Der Südwestrundfunk will etliche erfahrene Literaturkritiker aus der Jury für seine „Bestenliste“ werfen. Die Betroffenen protestieren gegen die Umbesetzung „per Diktat“.

Stuttgart - Vor vierzig Jahren entwickelte der SWR-Literaturredakteur Jürgen Lodemann die Idee: Der erfolgsgebundenen Spiegel-Bestsellerliste wollte der Journalist und Schriftsteller eine „Bestenliste“ gegenüberstellen, die sich nicht nach Verkaufszahlen, sondern nach literarischen Kriterien richtet – und so auch unbekannten Autoren und Büchern mit kleiner Auflage eine Chance gibt. Die Jury wurde schnell mit den besten Literaturkritikern Deutschlands besetzt, die ihre Auswahl auch in einer Fernsehsendung des Südwestrundfunks diskutiert haben.

 

Die Fernsehsendung gibt es heute nicht mehr – stattdessen wird die Liste einmal im Monat im Hörfunk auf SWR 2 diskutiert. Noch immer ist die Jury aber mit prominenten Namen der Kritiker-Szene besetzt: Sigrid Löffler, Andreas Isenschmid, Lothar Müller und Iris Radisch gehören etwa dazu – auch die StZ-Redakteurin Julia Schröder.

Nach einer Entscheidung des SWR sollen viele aus dieser illustren Riege demnächst ihren Hut nehmen. Die Leiterin der Hauptabteilung Film und Kultur beim SWR, Martina Zöllner, informierte 18 der 26 Kritiker Anfang Mai in einem Brief darüber, dass ihre Mitarbeit in der Jury ab dem Sommer beendet sei. Man habe beschlossen, die Teilnahme auf 15 Jahre zu beschränken – eine Grenze, welche 18 Kritiker bereits überschritten haben. Eine Zäsur sei fällig, schrieb Zöllner. So habe es schon in der Vergangenheit immer wieder Diskussionen über eine Verjüngung der Jury gegeben.

Die Art und Weise der Entlassung ärgert die Kritiker

Die betroffenen Mitglieder wollen die Entscheidung des Senders aber nicht akzeptieren. In einem Brief an den SWR, der der Stuttgarter Zeitung vorliegt, fordern sie die Rücknahme der Entscheidung. „Die betroffenen Unterzeichner nehmen den Abschied, den Sie ihnen geben wollen, nicht an“, heißt es in dem an Zöllner gerichteten Schreiben. Vor allem die Art und Weise der Entlassung ärgert die Kritiker. So sei es in den vergangenen vierzig Jahren üblich gewesen, dass die Jury eigenständig über Neubesetzungen entscheidet. Nun seien 18 Jury-Mitglieder „im Handstreich und per Diktat“ entfernt worden, „ohne Ankündigung, ohne Gesprächsbereitschaft, ohne substanzielle Gründe“.

Den Kritiker Helmut Böttiger, der seit zwanzig Jahren an der „Bestenliste“ beteiligt ist, ärgert vor allem das aus seiner Sicht „völlig stillose Vorgehen“ des SWR gegenüber Mitgliedern „die sich seit vielen Jahren für die Liste eingesetzt haben“. Dabei habe man sich in der Jury durchaus immer offen für junge Neuzugänge gezeigt. Der Sender habe in den letzten Jahren auf entsprechende Vorschläge aber immer „merkwürdig defensiv“ reagiert. So sei die Jury inzwischen von 36 auf 26 Mitglieder geschrumpft. Böttiger vermutet daher, „dass es um Grundsätzlicheres geht“, nämlich das Konzept der Sendung an sich. Er befürchtet, dass der Sender eine Jury anstrebe, die mehr auf „Massenkompatibilität und Zeitgeist“ ausgerichtet sei – eben jene Kriterien, zu der die „Bestenliste“ sich immer in Konkurrenz gesehen hat. „Wenn einige der besten Literaturkritiker Deutschlands aus der Jury geworfen werden, dann kann ich mir das kaum anders erklären“, so Böttiger.

Einige Mitglieder sind seit mehr als zwanzig Jahren dabei

Beim SWR fällt man angesichts dieser Anschuldigungen aus allen Wolken. „Wir hatten sogar einige positive Rückmeldungen auf unsere Entscheidung aus dem Kritikerkreis erhalten“, sagte die SWR-Kulturchefin Martina Zöllner am Dienstag der Stuttgarter Zeitung. Der Hintergrund der Entscheidung sei lediglich der Wunsch gewesen, die Jury neu zu beleben. Einige Mitglieder seien bereits seit mehr als zwanzig Jahren dabei. „Das ist eine lange Zeit, in der sich auch eine neue Generation von Literaturkritikern herausgebildet hat, die viel rezensiert und diese Zunft sehr kraftvoll repräsentiert.“ Die Entscheidung habe auch schon gar nichts mit einem veränderten Konzept zu tun: „Die Bestenliste soll genau so bleiben, wie sie ist. Sie ist eine unbestechliche Bewertungsstimme und darauf sind wir sehr stolz.“

Die Redaktion habe die Erfahrung gemacht, dass die Besten-Listen-Kritiker in Einzelgesprächen zwar immer positiv über eine Neubesetzung der Jury gesprochen hätten, in der Gruppe dann aber nie eine Entscheidung gefasst hätten. Daher habe man sich nun zu einem klaren Schritt entschlossen.

An abgelehnte Vorschläge für Neuzugänge können sich weder Zöllner, noch ihr Kollege Frank Hertweck aus der Hauptabteilung Film und Kultur erinnern. Die 18 vakanten Stellen sollen bis September allesamt nachbesetzt werden, erklärte Zöllner am Dienstag. Wie der Sender auf die Weigerung der Kritiker, ihren Abschied zu nehmen, reagieren wird, ist noch offen. Man wolle in jedem Fall das Gespräch mit ihnen suchen, so Zöllner.