Literaturgeschichtliche Reise Hase, Igel, Goethe und der Bodensee
Es gibt Orte in Deutschland, in denen Literaturgeschichte geschrieben wurde – es weiß nur fast keiner.
Es gibt Orte in Deutschland, in denen Literaturgeschichte geschrieben wurde – es weiß nur fast keiner.
Weiden - Das Märchen vom Hasen und vom Igel wurden in Buxtehude erfunden, und Theodor Storm lebte nicht nur in Husum. Wussten Sie das? Fünf Litera-Touren an kaum bekannte Orte.
Der Ort war früher das, was man heute einen Verkehrsknotenpunkt nennt. An der Schnittstelle zwischen der Goldenen Straße von Nürnberg nach Prag und der Magdeburger Straße zwischen Ostsee und Italien musste beinahe jeder Fernreisende haltmachen. Goethe berichtete in seiner „Italienischen Reise“ von Weiden. Schiller recherchierte für „Wallensteins Tod“ in der Stadt im Oberpfälzer Wald. 1867 wohnte Nietzsche auf der Reise in den Böhmerwald in der Wirtschaft Zum Schwane, die ein paar Jahre später so überfüllt war, dass Karl Marx auf der Tour nach Karlsbad eine Nacht im Bahnhofswartesaal von Weiden verbringen musste. Marx- und Engelszungen halfen nicht, ein Bett zu bekommen. Thomas Manns Novelle „Das Eisenbahnunglück“ entstand wiederum einige Jahre später ebenfalls in der Stadt von Max Reger, dem berühmten Komponisten und Spross von Weiden. Erich Loest erlebte seine Kriegsgefangenschaft dort. Trotzdem kam er 1985 zu den 1. Weidener Literaturtagen, die über die Region hinaus einen guten Ruf haben. „Provinz ist, was du daraus machst!“, sagte Walter Höllerer, Mitglied der Gruppe 47, bei der damaligen Eröffnungsrede. Die literarischen Bezugspunkte in Weiden sind heute ein Schuhhaus (Goethes Poststation) und eine Sparkasse (Nietzsches und Marx’ Gasthof). www.weiden.de
Hase und Igel: Buxtehude ist keine Erfindung. Buxtehude gibt es wirklich! Aber es wird wohl für immer die Märchenstadt bleiben, in der ein hochnäsiger Hase und ein pfiffiger Igel um die Wette laufen. Jedenfalls leben die 36 000 Einwohner vor den Toren Hamburgs immer noch vom Ruhm jenes Wilhelm Schröder, der eine kleine, harmlose Erzählung auf Plattdeutsch verfasste: „Wettloopen tüschen den Haasen und den Swinegel“. Auf der Lütjen Heide vor Buxtehude spielt der Wettlauf, der bald zu einem der bekanntesten Stoffe der deutschen Volksliteratur wurde. Noch heute heißt der Buxtehuder Gruß: „Ick bün all hier!“ Buxtehudes zweites berühmtes Bonmot lautet: „Hunde, die mit dem Schwanz bellen“. Es beruht auf Verständigungsschwierigkeiten: Die holländischen Erbauer der Stadt befestigten an der Kirchenglocke, die sie „Hunte“ nannten, ein langes Seil („Schwanz“) und „bellten“ (bell: die Glocke) damit. Zu Hase, Igel und Hund gesellt sich in der liebevoll restaurierten Fachwerk- und früheren Hansestadt seit 1971 noch ein literarischer Bulle: Mit dem Buxtehuder Bullen wird alljährlich das beste Jugendbuch Deutschlands ausgezeichnet. Zu sehen sind der Bulle, eine Bronzetafel vom Hund und der Lütjen-Heid-Brunnen. www.buxtehude.de
Ganghofer und Enzensberger – viel größer könnten die Unterschiede nicht sein. Einerseits der Heimatdichter, der so richtig reinpasst ins hübsche Alpenvorland des Allgäus. Passend auch zum konservativen Lebensstil der Gegend und dem Bürgerhaus mit seinem markanten Barockgiebel am Kirchplatz von Kaufbeuren, wo Ludwig Ganghofer 1855 als Sohn eines Forstbeamten geboren wurde. Andererseits der aufrüttelnde Journalist, Publizist und Schriftsteller, der 68er, Mitglied der Studentenbewegung, Rebell, Querulant, Georg-Büchner-Preisträger. Denn auch Hans Magnus Enzensberger wurde in Kaufbeuren geboren. 1929 war’s, und der Herr Papa arbeitete als Oberpostdirektor. Ganghofer beschrieb in seiner Autobiografie „Lebenslauf eines Optimisten“ seine Kindheit im beschaulichen Kaufbeuren. Sein Geburtshaus am Kirchplatz und die Erinnerungsstätte im Stadtmuseum können besucht werden. Von Enzensberger ist hingegen keine Spur zu finden. Er verschwand bald, wurde zum Freigeist und Weltenbürger. Kaufbeuren wäre ihm auch später wohl stets ein paar Nummern zu klein gewesen. www.kaufbeuren-tourismus.de
Idyll und „Steppenwolf“: Gaienhofen liegt am Bodensee, ist sehr wohlhabend, wovon der Porsche-Anteil an den gemeldeten Fahrzeugen zeugt (1,3 Prozent; bundesweit zehnter Platz), und es ist einer der wichtigsten literarischen Standorte Deutschlands. Hermann Hesse lebte acht Jahre in dem kleinen Dorf auf der Halbinsel Höri. Seinem Schriftsteller-Kollegen Stefan Zweig schrieb er von der fehlenden Eisenbahn und Industrie, von seinem Garten und seinem Haus mit Seeblick: „ein hübscher Traum“. In diesem Idyll verfasste er seinen ersten Erfolgsroman „Peter Camenzind“ und die Erzählung „Unterm Rad“, welche die deutsche Pädagogik aufs Schärfste angriff. Vom Bodensee aus startete Hesse seine Indien-Reise, aus der mannigfaltige Aspekte in „Siddhartha“ einflossen. Auch die weiteren Werke, die zur Weltliteratur gezählt werden, wie „Der Steppenwolf“ und „Das Glasperlenspiel“, entstanden zwar schon in der Schweiz, aber die Zeit am Bodensee, wo seine drei Söhne geboren wurden, nahm immer einen besonderen Platz im Leben des Nobelpreisträgers ein. Sein Wohnhaus kann besichtigt werden. Ihm ist ein Museum angeschlossen. www.gaienhofen.de
Exil und Heimat: Heiligenstadt darf sich zwar Station an der Deutschen Märchenstraße nennen, weil es am 20. April 1838 im heutigen Heilbad zu einem Familientreffen von Jacob und Wilhelm Grimm kam (die Brüder besprachen Details zur Herausgabe des „Deutschen Wörterbuchs“). Aber den literarischen Ruhm verdankt die Stadt in Thüringen besonders einem Dichter: Theodor Storm. Acht Jahre lebte der Meister düsterer Stimmungen („Der Schimmelreiter“) in Heiligenstadt. Als Flüchtling vor den damaligen dänischen Besetzern Schleswigs verließ er seinen Geburtsort Husum, die „graue Stadt am Meer“, und fand im grünen Tal der Leine eine zweite Heimat: „Die Gegend ist überaus hübsch, ein treuherzlicher Menschenschlag, eine alte Stadt mit Gemütlichkeit. Da ich nicht in Husum sein kann, so wünsche ich nur in Heiligenstadt zu sein.“ Noch wichtiger war: „Ich glaube, ich werde wieder jung, denn was ich seit Jahren nicht vermochte, ich mache wieder Verse.“ Storm schrieb mehrere Novellen in seiner Wahlheimat und das heute noch bekannte Gedicht „Von drauß’ vom Walde komm ich her“. Zum 100. Todestag des Dichters errichtete Heiligenstadt 1988 das Theodor-Storm-Denkmal und eröffnete ein Literaturmuseum. www.heilbad-heiligenstadt.de