Lisa Federle zu Problemen beim Rettungsdienst „Das Thema Medizin muss in den Schulunterricht“

Lisa Federle will bei medizinischen Themen in den Schulen ansetzen – aus mehreren Gründen. Foto: /Simon Granville

Der Rettungsdienst in Baden-Württemberg steckt in der Krise. Die Einsatzzahlen explodieren, Respektlosigkeiten nehmen zu, Gerichtsurteile sorgen für Verunsicherung. Deutschlands wohl bekannteste Notärztin schlägt Auswege vor.

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Lisa Federle ist nicht nur Leitende Notärztin in Tübingen, sondern wegen ihrer pragmatischen Lösungen zu Coronazeiten bundesweit bekannt geworden. Aufgrund ihrer vielschichtigen Erfahrungen kennt sie die derzeit massiv diskutierten Probleme des Rettungsdienstes im Land aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie fordert sofortige Gegenmaßnahmen auf mehreren Ebenen – vor allem in den Schulen.

 

Frau Federle, die Einsatzzahlen für Notärzte und Rettungswagen explodieren, das Personal wird beleidigt und angegangen, gesetzliche Vorgaben können nur noch selten eingehalten werden und Gerichtsurteile schaffen zusätzliche Verunsicherung. Lässt sich die Notfallrettung noch retten?

Das ist natürlich ein großes Thema nicht nur in der Politik, sondern auch unter den Beschäftigten. Wir alle machen diesen sozialen Beruf mit viel Freude und großem Engagement. Trotzdem sind viele Notfallsanitäter häufig unzufrieden mit ihrer Arbeit. Sie empfinden es als völlig frustrierend, wenn man ständig zu Notfallpatienten gerufen wird, die die 112 wählen und am Telefon schwer keuchen, dann aber vor Ort nur eine verstopfte Nase haben.

Wie viele unnötige Einsätze dieser Art gibt es?

Viele. Ich würde sagen, mindestens 40 Prozent, manche gehen auch von mehr aus.

Warum wählen die Leute heute so schnell den Notruf?

Die Gründe sind vielfältig. Manche Patienten wissen, dass bei bestimmten Stichworten sofort der Notarzt kommt. Andere sind völlig hilflos, weil sie keine Ahnung haben, was man im Notfall tun muss – wann man zum Arzt geht, wann man den ärztlichen Bereitschaftsdienst anfordert, wann ein Notruf sinnvoll ist. Manche Eltern melden sich sofort panisch bei der 112, wenn ein Kind 38 Grad Temperatur hat. Viele Menschen in unserer Gesellschaft sind heute einsam und besonders seit Corona gibt es eine starke Zunahme bei den Ängsten. Dazu kommt, dass es gerade auf dem Land immer weniger Ärzte gibt und der kassenärztliche Notdienst für weniger schwere Fälle unter der 116 117 oft schwer zu erreichen ist.

Muss das erste Ziel also lauten, die Zahl der Fehleinsätze zu verringern?

Eindeutig ja. Damit wäre viel geholfen. Den Mitarbeitenden, aber auch den Patienten. Dann fehlen die Fahrzeuge nicht mehr wegen Lappalien bei Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Unter anderem deshalb haben wir 2015 in Tübingen die mobile Arztpraxis zur Behandlung geflüchteter Menschen direkt an den Unterkünften eingeführt. Dort waren die Notarzteinsätze damals stark gestiegen und wir konnten damit einiges abfangen.

Ein allgemeines Modell kann das ja aber nicht sein. Wie kann man das Problem angehen?

Das ist ein längerer Prozess, aber wir müssen unbedingt jetzt anfangen. Es ist ganz wichtig, endlich wieder ein Bewusstsein in der Bevölkerung für medizinische Themen zu schaffen. Das muss in den Schulen im Unterricht beginnen. Und zwar nicht ein paar Mal freiwillig, sondern als Pflicht und regelmäßig über Jahre innerhalb eines dafür geeigneten Fachs. Was mache ich, wenn ich zu einem Unfall komme? Wann rufe ich die 112? Wie gehe ich mit Demenz um? Dabei lernt man auch soziales Miteinander.

Wer könnte diesen Unterricht erteilen?

Man könnte zum Beispiel erfahrene Notfallsanitäter, die nicht mehr aktiv fahren, in die Klassen schicken. Erste-Hilfe-Kurse gibt es ja jetzt schon. Man muss ein Programm für die Schulen entwickeln, in Kombination mit entsprechenden Praktika. Das hätte auch noch weitere Vorteile. Ich glaube, wir könnten so zum einen auch wieder viel mehr Menschen für soziale und medizinische Berufe gewinnen. Zum anderen werden die Respektlosigkeiten immer schlimmer. Einmal haben wir im Rettungswagen einen Patienten reanimiert. Währenddessen ist aus Spaß ein junger Mann auf dem Trittbrett rumgehüpft. Den haben wir angezeigt. Der hätte vielleicht anders gehandelt, wenn er sich mit solch einer Situation schon einmal im Unterricht beschäftigt hätte.

Was braucht es neben den Schulen zur Rettung der Branche?

Man müsste die medizinischen Berufe insgesamt aufwerten. Verbal, damit sie das entsprechende Ansehen genießen. Aber auch finanziell. Wenn etwa in einer Leitstelle zwei Kollegen exakt dasselbe machen, der eine aber mehr verdient und früher in den Ruhestand darf, weil er bei der Feuerwehr angestellt ist und der andere bei einer Rettungsorganisation, ist das nicht nachvollziehbar.

Eine Klägergruppe aus Mannheim hat zuletzt zwei Gerichtsurteile gegen das Land erwirkt. Darin wird unter anderem gefordert, anders als bisher künftig alle Einsätze, auch die ohne Blaulicht, in die sogenannte Hilfsfrist einzurechnen, binnen der die Retter am Einsatzort sein müssen. Ist das sinnvoll?

Menschenleben stehen über allem. Es ist wichtig, dass jedem so schnell wie möglich geholfen wird. Wenn jemand mit Atemnot auf dem Boden liegt, fühlt sich jede Sekunde wie eine Stunde an. Man braucht aber nicht in allen Fällen einen Notarzt. Wer viel fordert, muss auch überlegen, was sinnvoll ist. Müssten künftig alle Einsätze innerhalb der Hilfsfrist erfolgen, würde das ganze System zusammenbrechen. Das ist völlig illusionär. Wir müssen eine Lösung finden, die realistisch, personaltechnisch möglich und bezahlbar ist.

In den vergangenen Jahren hat man angesichts stetig steigender Einsatzzahlen überall versucht, mit neuen Fahrzeugen und zusätzlichem Personal aufzurüsten. Kann das so weitergehen?

Wir rennen seit Jahren immer hinterher. Die Einsatzzahlen steigen, man rüstet nach, dann steigen die Zahlen wieder. Wir haben in Tübingen alles versucht bis hin zur Optimierung von Ampelschaltungen. Wir haben aber Notarztmangel und können nicht in jedem Dorf einen Standort eröffnen. Das ist, wie wenn man ständig neues Geld druckt – das geht auf Dauer auch nicht gut. Man muss das Problem von Grund auf angehen: Schulunterricht, Nachjustieren beim ärztlichen Bereitschaftsdienst, bessere Arbeitsbedingungen, bessere Übergaben an den Krankenhäusern, Abbau von Bürokratie. Das ist sehr komplex, aber wir müssen jetzt damit anfangen.

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