InterviewLili Hinstin, Chefin des Filmfestivals in Locarno „Ich arbeite mit der Geschichte“

Von Von Patrick Heidmann 

Am Mittwoch ist die 72. Ausgabe des Filmfestivals in Locarno eröffnet worden. Für das Programm ist erstmals die 42-jährige Französin Lili Hinstin verantwortlich, die über ihre ersten Erfahrungen, ihre Pläne und Perspektiven spricht.

Die Festivalchefin Lili Hinstin auf der Piazza Grande in Locarno, dem Ort der abendlichen Freiluftaufführungen für Tausende von Zuschauern. Foto: picture alliance/dpa
Die Festivalchefin Lili Hinstin auf der Piazza Grande in Locarno, dem Ort der abendlichen Freiluftaufführungen für Tausende von Zuschauern. Foto: picture alliance/dpa

Stuttgart - Am Mittwoch ist die 72. Ausgabe des Filmfestivals in Locarno eröffnet worden. In diesem Jahr ist erstmals die 42-jährige Französin Lili Hinstin für das Programm verantwortlich. Sie übernahm das Festival, das eines der ältesten und wichtigsten Welt ist, als Nachfolgerin von Carlo Chatrian, der zur Berlinale gewechselt ist.

Madame Hinstin, Sie sind in diesem Jahr erstmals als künstlerische Leiterin beim Filmfestival in Locarno verantwortlich. Wie spüren Sie die Erwartungen, die mit diesem neuen Job einhergehen?

Freimachen kann ich mich auf jeden Fall nicht davon, dass es diese Erwartungshaltungen aus verschiedenen Richtungen an mich gibt. Darüber habe ich mir auch nie Illusionen gemacht. Am meisten Druck habe ich bei der Pressekonferenz verspürt, bei der ich unser erstes Programm verkündet habe. Ich war gespannt, wie die Reaktionen sein würden, und froh, dass ich anscheinend vermitteln konnte, zeitgemäße, frische Schwerpunkte setzen zu wollen. Jetzt, wo das Festival begonnen hat, empfinde ich allerdings keine Nervosität mehr. Nun ist das Rad ja in Bewegung gesetzt, und ich bin einfach gespannt, wie das Programm angenommen wird.

Wenn man eine solche alteingesessene Institution wie dieses Festival übernimmt, geht es da eher um Veränderung oder darum, Bewährtes fortzusetzen?

Ich empfinde es definitiv nicht als meine Aufgabe, Locarno auf den Kopf zu stellen und das Festival komplett zu erneuern. Hätte ich etwas vollkommen Neues aus dem Boden stampfen wollen, hätte ich mir sicherlich keine Veranstaltung mit solch langer Tradition ausgesucht. Ich habe mich um diesen Job ja gerade beworben, weil ich das Festival in seiner bestehenden Form so sehr liebe. Es ist fester Bestandteil meiner cinephilen Erziehung, um es mal so auszudrücken. Als künstlerische Leiterin sehe ich es nun als meine Aufgabe, gerade mit der Geschichte dieses Orts und dieses Events zu arbeiten und dafür zu sorgen, dass das Festival weiterhin seinen Finger am Puls der Zeit hat. Mein Programm soll deswegen der Versuch sein, zu definieren, was modernes Kino heutzutage bedeuten kann.

Würden Sie sagen, dass Sie bei der Programmierung eine bestimmte Handschrift haben?

Es lassen sich in jedem Fall Filme in unserem Programm finden, die ganz klar meinem persönlichen Geschmack entsprechen. Aber gleichzeitig mache ich die Auswahl ja gemeinsam mit einem Team von fünf weiteren Personen, deswegen gilt das Gleiche auch für jeden von ihnen. Das Programm ist eine Synergie starker, individueller Geschmäcker und Kriterien.

„Ich hätte nicht jeden Tarantino gezeigt“

Hatten Sie sich ein bestimmtes Ziel gesetzt?

Das einzige Ziel, das wir hatten, war das Finden guter, mutiger, auch riskanter Filme. Alles andere wäre kontraproduktiv gewesen, denn von Anfang an eine feste Schwerpunktsetzung im Sinn zu haben ist eigentlich das Gegenteil von der Arbeitsrealität eines Festivalmachers. Wir sind ja angewiesen auf das, was uns überhaupt zur Verfügung steht. Es macht ja keinen Sinn, partout einen Film von Hong Sang Soo haben zu wollen, wenn der gerade gar keinen neuen gedreht hat. Was das angeht, liebe ich die Vielfalt, die sich mir in Locarno bietet. Bei den kleineren Festivals, bei denen ich in der Vergangenheit tätig war, war die Auswahl natürlich viel kleiner. Hier dagegen sichteten wir über 5000 Filme, aus denen wir dann – inklusive Kurzfilmen – 125 auswählten. Diese Vielfalt und der große Spielraum haben mich begeistert.

Sie müssen sehr unterschiedliche Programmreihen füllen, vom Wettbewerb, der oft sperrig bis avantgardistisch ist, hin zu den abendlichen Vorführungen auf der Piazza Grande, wo bis zu 8000 Zuschauer kommen. Was ist schwieriger?

Ich würde sagen der Wettbewerb. Für die Piazza-Filme gilt ein klares Kriterium: Sie müssen eine prägnante Erzählperspektive und künstlerischen Anspruch haben, aber eben auch für ein breiteres Publikum zugänglich sein. Ob ein Film das erfüllt, merkt man recht schnell. Beim Wettbewerb ist die Verantwortung vielleicht ein wenig größer. Da muss man mehr kuratieren, eben weil eine größere stilistische, formale und inhaltliche Offenheit der Reihe besteht. Aber wie gesagt, wir müssen ohnehin damit arbeiten, was uns angeboten wird. Ich vergleiche so ein Festivalprogramm gerne mit einem Gemälde.

Wie wichtig sind dabei starke Farben, um das Publikum anzulocken? Auf der Piazza zeigen Sie zum Beispiel „Once Upon a Time . . . in Hollywood“, obwohl Tarantino nicht persönlich nach Locarno kommen wird und der Film ein paar Tage später regulär in die Kinos kommt.

Sehr wichtig, ohne Frage. Denn damit macht man die Zuschauer einfach glücklich, und das ist natürlich immer ein großes Plus. Ich bin gar nicht der größte Tarantino-Fan und hätte nicht wahllos jeden seiner Filme hier gespielt. Aber dieser ist wirklich ausgesprochen gut, sehr persönlich und nicht so eine Macho-Nummer. Die Vorstellung ist schon komplett ausverkauft, das spricht doch für sich. Solche Filme haben für ein Festival den gleichen Effekt wie Stars, wenn sie mit anspruchsvollen Arthouse-Regisseuren zusammenarbeiten. Sie sorgen für Aufmerksamkeit und locken ein Publikum an, das ansonsten mit so einem Festival vielleicht nicht in Berührung käme.

Sie sind eine der ganz wenigen Frauen an der Spitze eines großen Filmfestivals. Sind die Schwierigkeiten für Frauen in der Festivalbranche noch größer als anderswo?

Zunächst muss man sagen, dass es in der Welt der Filmfestivals überdurchschnittlich viele Frauen gibt, wenn man sich mal alle Beschäftigungsebenen ansieht. Arbeit im Kulturbereich, Organisationsaufgaben, eher schlechte Bezahlung – das sind ja genau die Jobs, in denen Frauen seit Langem gerne gesehen werden. Richtig schwierig wird es bei den Führungspositionen, aber ich glaube, das ist in meinem Bereich nicht anders als sonst wo für Frauen. Die Strukturen sind überall die gleichen und seit Jahrzehnten festgefahren. Außerdem sind wir immer noch gefangen in diesen Vorstellungen, dass Frauen sich selbst zu wenig zutrauen und Männer wiederum Frauen zu wenig zutrauen. Daraus auszubrechen ist mühsam. Gleichzeitig beobachte ich zumindest in der Filmbranche, dass sich gerade sehr vieles verändert, und obendrein wahnsinnig schnell. Deswegen bin ich eigentlich optimistisch.