, 26. Juli, 19 Uhr
Die Winterreise. Schauwerk Sindelfingen. Eintritt: 24 Euro / 5 Euro (unter 30 Jahren).
Samstag, 27. Juli, 19 Uhr
Die schöne Müllerin. The Erlkings. Odeon der SMTT Sindelfingen. Eintritt: 24 Euro / 5 Euro (unter 30 Jahren).
Samstag, 27. Juli, 21 Uhr
Piano solo – Nachtkonzert mit Jean-Sélim Abdelmoula. Amphitheater an der SMTT Sindelfingen. Eintritt: 10 Euro / 5 Euro (unter 30 Jahren).
Sonntag, 28. Juli, 16 Uhr
Schwanengesang. Martinskirche Sindelfingen. Eintritt: 29 bzw. 24 Euro / 5 Euro (unter 30 Jahren).
Montag, 29. Juli, 19 Uhr
Die Leiden des jungen Schubert. Odeon der SMTT Sindelfingen. Eintritt: 19 Euro / 5 Euro (unter 30 Jahren).
Kartenvorverkauf
beim i-Punkt am Marktplatz 1 in Sindelfingen, Telefon 0 70 31 / 94-325. Der Festivalpass kostet 99 Euro. Internet: www.liedfestival.net