Literaturfrühling Ein starkes Plädoyer für die Ökumene

Von Natalie Kanter 

Heiner Geißler erzählt im Oberaichener Pavillon von Martin Luther, einer Annäherung der Kirchen und mehr Frieden in der Welt.

Die Erkältung sitzt Geißler noch in den Knochen. Dennoch signiert er am Donnerstag im Pavillon fleißig seine  Werke. Foto: Natalie Kanter
Die Erkältung sitzt Geißler noch in den Knochen. Dennoch signiert er am Donnerstag im Pavillon fleißig seine Werke. Foto: Natalie Kanter

Oberaichen - Gespanntes Warten im Oberaichener Pavillon. Mehr als 100 Menschen rutschen auf ihren Stühlen hin und her. Dann kommt er, der Mann, der so bekannt ist, dass man ihn nicht mehr vorzustellen braucht: Heiner Geißler.

Schlappe 213 000 Treffer tauchen bei einer Google-Abfrage zu seinem Namen auf. Ganz oben auf der Liste steht seine eigene Homepage. Die Seite ist in vier Kategorien aufgeteilt: die Person, der Redner, der Autor, der Politiker. An diesem Abend ist Geißler als Autor gefragt. Er wird sein neues Buch vorstellen. Dieses trägt den Titel: „Was müsste Luther heute sagen?“ Er setzt sich darin mit dem Leben und Werk des Reformators kritisch auseinander. Und stellt die provokante Frage: „Bräuchten wir heute einen neuen Luther?“

Die Veranstaltung der VHS, der Stadtbücherei, der örtlichen Kirchengemeinde und der Buchhandlung Seiffert nennt sich Literaturfrühling. Dazu nicht ganz passend läuft der fast 86-Jährige langsam und in gebückter Haltung in den Saal. Die Erkältung, wegen der Geißlers Auftritt um eine Woche verschoben wurde, sitzt dem Mann noch in den Knochen. Er lässt sich auf einem roten Ledersessel nieder, knipst die Leselampe aus und stellt sie auf den Boden. Er warnt vor Pausen, die er machen muss, wenn sein Reizhusten wieder einsetzt.

Als kleiner Junge erstmals von Luther gehört

Dann beginnt Geißler zu erzählen. Wie kommt ein Katholik und Jesuitenschüler, der aus dem Orden wieder ausgetreten ist, weil er ein Problem mit den Gelübden Keuschheit und Gehorsam hatte, dazu, über Martin Luther zu schreiben? Von dem Reformator, der sich insbesondere gegen den Ablasshandel der damaligen Kirche stellte, hatte Geißler zum ersten Mal als kleiner Bub gehört. Da war er zu Besuch bei seiner Großmutter in Oberndorf am Neckar. Die Oma steckte noch in den 1930er Jahren ihrem Pfarrer Geld zu, damit sie dafür bis zu 500 Tage weniger im Fegefeuer sitzen muss. „Wenn es nur diesen Luther nicht gegeben hätte“, schimpfte der Pfarrer regelmäßig. Er ärgerte sich, dass die evangelische Kirche oben am Berg der Stadt gebaut hatte. Und deren Mitglieder so auf die katholische Kirche herabschauen konnten.

Dieses Bild von Luther hat Geißler freilich längst revidiert. „Luther hat eine Großtat vollbracht“, sagt er. „Er hat die Bibel übersetzt.“ Und er habe die Leute mit seiner Lehre von der Sündenlast befreit: „Nur die Gnade Gottes bringt Seelenheil.“

Luther war ein Großer der Geschichte – im Guten sowie im Schlechten. Was aber müsste dieser Mann heute sagen? „Er müsste sagen, macht nicht die gleichen Fehler wie wir“, sagt Geißler. Katholiken und Evangelen sollten miteinander auf Augenhöhe reden. Bilanz ziehen und feststellen, dass sich das Trennende in ihrem Glauben mittlerweile auf ein Minimum begrenzt habe. Es gelte die Spaltung zwischen den beiden Kirchen zu überwinden.

Die Kirchen als Global Player

Der ehemalige CDU-Generalsekretär traut den Kirchen zu, die Welt gemeinsam etwas mehr ins Lot zu bringen. Diese rund zwei Milliarden Christen sollten als „Global Player“ auftreten, eine gemeinsame Vorstellung davon entwickeln, wie die Welt von morgen aussehen soll. Eine Weltwirtschaftsordnung und Weltfriedensordnung könnte entwickelt und in die politische Debatte eingebracht werden – als unüberhörbare Intervention.

Auch zur aktuellen Flüchtlingskrise nimmt Geißler Stellung: „Wir können dieser Not nur begegnen, wenn Politik ein ethisches Fundament hat.“ Es gelte, die Ursachen zu beseitigen, den Bürgerkrieg zu beenden und die Nächstenliebe ernst zu nehmen. „Es ist die Pflicht von uns allen, denen zu helfen, die in Not sind.“