Lieferfristen bei Daimler So lange müssen Kunden auf eine A-Klasse warten

Weil die Produktion in den Daimler-Werken immer wieder gestoppt werden muss, kann der Autobauer die Neuwagen nicht zügig liefern. Foto: imago images/Arnulf Hettrich

Der Chipmangel führt bei Daimler zu immer längeren Lieferfristen für bestellte Neuwagen. Experten gehen zudem davon aus, dass die Preise für Autos generell steigen werden.

Stuttgart - Wer eine A-Klasse von Mercedes-Benz kauft, braucht viel Geduld. Denn der vom Chipmangel ausgelöste wiederholte Stillstand der Produktion führt jetzt zu immer längeren Lieferzeiten.

 

Wie eine exklusive Analyse des Neuwagenvermittlungsportals Carwow für unsere Zeitung ergibt, muss man derzeit zwölf Monate warten, bis man eine A-Klasse mit Benzin- oder Dieselmotor abholen kann, beim kompakten Coupé CLA sind es dreizehn Monate, wobei es sich dabei jeweils um Autos mit der Basisausstattung handelt.

„In den letzten Monaten sind die Lieferzeiten in der Autoindustrie insgesamt gestiegen“, sagt Marc Lüers, der sich als Kaufmännischer Leiter bei Carwow um die Zusammenarbeit mit den Händlern kümmert, die ihre Neuwagen über das Portal anbieten. Die deutsche Website von Carwow zählt monatlich mehr als 3,5 Millionen Besuche.

Tesla ist weniger stark betroffen

Die Chipkrise habe die einzelnen Hersteller recht unterschiedlich getroffen, sagt Lüers. Den kalifornischen E-Autobauer Tesla hebt der Manager beispielsweise als Anbieter mit relativ kurzen Lieferzeiten hervor. Wer ein Model 3 bestellt, erhält das Elektroauto nach den Daten des Neuwagenportals bereits nach drei Monaten. Mercedes-Benz zähle dagegen zu den Autobauern, bei denen ein relativ großer Teil der Modellpalette von längeren Wartezeiten betroffen sei, so Lüers.

Besser sieht es bei den reinelektrischen Modellen aus. So beträgt die Lieferzeit beim kompakten EQA laut Carwow nur vier Monate, beim EQC, dem elektrischen Pendant zur C-Klasse, sind es sechs Monate, bei der elektrischen Luxuslimousine EQS fünf bis sieben Monate. Daimler bekräftigt immer wieder, dass die Elektro-Offensive weiter „höchste Priorität“ habe. Die Stromer werden somit offenbar bevorzugt mit den knappen Chips ausgestattet.

Daimler: Alle Kundengruppe betroffen

Obwohl es mehrere Quellen gibt, die anzeigen, dass man bei der A-Klasse besonders lange warten muss, erklärt Daimler, dass alle Kundengruppen von den aktuellen Lieferverzögerungen betroffen seien. „Wir berücksichtigen unabhängig vom Modell, wie lange ein Kunde bereits auf sein Fahrzeug wartet und versuchen, entsprechend zu priorisieren“, teilt ein Sprecher des Unternehmens mit. Allerdings seien die Übergaben an die Kunden stark von der individuellen Ausstattung und der jeweils kurzfristigen Teileverfügbarkeit abhängig.

Man spreche mit den betroffenen Kunden über „individuelle Mobilitätslösungen“. So werde Kunden auch angeboten, das Auto zum vereinbarten Liefertermin zu erhalten und zunächst auf bestimmte Funktionen zu verzichten, die dann nachgerüstet werden, sobald die Komponenten verfügbar sind.

Drehen die Autobauer an der Preisschraube?

Der Kreditversicherer Euler Hermes kommt in einer Studie zum Ergebnis, dass diese Knappheit den Autobauern die Chance eröffnen könnte, in den kommenden Monaten deutlich an der Preisschraube zu drehen. „Die Autobauer sitzen durch die Chipknappheit aktuell am längeren Hebel“, sagt Ron van het Hof, der Chef von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In Deutschland könne man mit einem Preisanstieg zwischen vier und mehr als zehn Prozent rechnen – zumindest bis der Engpass bei den Halbleitern beseitigt sei, sagt der Finanzmanager voraus.

Auch Klaus Wohlrabe, der Leiter der Konjunkturumfragen des Münchner Ifo-Instituts, sieht klare Signale für steigende Autopreise. „Es gab noch nie so viele Firmen, die gleichzeitig die Preise erhöhen wollen“, berichtet der Wissenschaftler. Der entsprechende Indikator sei den siebten Monat hintereinander gestiegen und befinde sich auf einem historischen Hoch.

Preise liegen fünf Prozent über Vorjahresniveau

Wohlrabe fügt jedoch hinzu, dass der Anteil der Autobauer und Zulieferer, die ihre Preise erhöhen wollen, geringer sei als in der gesamten Industrie. Eine Umfrage des Ifo-Instituts hatte ergeben, dass jedes zweite Industrieunternehmen die Preise erhöhen will. In einem Umfeld immer längerer Lieferzeiten seien Preiserhöhungen für Neuwagen schwer zu vermitteln, gibt der Wissenschaftler zu bedenken.

Eine Analyse der Deutschen Automobil-Treuhand (DAT) in Ostfildern – des Daten- und Softwaredienstleisters der gesamten deutschen Automobilbranche - hat ergeben, dass die Nettolistenpreise der Autobauer Anfang August insgesamt rund fünf Prozent über dem Vorjahresniveau lagen.

Die Rabatte werden kleiner

Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer weist zudem darauf hin, dass die Rabatte kleiner werden. „Die Halbleiterkrise spiegelt sich deutlich in der Verkaufsförderung im deutschen Automarkt wider“, sagt Dudenhöffer. In den kommenden Monaten dürfte sich das Problem nach seiner Einschätzung noch verschärfen.

Daimler räumt ein, dass die Rabatte derzeit niedrig sind. „Die sehr hohe Kundennachfrage im deutschen Gesamtmarkt führt bei Mercedes-Benz zu einem niedrigen Nachlassniveau und stabilen Transaktionspreisen bei Neu- und Gebrauchtwagen,“ teilt der Autohersteller mit.

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