Kulturelle Schlagader Europas: Donaulandschaft bei Bratislava Foto: IMAGO/Pond5 Images
„Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ lautet das diesjährige Fokusthema der Leipziger Buchmesse. Ein Überblick über neue Literatur, die dabei zu entdecken ist.
Leipzig liegt an der Pleiße, die sich im Stadtgebiet mit der Weißen Elster vereinigt. Doch bei der Buchmesse, die in der nächsten Woche beginnt, gehört die Bühne einem anderen Fluss. Im Mittelpunkt steht in diesem Jahr neue Literatur aus dem Donauraum.
Warum nur ein Gastland, wenn man gleich zehn haben kann und damit fließend die Grenzen zwischen nationalen Beschränktheiten verwischen kann? Flüsse sind Trennungslinien, aber auch Verbindungsadern, sie prägen Landschaften, Mentalitäten und weiten den Blick zugleich auf das, was jenseits davon liegt. Außerdem führen sie eine metaphorische Fracht mit sich, deren elektrisierende Kraft auf das Motto des diesjährigen Schwerpunktthemas übergesprungen ist: „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“.
Die Donau – Verbindungsachse und Scheidelinie
Die Donau fließt von West nach Ost, vom badischen Donaueschingen bis zur Mündung am Schwarzen Meer, durchquert zehn verschiedene Länder und fast 3000 Kilometer. Dabei werden Sprach- und Kulturgrenzen überschritten, Gefälle zwischen Reich und Arm, Konfliktgebiete, in denen europäische Werte von den neoimperialen Strudeln des „Russkij Mir“ umgewälzt werden. In ihren Fluten spiegeln sich nicht nur gegenwärtige politische Konflikte, die Folgen längst oder noch nicht allzu lang versunkener Großreiche, sondern auch ein Literaturmassiv, dessen aktuellste Ausläufer in den Messetagen auf die Donaubühne gelenkt werden.
Galionsfigur der literarischen Flussreise ist der in Bulgarien geborene und in Österreich lebende Dimitré Dinev, Autor eines Romans, der, obwohl erst im letzten Jahr erschienen, schon als Klassiker der Donauliteratur gelten kann: „Zeit der Mutigen“ (Kein und Aber) , ein gewaltiger Erzählstrom, der die sich verästelnden Schicksale dreier Familien durch die dunkelsten Zonen des 20. Jahrhunderts trägt und zugleich ein episches Panorama dessen eröffnet, was große Literatur Unterdrückung und Gewalt entgegenzusetzen hat.
Flüsse mäandern, Menschen migrieren. In die eine oder andere Richtung, freiwillig oder unter Zwang. Ein Verlag, der sich schon seit Jahren dem Messethema nicht nur namentlich verschrieben hat, ist danube books aus der Donaustadt Ulm. Hier ist Sigrid Katharina Eismanns Roman „Mein innerer Schwarzwald“ erschienen. Er handelt von den sogenannten Salpeterern im Hotzenwald, Freibauern, die aus Stallwänden Kaliumnitrat für die Schwarzpulverherstellung abschabten. Weil sie sich gegen die Herrschaft der Habsburger erhoben, die diese über Klöster wie St. Blasien ausübten, wurden ihre Familien unter Kaiserin Maria Theresia in sogenannten Ulmer Schachteln, einfachen kiellosen Flussschiffen, deportiert. Viele blieben auf der Strecke, die übrigen landeten in den Sumpfgebieten des Banat am Unterlauf der Donau, heute zu Rumänien gehörend. Die in Temesvar geborene Autorin, selbst Nachfahrin der Salpeterer, verwebt Vergangenheit und Gegenwart über eine Ich-Erzählerin, die Jahrhunderte später dem kommunistischen Regime in die Gegenrichtung entkommen konnte.
Wie Sigrid Katharina Eismann ist auch die heute in der Nähe von Stuttgart lebende Autorin Betty Boras im Banat geboren. Und auch in ihrem Roman „Das schönste aller Leben“ (Hanser blau) bildet die Zeit Wirbel. Denn nicht nur aufständische Freibauern wurden unter den Habsburgern in den Banat verbannt, sondern auch wer in das Visier einer Keuschheitskommission geriet, wie eine der Protagonistinnen der Erzählung, die aus wechselnder Perspektive mehrere Generationen von Frauenleben umspannt. Auf der Suche nach Freiheit führt der Weg dahin zurück, von wo die Vorfahren zweihundert Jahre zuvor aufgebrochen sind. Betty Boras findet in den Zurichtungen des Körpers im Dienst der Schönheit eine Veranschaulichungsform für die Adaptionsgewalt und den Anpassungsdruck, denen ihre nomadisierenden Figuren dabei ausgesetzt sind.
Welche entsetzlichen Lager und Gulags, Schauplätze menschheitsbeglückender Menschenverachtung das Ufer der Donau hinter dem Eisernen Vorhang gesäumt haben, kann man nicht nur bei Dimitré Dinev, sondern auch in dem autobiografisch geprägten Roman „Die Aussiedlung“ (Suhrkamp) des aus Siebenbürgen stammenden Andras Visky nachlesen. Er erzählt aus Kindersicht von der Deportation seiner Familie in die Bărăgan-Steppe im kommunistischen Rumänien der 1950er-Jahre: ein Überleben in notdürftig in die Erde gegrabenen Baracken, hilflos Krankheit, Willkür und Tod ausgesetzt. Einzig die unerschütterliche Hoffnung auf einen abwesenden Gott stiftet Halt – und der Vorsatz, die vorenthaltene Gerechtigkeit später einmal einzutreiben: „Ich merke mir alles und werde über alles schreiben.“
Doch nicht überall kann man auf das Gedächtnis vertrauen. Der slowakische Autor Michal Hvorecký, der nicht nur an der Donau geboren wurde, sondern sich mit der Arbeit auf Donauschiffen finanziell über Wasser gehalten hat, erinnert sich an seinen ersten Spaziergang nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in eine Welt, die in seiner Kindheit noch von Stacheldraht und unüberwindlichen Grenzen geprägt war. Doch nun 37 Jahre später muss er erleben, wie die einst so ersehnten Errungenschaften der Demokratie hinter dem nostalgischen Nebel von Verschwörungserzählungen verschwimmen. In seinem Sachbuch „Dissident“(Tropen Verlag) zeigt er, mit welchen Mitteln und in welchem atemberaubenden Tempo die Slowakei unter dem Rechtspopulisten Robert Fico dabei ist, sich in ein autoritäres Regime nach dem Vorbild von Victor Orbáns Ungarn zu verwandeln. Was er beschreibt sind Tendenzen, auf die sich auch entgegen dem Strom eine wache Zivilgesellschaft in Österreich und Deutschland einstellen sollte.
Flussabwärts in Serbien prügelt sich die Protagonistin von Maja Iskras „Uppercut“ (Zsolnay) schwungvoll und titelgemäß in punktgenauen Flashbacks durch eine von den Balkankriegen zersplitterte Jugend.
Aber auch das hat die Donau jenseits der Inseln der Illiberalität zu bieten: „Wittgenstein in der Schwulensauna“ (Karl Rauch Verlag). Ein Panorama queeren Lebens in Europa von Vratislav Maňák: Bratislava, Budapest, Wien, mit Abstecher an die Spree und die Moldau. Die verbindende Kraft von Flüssen bringt hier Denker wie Ludwig Wittgenstein, Didier Eribon oder Claudio Magris zusammen. Und wenn der Name schon fällt, sei noch an Magris‘ wunderschönes Standardwerk erinnert: „Donau – Biografie eines Flusses“. Es hat schon einige Jahre auf dem Buckel – aber letztlich endet jede Donaureise mitten im Herzen der Gegenwart.
Fokusthema Die Buchmesse in Leipzig dauert vom 19. bis 22. März. Das Fokusthema „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ findet in Halle 4 auf einer eigenen Bühne und an allen Messetagen statt. Rund 24 Buchpräsentationen, Gespräche, Podiumsdiskussionen und weitere Formate widmen sich dort den vier Themenschwerpunkten: „Zwischen Brücke und Grenze“, „Kulturen, Konflikte, Kräfte – Identität im Wandel“, „Wasserlinien – Lebens(t)räume“ und „Zeit & Wandel – Strom der Geschichte“.
Kurator Der frühere ARD-Südosteuropa-Korrespondent Stephan Ozsváth zeichnet verantwortlich für das Programm. Es wird von zahlreichen Partnern unterstützt, darunter das Auswärtige Amt, die Bundeszentrale für politische Bildung, das Goethe-Institut, TRADUKI, die Stadt Leipzig sowie Kulturinstitutionen des Donauraums.