Zwei 19-jährige Handball-Bundesligaspieler des TVB Stuttgart: Max Heydecke (li.) und Linus Schmid. Foto: Baumann/Julia Rahn
Linus Schmid und Max Heydecke schaffen früher als geplant den Sprung ins Bundesligateam des TVB Stuttgart. Die 19-jährigen Abiturienten und haben ein Mammutprogramm zu bewältigen.
Das 32:27 am 5. März gegen den THW Kiel war nicht irgendein Erfolg für den TVB Stuttgart. Es war im 23. Pflichtspielanlauf der erste Sieg gegen den deutschen Rekordmeister. Dass die Spieler nach diesem geschichtsträchtigen Triumph am Abend im „Städtle“ noch ein bisschen um die Häuser zogen und Trainer Misha Kaufmann das Wochenende freigab, gehörte zum verdienten Lohn für eine grandiose Leistung.
Einsätze für Team von Daniel Brack
Doch für zwei Spieler im Kader des TVB gestaltete sich die „Regeneration“ gänzlich anders. Linus Schmid und Max Heydecke füllten nach dem Handball-Bundesligaspiel in der Porsche-Arena noch ihre Kohlenhdyrat-Speicher im nahen Palm Beach auf, dann ging’s zügig nach Hause. Am Freitag klingelte für beide gegen 6.15 Uhr der Wecker, um 7.45 Uhr stand für die 19-Jährigen die erste Schulstunde auf dem Programm. Und am Samstag spielten sie via Zweifachspielrecht für den Drittligisten TSV Neuhausen/Filder: Mit der Mannschaft von Trainer Daniel Bruck fuhren sie beim TV Erlangen-Bruck einen 35:31-Sieg ein – nicht vor 6212 Zuschauern wie gegen Kiel, sondern eben vor 220.
„Klar ist die Atmosphäre anders. Aber Handball ist Handball. Und ich bin froh über die Spielpraxis vor allem im Angriff“, sagt Linus Schmid. Ende April/Anfang Mai stehen für beide die Abitur-Prüfungen an. Dass gerade alles mega anstrengend ist, steht außer Frage.
Vorbild Andi Schmid
„Im Prinzip investiere ich meine ganze Zeit in Handball und Schule“, sagt Linus Schmid. Der Aufwand zahlt sich aus. Der abwehrstarke Rückraumspieler (Vertrag bis 2028) steht nicht nur als Lückenfüller auf dem Bundesliga-Spielberichtsbogen, gegen den THW Kiel begann er anstelle des Champions-League-Siegers Antonio Serradilla im Innenblock – und machte seine Sache sehr ordentlich. „Klar ist man aufgeregt, wenn ein Weltklassemann wie Domagoj Duvnjak vor einem steht, aber vor allem die Kommunikation mit meinem Nebenmann Marco Mengon gab mir viel Sicherheit“, sagt der Rechtshänder, der den Schweizer Ex-Weltklasse-Spielmacher Andy Schmid als sein Vorbild nennt.
Linus Schmid (re.) jubelt mit Max Heydecke nach dem Sieg gegen den THW Kiel. Foto: Pressefoto Baumann
Gemeinsam mit Max Heydecke feierte er sein Bundesligadebüt am 18. September 2025 gegen Frisch Auf Göppingen (28:28). Ausgerechnet im Derby. Schmid wohnt in Köngen. Die Firma seines Vaters hat vier Dauerkarten bei Frisch Auf. Davor holten die beiden Asse von morgen im vergangenen Jahr mit der A-Jugend von JANO Filder die deutsche A-Jugend-Vizemeisterschaft und mit der deutschen U-19-Nationalmannschaft den WM-Titel in Ägypten.
Neben diesen vielen Gemeinsamkeiten gibt es aber auch Unterschiede. Heydecke darf im Gegensatz zu Schmid in dieser Saison sogar noch in der U 19 und damit in einem dritten Team am Ball sein. Er wohnt in Ostfildern und besucht den Sportzug der Johann-Friedrich-Cotta-Schule, Schmid das berufliche Gymnasium in der Esslinger Friedrich-Ebert-Schule. Dort gibt es keine Abstimmung zwischen Schule und Sport. Dreimal pro Woche trainiert Schmid in Bittenfeld, bei Vormittagseinheiten kann er nicht dabei sein. Zwei bis drei Einheiten kommen für ihn in Neuhausen dazu. Heydecke ist flexibler, kommt auf sechs Trainingsbeteiligungen beim TVB, plus ein bis zwei in Neuhausen.
Sechs Tore bei sechs Versuchen
Und dann ist da noch der Unterschied, was die Position auf dem Spielfeld betrifft. Dass Misha Kaufmann in den allermeisten Fällen mit vier Rückraumspielern agieren lässt, kommt Schmid entgegen. Kreisläufer Heydecke, dem die Spielweise von Magdeburgs Magnus Saugstrup imponiert, wird dagegen im Angriff meist nur in Überzahlsituationen eingesetzt oder bei extremer Personalnot. Im Spiel bei den Füchsen Berlin (32:37) sahen Max Häfner, Marco Mengon und Antonio Serradilla jeweils die Rote Karte – Heydecke kam rein und glänzte mit sechs Toren bei sechs Versuchen.
TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt räumt ein, dass bei den Gesprächen in Sachen Vertragsverlängerung (auch Frisch Auf Göppingen zeigte Interesse an Heydecke) das Kaufmann-System durchaus ein Thema war. Doch Schweikardt sagt auch: „Wir spielen ja nicht immer mit vier Rückraumspielern, und wenn wir mit Kreis spielen, dann ist Max nach dem Abgang von Gianfranco Pribetic unser einziger offensiver Angriffskreisläufer.“
Was für Heydecke selbst entscheidend war, sich bis 2029 an den TVB zu binden? Er nennt vor allem den Trainer: „Ich bin absolut überzeugt von der Art und Weise, wie Misha Kaufmann mit uns jungen Spielern auch individuell arbeitet. Er feilt an Kleinigkeiten wie zum Beispiel an einer bestimmten Fußstellung in der Abwehr.“ Auch außerhalb des Handballs bringe er mit seinem Emotionen und seiner Willenskraft junge Spieler weiter.
Wo der Weg hinführen soll? Heydecke, der bis zum Alter von sechs Jahren in Südafrika, dem Heimatland seiner Mutter, lebte, möchte irgendwann einmal in einem Final Four um die Champions League stehen. Auch Schmid träumt von der internationalen Bühne und dem Sprung in die A-Nationalmannschaft.
Max Heydecke im Dress der deutschen U-20-Nationalmannschaft. Foto: IMAGO/osnapix
Doch zunächst spielen beide erst einmal in der U-20-Nationalmannschaft. Mit dem Team von Trainer Martin Heuberger steht in dieser Woche ein Lehrgang mit zwei Spielen gegen Österreich an (20. März, 19.30 Uhr, in Steißlingen und 21. März, 15.30 Uhr, in Bregenz).
Das bedeutet viel Handball und eine Woche schulfrei, verbunden mit Nachholen von Unterricht und Klausuren. „Das Ende der stressigen Zeit ist ja absehbar“, sagen beide unisono. Und mit dem Abitur in der Tasche werden sie dann garantiert auch um die Häuser ziehen.