Linkes Zentrum in Heslach Topfpflanzen und Fußtritte

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Das Linke Zentrum in Stuttgart-Heslach soll ein soziales Vorzeigeprojekt sein. Ein Hort von Pazifisten ist es aber offenbar nicht.

Vorbereitung für die „Antirepressionsdemo“ auf dem Schlossplatz Foto: Heinz Heiss
Vorbereitung für die „Antirepressionsdemo“ auf dem Schlossplatz Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Auf den Fensterbänken stehen Topfpflanzen, die Wände sind in einem warmen Rotton gestrichen, es gibt Sitzecken mit hellen Holztischen, ein Zettel weist auf das absolute Rauchverbot hin. Das Café im Linken Zentrum im Stuttgarter Stadtteil Heslach mutet beinahe bürgerlich an. „Nicht spießig, aber aufgeräumt“ soll es wirken, sagt Paul von Pokrzywnicki. Von Pokrzywnicki, 21, ist der Sprecher des Projektes. Er hat in den letzten zwei Jahren ungezählte Stunden mit der Renovierung des Hauses verbracht, sogar sein Abitur hat er deshalb verschoben.

Bis vor einigen Jahren befand sich in dem Eckhaus gegenüber dem Stuttgarter-Hofbräu-Stammsitz ein Lokal mit Mundartbühne. Das Schild mit der Aufschrift Rebstöckle hängt bis heute über dem Eingang. 2010 kaufte eine Gruppe junger linker Aktivisten das Gebäude. Ihr Traum: ein selbst verwaltetes Zentrum für Stuttgart, das – wie es auf der Homepage heißt – „dauerhaft dem profitorientierten Kapitalmarkt entzogen ist“ und sich „an sozialen Kämpfen beteiligt“. Ein Haus mit Wohngemeinschaften, Büros sowie Räumen für Konzerte und Partys unter einem Dach.

Das Konzept stammt ursprünglich aus dem Freiburger Vauban-Viertel. Als die französischen Truppen Anfang der 90er Jahre dort abzogen, blieben leer stehende Kasernen zurück. Aktivisten kauften von der Stadt vier Gebäude, die eigentlich abgerissen werden sollten, und renovierten sie. Heute leben im Wohnprojekt Susi (selbst organisierte, unabhängige Siedlungsinitiative) 260 Menschen. Etwa 50 ähnliche Einrichtungen sind inzwischen bundesweit entstanden. Mietshäusersyndikat heißt die Dachorganisation, die bei der Anschubfinanzierung hilft und garantieren soll, dass die gemeinschaftlichen Hausprojekte nicht in einigen Jahren wieder privatisiert werden.

Eine Vision nimmt Gestalt an

Das Stuttgarter Zentrum unterstützen viele Sympathisanten mit Kleinkrediten von mindestens 500 Euro. „Wir haben so inzwischen mehr als 300 000 Euro eingesammelt“, erzählt Paul von Pokrzywnicki. Etwa 800 000 Euro haben die Aktivisten bisher in den Kauf des Gebäudes und die Renovierung gesteckt; die fehlende halbe Million haben sie sich von einer alternativen Genossenschaftsbank geborgt.

Zwei Jahre nach dem Kauf des Hauses nimmt die Vision langsam Gestalt an. Vor einigen Wochen saßen die Besucher samstagabends, wenn es in der „Volxküche“ für einige Euro warmes Essen gibt, noch in dicke Jacken gemümmelt an den Tischen, weil die Heizung nicht funktionierte. Inzwischen ist es warm, am lauten Brummen der Lüftung wird noch gearbeitet.

In den Büros im ersten Stock haben sich Initiativen eingemietet. Das Kreisbüro der Linken findet man hier genauso wie die Deutsche Kommunistische Partei, die Gewerkschaftsjugend von Verdi trifft sich hier ebenso wie Flüchtlings- und Umweltschutzinitiativen.

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