Lisa-Katharina Hill bei der Turn-WM Finale trotz Unistress in Stuttgart

Von Katja Sturm, Nanning 

Lisa-Katharina Hill aus Stuttgart bringt Studium und Sport erfolgreich unter einen Hut. Bei der WM in China ist sie als einzige Deutsche noch in den Wettbewerben vertreten – in der Mehrkampfentscheidung der besten 24 ebenso wie im Gerätefinale am Stufenbarren.

Großer Sprung: so gut wie in Nanning war Lisa-Katharina Hill noch nie. Foto: EPA
Großer Sprung: so gut wie in Nanning war Lisa-Katharina Hill noch nie. Foto: EPA

Nanning - Als es bei den deutschen Turnerinnen in der Qualifikation der Weltmeisterschaften von Nanning nicht gelaufen ist, da sah sich Lisa-Katharina Hill in der Pflicht. „Jetzt muss ich mein Ding durchziehen“, sagte die 22 Jahre alte Wahl-Esslingerin zur Cheftrainerin Ulla Koch – und genau das tat sie. Anders als ihre Kolleginnen leistete sich die Studentin bei ihrem Auftritt keinen einzigen Fehler. Dem Team half das wenig – es verpasste als Neunter das angestrebte Finale. Doch Hill, die seit Januar 2013 im Stuttgarter Kunstturnforum trainiert, wurde für ihren Kämpferwillen belohnt: Sie zog sowohl in die Entscheidung im Mehrkampf an diesem Freitag als auch in das Gerätefinale am Stufenbarren ein. Endlich einmal war es für sie im richtigen Moment richtig gut gelaufen.

Dabei hatte die gebürtige Schleswig-Holsteinerin vor zwei Jahren schon überlegt, ihre Turnriemchen an den Nagel zu hängen. An der Qualifikation für die Olympischen Spiele in London war sie als Ersatzturnerin knapp gescheitert. Da habe sie sich die Frage gestellt, ob sich der Aufwand lohne, ob es sich auszahle, alles auf die Karte Sport zu setzen. Die Antwort fiel negativ aus: „Ich setze jetzt andere Prioritäten.“ Das Studium sollte Vorrang haben, das Turnen nur noch der passende Ausgleich dafür sein.

Aus Schleswig-Holstein über Chemnitz nach Stuttgart

Dennoch entschloss sich die leidenschaftliche Sportlerin, die als Teenager aus ihrer norddeutschen Heimat der besseren Trainingsbedingungen wegen nach Chemnitz umgezogen war, zu einem weiteren Ortswechsel. In Stuttgart bringt sie seit einem halben Jahr erfolgreich ihr Maschinenbaustudium und das Üben an Schwebebalken und Stufenbarren unter einen Hut. Von dem zuvor eingeschlagenen Weg in die Medienwirtschaft kam sie schnell ab, „das hat mir keinen Spaß gemacht“, erzählt Hill. Physik und Mathematik mochte sie dagegen schon in der Schule, glaubte aber zunächst, Maschinenbau sei zu schwer.

Bisher jedoch lief in Klausuren und Prüfungen alles glatt, „bei den Professoren bin ich glücklicherweise nicht nur eine Nummer“ – die kennen und unterstützen sie. Und in ihrem Sport hilft es Lisa-Katharina Hill offenbar, dass sie ihn nicht mehr ganz so verbissen sieht.

So konnte sie auch ein halbes Jahr nach ihrem Wechsel nach Stuttgart einen erneuten Rückschlag besser verkraften: Hill knickte mit dem Fuß um, zog sich dabei neben Bänder- und Syndesmoseriss auch eine Knochenabsplitterung zu. Doch sie versuchte das Beste aus der Misere zu machen: Die Allrounderin widmete sich vermehrt ihrer Stufenbarrenübung – und rechnete sich aus, wie sie diese am effektivsten gestalten könnte. „Ich habe mir überlegt, wie ich mit einer möglichst kurzen Kür eine möglichst hohe Schwierigkeitsnote erreiche“, erklärt sie. Ein sehr schwieriges Flugelement, der Pak-Salto, fehlte ihr – und den lernte sie dann einfach.

Erstmals gelingt der Einzug in WM-Finals

Es ist diese Überlegtheit, mit der Hill an die Geräte geht, die auch Koch so sehr an einer ihrer erfahrensten Turnerinnen schätzt: „Ich kann mich immer auf sie verlassen, weiß, dass sie immer rechtzeitig fit ist.“ Deshalb machte die Trainerin sich auch nicht allzu viele Gedanken, als die im Unistress steckende Hill die erste WM-Qualifikation Anfang August völlig verpatzte. „Das war eigentlich unser Fehler: Wir hatten den Wettkampf zu früh angesetzt“, gibt Koch zu. Hill ließ sich nicht beirren: Bei den Deutschen Meisterschaften vor eigener Haustür holte sie im Vierkampf in der Scharrena im August Bronze sowie den Titel an den beiden Holmen, der auf nationaler Ebene stark umkämpft ist. Denn die Riege des Deutschen Turner-Bundes gilt als Stufenbarrennation; schon mehrere aktuelle Mitglieder der Nationalmannschaft standen auf der Welt- oder Europabühne in einem Finale.

Diesmal ist es erstmals Hill, die am Samstag als Einzige noch einmal in den Wettkampf eingreifen darf und zudem an diesem Freitag ihr Debüt in einem WM-Mehrkampffinale gibt, nachdem sie bei der EM 2013 schon mal 14. im Kreis der 24 besten Allrounderinnen war. Dass das nicht spurlos an ihr vorbeigeht, sie der Aufregung wegen zuletzt ein wenig schlechter schlief, will sie nicht bestreiten: „Aber ich werde einfach versuchen, mein Bestes zu zeigen.“ In der Qualifikation ist ihr das ja mit Ansage gelungen.