Welchen Reim haben sich Schriftsteller aus dem Südwesten auf die politischen Verhältnisse ihrer Zeit gemacht? Dies beleuchtet eine etwas andere Literaturgeschichte.
Stuttgart - Als der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger am 7. August 1978 seinen Rücktritt erklärte, war dies der Schlusspunkt hinter ein politisches Drama, das einen literarischen Anfang hatte. In seiner Erzählung „Eine Liebe in Deutschland“, die in der Nähe von Lörrach spielt, outete der Schriftsteller Rolf Hochhuth den CDU-Politiker als früheren NS-Juristen, der noch in den letzten Kriegswochen an Todesurteilen beteiligt war. Wenn je ein Autor unmittelbaren Einfluss auf die große Politik nehmen wollte – Hochhuth ist dies gelungen.
Aber wollen Schriftsteller das überhaupt? Und ist dies der Kunst angemessen? Die Antworten auf diese Fragen reichen in der Geistesgeschichte von L‘ art pour l‘ art bis zur 68-er-Parole „Das Private ist politisch“. Man könnte auch sagen: von Goethe bis Sartre. Der eine lässt seinen Studenten im Faust ausrufen: „Ein garstig Lied, pfui, ein politisch Lied“, der andere pocht darauf, dass Literatur zwingend engagiert sein müsse. Wie heikel solch ein Engagement noch heute sein kann, vor allem, wenn es dem Mainstream widerspricht, weiß nicht zuletzt der Nobelpreisträger Peter Handke.
Schubarts hoher Preis
Dass es unpolitische Literatur gibt, mag man nach der Lektüre eines neuen Bandes der „Schriften zur politischen Landeskunde“ ohnehin nicht mehr glauben. „Von Hölderlin bis Jünger. Zur politischen Topografie der Literatur im deutschen Südwesten“ ist die von Thomas Schmidt und Kristina Mateescu herausgegebene Aufsatzsammlung überschrieben – eine südwestdeutsche Literaturgeschichte der besonderen Art. Sie schildert, wie 40 ausgewählte Schriftsteller zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten zu ihren jeweiligen politischen Verhältnissen standen.
Den Auftakt bildet natürlich Christian Friedrich Daniel Schubart, der Musiker, Dichter und Journalist, der sich offen mit dem württembergischen Herzog angelegt hatte. Der Preis dafür war hoch: Zehn Jahre musste er dafür auf dem Hohenasperg brummen. Ein Schicksal, das womöglich auch Friedrich Schiller widerfahren wäre, wenn er sich nicht aus dem herzoglichen Staub gemacht hätte. Auch der Esslinger Vorkämpfer für die Sozialdemokratie, Albert Dulk, bezahlte seine politischen Aktivitäten mit Gefängnis, wie der Esslinger Journalist Ulrich Stolte – Redakteur dieser Zeitung – beschreibt.
Biedermeierliche Politikferne?
Über die Haltung Friedrich Hölderlins zur französischen Revolution klärt der Band ebenso auf wie über den Revolutionsgeist des jungen Georg Büchner: Er preist in einer Schulrede 400 Pforzheimer Bürger, die im 30-jährigen Krieg den „Heldentod“ starben. Von Ludwig Uhland bis Reinhold Schneider reicht die Spanne, von Justinus Kerner bis Thomas Mann, von Johann Michael Moscherosch bis Paul Celan.
Dabei entpuppen sich auch Literaten wie Annette von Droste-Hülshoff oder Joseph Victor von Scheffel, denen man gemeinhin eine biedermeierliche Politikferne unterstellt, als sehr wohl politisch. Da mag die Adelsfrau in ihrem Meersburger Schloss auch von sich bekennen, sie „verstehe Nichts von Politik“ – gerade in ihrer Distanziertheit zu der revolutionären Bewegung von 1848 und deren nationalen Zielen drückt sich eben auch eine politische Haltung aus.
Heinrich Heines Bosheiten
Der deutsche Südwesten eigne sich für das Ausloten solcher Kontaktzonen zwischen Literatur und Politik besonders gut, meint der Herausgeber Thomas Schmidt, der im Deutschen Literaturarchiv Marbach die Arbeitsstelle für literarische Museen in Baden-Württemberg leitet. Zum einen sei die politische Dimension der Literatur hier lange unterbelichtet gewesen: „Die südwestdeutsche Literatur galt spätestens seit (Heinrich) Heines Bosheiten über die ,schwäbische Schule‘ als provinziell und eher an den heimischen ,Metzelsuppen‘ als an den großen Weltfragen interessiert.“ Der zweite Grund für eine besondere Eignung des Südwestens für das Thema sei die „eminente Rolle, die der Literatur hier bei der Bildung kollektiver Identitäten zugewiesen wurde“, schreibt Schmidt.
Nirgendwo sonst hätten die Menschen ihre sozialen Hoffnungen derart auf Dichter projiziert. Wo sonst definiert man die eigene Position über die Kultur des Geistes?, fragt er und zitiert die sprichwörtlich gewordenen Verse von Eduard Paulus: „Wir sind das Volk der Dichter,/ ein jeder dichten kann, /Man seh‘ nur die Gesichter/ von unser einem an./ Der Schelling und der Hegel,/ der Schiller und der Hauff,/ das ist bei uns die Regel,/ das fällt hier gar nicht auf.“ Ein zweiter, dritter oder vierter Band zu dem Thema, so meint Schmidt, wären ohne Weiteres denkbar.