Literatur Frankfurter Buchmesse eröffnet

Von Rainer Moritz 

Am Dienstag ist in Frankfurt die Internationale Buchmesse eröffnet worden. Der Börsenverein vergibt den Deutschen Buchpreis an Eugen Ruge.

Frankfurter Buchmesse: Eugen Ruge gewinnt deutschen Buchpreis. Foto: dapd 10 Bilder
Frankfurter Buchmesse: Eugen Ruge gewinnt deutschen Buchpreis. Foto: dapd

Frankfurt am Main - Kaum einer hätte es 2005 für möglich gehalten, dass sich der damals ins Leben gerufene Deutsche Buchpreis binnen kürzester Zeit zu einem Fixpunkt des literarischen Jahres entwickeln würde. Dem englischen Man-Booker-Prize nachempfunden, sollte er den "besten Roman" eines Jahrgangs küren und der deutschen Literatur nicht zuletzt im Ausland größeren Stellenwert verschaffen.

Diese - wie es Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, am Dienstag bei der Verleihung im Frankfurter Römer festhielt - "neue Vernehmbarkeit" bewirkten ökonomisch hoch erfolgreiche Siegertitel wie Julia Francks "Die Mittagsfrau" oder Uwe Tellkamps "Der Turm". Nach der Durststrecke der letzten beiden Jahren, als die aufs Podest gehievten Romane von Kathrin Schmidt und Melinda Nadj Abonji hinter den ökonomischen Erwartungen blieben, galt es 2011, ein Buch zu preisen, das breite Leserschichten ansprechen und gleichzeitig ästhetisch satisfaktionsfähig bleiben würde.

Mit Eugen Ruges bei Rowohlt erschienenem Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" (Rezension bei StZ-Online) wurde nun ein Buch gefunden, das den Ansprüchen fast aller genügen dürfte. Das sich über fünfzig Jahre erstreckende, offenkundig autobiografisch inspirierte Familienepos erzählt mit viel Sinn für Komik deutsch-deutsche Geschichten, die - ohne ihre Figuren zu denunzieren - vom allmählichen Verschwinden sozialistischer Utopien handeln.

Umsatz beim E-Book nicht zufriedenstellend

So wohlwollend die Entscheidung für den 57-jährigen Debütanten Ruge aufgenommen wurde, so deutlich zeigte sich hinter den Kulissen, wie schwer es heutzutage zu sein scheint, selbst unter Fachleuten Einmütigkeit über ästhetische Kriterien herzustellen. Die von der Berliner Journalistin Maike Albath geleitete Jury gab in aller Öffentlichkeit ein Bild der Zerrissenheit ab, was dem Vernehmen nach vor allem an den Jurymitgliedern Christine Westermann und Uwe Wittstock lag, die literarisch unerhebliche Titel wie Ferdinand von Schirachs Roman "Der Fall Collini" auf Gedeih und Verderb lancieren wollten oder, wie Christine Westermann, im laufenden Entscheidungsprozess die beleidigte Leberwurst gaben und sich über Jurykollegen abfällig äußerten.

Darüber wird, anders als über den bestsellertauglichen Eugen-Ruge-Roman, bald nicht mehr gesprochen werden. Dass in diesem Herbst (der auf ein literarisch flaues Frühjahr folgte) weitere deutschsprachige Bücher wie Jan Brandts "Gegen die Welt"oder Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe" im Begriff sind, viele Leser zu finden, können die meisten der vor sich hindümpelnden Publikumsverlage gut gebrauchen. Von kontinuierlich erfolgreichen Verlagen wie dtv oder Hanser abgesehen, beobachten viele Häuser mit Erschrecken und kaum verhohlener Beklemmung, was ihnen der Buchmarkt zumutet.

Über E-Books wird gerade auf der Frankfurter Messe wieder einmal allenthalben debattiert, doch während die Bereitstellungskosten für elektronisch verfügbare Bücher unvermindert hoch sind, wollen sich - ganz anders als im angloamerikanischen Bereich - befriedigende Absätze in diesem Sektor partout nicht einstellen. Gerade ein Prozent beträgt in den meisten Verlagen der Umsatz, der mit elektronischen Titeln gemacht wird - ein Ergebnis, das durch die in diesen Tagen von Amazon oder Weltbild auf den Markt gebrachten preisgünstigen "Volksreader" im Weihnachtsgeschäft endlich gesteigert werden soll.

Bücher brauchen TV-Promotionen

Die sich ausbreitende Unsicherheit über die Zukunft des "gedruckten Buches" geht Hand in Hand mit erheblichen Kommunikationsproblemen. Wo man längst davon Abstand genommen hat, für den Auftritt neuer Bücher nennenswerte PR-Etats bereitzustellen, zählt mehr denn je die mediale Resonanz, die ein Titel hervorzurufen vermag. Bestseller wie Charlotte Roches "Schoßgebete" oder Philipp Lahms Memoiren "Der feine Unterschied" machten in jüngster Zeit evidenter denn je, wie kluge Vermarktungsstrategien ungeachtet aller literarischen Qualität zu rauschenden Erfolgen führen.

Feinsinnige Werke hingegen, die keine TV-Promotion erlangen, tun sich schwerer denn je, wahrgenommen zu werden - eine unglückselige Spirale, unter der qualitätsvolle Literatur leidet und die Einrichtungen wie den Deutschen Buchpreis umso wichtiger macht.

Welche zentrale Rolle im Buchgeschäft "Autorenmarken" mittlerweile spielen, zeigte sich im Vorfeld der Messe. Da verkündete der Droemer Verlag nämlich, dass es gelungen sei, dem Münchner Konkurrenten Piper das kriminalistische Duo Volker Klüpfel/Michael Kobr abspenstig zu machen. Dessen Kluftinger-Romane dürften zwar ihren Zenit überschritten haben, doch auf ein, zwei Bestsellernotierungen könnte es das Allgäuer Autorengespann allemal noch bringen und Droemer die Qual ersparen, neue Namen einführen zu müssen. Eingeführte Namen - "Brands" - wie Klüpfel/Kobr müssen dem Handel nicht erklärt werde.




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