Lil Wayne im Stuttgarter LKA Begrenzte Bombenstimmung

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Der amerikanische Rapstar Lil Wayne hat Stuttgart beehrt. Das Publikum lässt er etwas ratlos zurück. Das Protokoll eines langen kurzen Abends.

Lil Wayne hat sich im LKA dieEhre gegeben – exakt 59 Minuten lang. Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky 7 Bilder
Lil Wayne hat sich im LKA dieEhre gegeben – exakt 59 Minuten lang. Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Stuttgart - Prolog: Für eines seiner zwei Deutschlandkonzerte hatte sich am Dienstagabend der US-amerikanische Hip-Hop-Star Lil Wayne in Stuttgart angesagt, der bereits als Kind seinen ersten Plattenvertrag unterschrieben und seither zigmillionen Platten verkauft hat, für die er mit unzähligen Platin- und Goldehrungen sowie bis dato fünf Grammys ausgezeichnet wurde. Und das lief dann so:

 

19.57 Uhr: Wegen der Bombenentschärfung in Wangen gerade noch so eben geschafft, rechtzeitig zum für pünktlich um 20 Uhr angesetzten Beginn vor dem Longhorn zu erscheinen. Am Einlass weist uns ein Vertreter des Veranstalters darauf hin, dass der Künstler allerdings noch gar nicht im Haus sei und das Konzert demzufolge womöglich etwas später beginnen könne.

20.19 Uhr: Zurück von der Tankstelle, das zum Zwecke des Zeittottschlagens gekaufte Eis in der Hand. Nachdenken über Deutschland und den Sinn beziehungsweise Unsinn eines Vorprogramms. Zeit dafür ist, denn vor dem LKA stehen immer noch jede Menge rauchender Grüppchen. In beruhigender Stille, eine Vorband gibt es nämlich nicht.

21.11 Uhr: Nachdem zuvor Musik vom Band lief, bequemen sich nun ein Schlagzeuger und ein DJ auf die Bühne. Der Schlagzeuger macht so eine Art Soundcheck, irgendwann verlässt er die Bühne wieder. Der DJ, ein Mann namens T. Lewis, spielt jetzt Schallplatten ab.

21.20 Uhr: Kunstnebel steigt auf der Bühne auf. Allerdings folgenlos. Viel Rauch um nichts, der vom Publikum allerdings trotz fortgeschrittener Stunde verblüffend gleichmütig hingenommen wird.

21.34 Uhr: DJ T. Lewis legt nun den sattsam überhörten Stadiongassenhauer „Seven Nation Army“ von den White Stripes auf. Eine Rockhymne zum Mitgrölen. Der Aufruf zeitigt bei den Besuchern allerdings recht bescheidene Wirkung.

21.43 Uhr: Hinten im LKA, in den mit den Schildern „Rauchen verboten – bei Zuwiderhandlung sofort Hausverbot“ dekorierten Sitzgruppen, werden von den Zuschauern aus purer Langeweile die ersten Zigaretten angezündet.

21.56 Uhr: Wieder wird die Bühne in Kunstnebel gehüllt. Wieder folgenlos.

22.00 Uhr: Wegen der extrem geringen Kartennachfrage ist das Konzert im Vorfeld von der großen Freilichtbühne auf dem Killesberg in das deutlich kleinere LKA verlegt worden. Eine gute Entscheidung, denn auf dem Killesberg muss aus Lärmschutzgründen bereits um zehn Feierabend sein. Da wäre das Konzert zu diesem Zeitpunkt also vorbei gewesen, ehe es überhaupt begonnen hat.

22.04 Uhr: Der DJ spielt nun das insbesondere in den Kreisen harter Gangstarapper außerordentlich beliebte Lied „In the Air tonight“ von Phil Collins.

22.10 Uhr: Nach Hause gehen oder doch noch zugucken, wie ein vor Wut kochendes Publikum aus dem Laden Kleinholz macht? Hmmm. . . stoisch und ohne ein einziges gellendes Pfeifkonzert stehen sich die Besucher auch zwei Stunden nach dem angekündigten Konzertbeginn tatenlos die Beine in den Bauch.

22.11 Uhr: Mit großem Brimborium, aber ohne ein Wort der Entschuldigung betritt nun Lil Wayne rauchend die Bühne. Er stellt den wieder eingetrudelten Schlagzeuger als seine „One-Man-Band“ vor, zeigt in den Himmel und verkündet, dass wir erstens ohne den da oben alle nichts wären, dass er zweitens ohne die Fans nichts wäre und dass er drittens – doppelt hält besser – ohne die Fans nichts wäre.

22.27 Uhr: Lil Wayne brennt nicht nur zahlreiche selbstgedrehte Zigaretten, sondern musikalisch unterstützt von dem DJ und der Ein-Mann-Band das ab, was man für gewöhnlich ein Feuerwerk der größten Hits nennt. Jetzt ist gerade sein Song „Lollipop“ an der Reihe, der eigentlich (zumindest wenn man vor dem geistigen Auge das dazugehörige Dicke-Hosen-Video ausblendet) ganz gut das musikalische Potenzial andeutet, das Lil Wayne theoretisch ausschöpfen könnte.

22.41 Uhr: Ein paar Herrschaften aus der Entourage leisten Lil Wayne nun Gesellschaft. Einer von ihnen bringt seine Hochachtung gegenüber dem Publikum zum Ausdruck, indem er auf der Bühne sein Mobiltelefon zückt und seine Mails checkt.

23.05 Uhr: Lil Wayne rappt weiter vor sich hin. Seine Texte befassen sich mehr oder weniger mit allen Facetten der Frage, wie schön es doch ist, reich zu sein; sein Ansagerepertoire besteht unverändert mehr oder weniger aus zwei Sätzen, die, da hier ja auch Heranwachsende mitlesen, entschärft „Germany make some fxxxing Noise“ und „Put your motherfxxxing Hands in the Air“ lauten.

23.10 Uhr: DJ T. Lewis legt Whitney Houstons „I will always love you“ auf, nach exakt 59 mageren Minuten verlässt Lil Wayne die Bühne. Eine Zugabe gibt es nicht, der potenziell denkbare Wunsch danach wird dadurch erstickt, dass umgehend das Hallenlicht angeschaltet wird.

 

Epilog: Man hat schon manch ein Konzert erlebt, das nicht ganz so gut oder eher so mittelgut war. Aber ein Publikum, das derart enttäuscht, desillusioniert, konsterniert, verblüfft und herb enttäuscht nach Konzertende ratlos vor der Halle steht – das ist dann doch eine große Ausnahme. Für 59 Minuten Unterhaltung hat es 62 Euro Eintritt bezahlt. Multipliziert mit den rund 1500 Besuchern ergibt sich für Lil Wayne ein Minutenlohn, der selbst Messi oder Ronaldo neidisch machen dürfte.


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