Literatur Über das große Glück und die Melancholie

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Der in Heiningen aufgewachsene Autor Bov Bjerg (Rolf Böttcher) erzählt in seinem neuen Roman von Schülern, die kurz vor dem Abitur eine WG gründen. Vieles von dem, was er beschreibt, hat er selbst erlebt.

Der Berliner Autor Bov Bjerg hat am Göppinger Werner-Heisenberg-Gymnasium 1984 sein Abitur abgelegt. Foto: Milena Schlösser
Der Berliner Autor Bov Bjerg hat am Göppinger Werner-Heisenberg-Gymnasium 1984 sein Abitur abgelegt. Foto: Milena Schlösser

Göppingen - Nur durch einen Zufall ist Frieders Suizidversuch missglückt. Er landet in der Psychiatrie, wo man ihm rät, von zu Hause auszuziehen. Also gründen drei Freunde mit Frieder eine WG – und hoffen Tag für Tag, dass er nicht erneut versucht, sich umzubringen. Währenddessen versuchen sie das Leben zu begreifen. Denn das muss doch mehr sein, als nur „Geburt, Schule, Arbeit, Tod“.

Die WG von Frieder und seinen Freunden ist aber nicht in Stuttgart, Frankfurt oder gar Berlin – auch wenn der Protagonist da gerne so schnell wie möglich hinziehen würde, um der Musterung zu entgehen. Stattdessen wohnen die Jugendlichen in einem alten Bauernhaus, das einmal Frieders Großvater gehörte – irgendwo in einem kleinen Dorf am Fuß der Alb. Ihre WG trägt den Titel Auerhaus – weil ihre Nachbarn ständig den Musiktitel „Our House“ aus der Wohngemeinschaft schallen hören und kein Englisch verstehen.

Der Leser erkennt Göppinger Plätze im Roman wieder

Zwar erwähnt der gebürtige Heininger Autor Bov Bjerg, der am Göppinger Werner-Heisenberg-Gymnasium sein Abitur abgelegt hat und mit bürgerlichem Namen Rolf Böttcher heißt, nie explizit Göppingen, doch der Leser erkennt so manches wieder. Die psychiatrische Klinik, die früher noch im Wald lag. Die Fußgängerbrücke, die über die Bahnschienen und den Fluss in die Innenstadt führt. Die Fußgängerzone mit dem ehemaligen Beton-Brunnengebilde. Das „Gymnasium am Stadtrand“, das als einzige Schule keinen Namen einer berühmten Persönlichkeit trägt: das Werner-Heisenberg-Gymi wurde erst sieben Jahre nach seiner Gründung nach dem Physiker benannt.

Die Bewohner des „Auerhaus“ sind jeder für sich charakteristisch: Da ist der Ich-Erzähler, der sich selbst Herr Höppner nennt und gottfroh darüber ist, nicht mehr mit dem Freund seiner Mutter unter einem Dach wohnen zu müssen. Seine ständig klauende Freundin Vera, die nicht mit ihm schläft, aber mit anderen Männern anbandelt, und dann das reiche Töchterchen Cäcilia. Später nehmen sie noch die schöne Brandstifterin Pauline auf, die Frieder in der Psychiatrie kennengelernt hat. Außerdem der homosexuelle Harry, der neben seiner Lehre als Elektriker in Stuttgart anschaffen geht. Und natürlich Frieder, um den sich die Freunde immerzu Sorgen machen müssen.

Zur Party kommt Oberstufe, Psychiatrie und die Schwulen

„Wir lebten ein richtiges Leben mit Aufstehen und Frühstückmachen und Federballspielen, mit Essen besorgen und zusammen Kochen“, fasst der Protagonist zusammen. „Ein richtiges Leben mit ziemlich viel Reden, mit Reden zum Frühstück und Reden am Mittag und Reden am Abend, und das ganze Reden bedeutete: Aufpassen auf einen von uns, der mal versucht hatte, sich umzubringen.“ Die Angst, dass man nach Hause kommt und Frieder tot am Strick hängt, beherrscht die Stimmung.

Währenddessen versuchten die Jugendlichen ihren Stil beim Klauen zu verbessern. „Klauen können, das war wie Radfahren können. Wie trampen. Umsonst bis ans Ende der Welt“, denkt der Protagonist, nachdem er zum ersten Mal eine Packung Salami aus einem Supermarkt mitnimmt, ohne zu bezahlen. An Silvester feiern die WG-Bewohner eine riesige Party. Die ganze Oberstufe und die Psychiatrie kommen, außerdem „alle Schwulen zwischen München und Paris“.

Drogen, Sex, Einsamkeit: Melancholie und Spaß im Wechsel

Das mag teilweise nach einem lustigen Roman klingen, der gute Laune bringt. Das stimmt – allerdings mit einem starken melancholischen Anstrich. Da geht es nicht nur um Drogen und den ersten Sex, sondern auch um kaputte Familien, Alkoholismus, Missbrauch, um Einsamkeit, unglückliche Liebe, Angst vor dem, was kommen mag. „Wir hatten immer so getan, als ob das Leben im Auerhaus schon unser richtiges Leben wäre, also ewig“, sagt der Ich-Erzähler am Ende. In Wahrheit sei es so gewesen, wie Frieder es mal formuliert habe: „Du hast die Augen zu und treibst auf deiner Luftmatratze, ein sanfter Wind weht, und du denkst, geil, jetzt lebe ich für den Rest meines Lebens hier in dieser Lagune, in der Südsee. Und dann machst du die Augen auf und merkst, es ist bloß ein Nachmittag am Baggersee, und zack ist der auch schon vorbei“.

Dem 1965 in Heiningen geborenen und mittlerweile seit 31 Jahren in Berlin lebenden Schriftsteller, Satire-Journalist und Kabarettist ist ein schönes und zugleich sehr nachdenkliches Buch über das Erwachsenwerden gelungen. Auf den ersten Blick könnte man denken, es handle sich um ein Jugendbuch. Einfache und unaufgeregte Sprache, die Romanhelden sind noch keine 18 Jahre alt. Doch das wäre zu einfach. Vielmehr ist „Auerhaus“ etwas für Erwachsene, die ihre Jugend und ihr früheres Ich in dem Buch wiederfinden – und dabei durchaus wehmütig werden können.