Literaturhaus Stuttgart Was die Dinge erzählen

Aus dem Leben der Stadt nicht mehr wegzudenken: das Stuttgarter Literaturhaus Foto: Michael Steinert, Stefan Kister, Fotolia
Aus dem Leben der Stadt nicht mehr wegzudenken: das Stuttgarter Literaturhaus Foto: Michael Steinert, Stefan Kister, Fotolia

Das Literaturhaus Stuttgart wird fünfzehn Jahre. Das ist ein Grund, ausgiebig zu feiern. Und es gibt sogar noch einen zweiten.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Eigentlich sind fünfzehn Jahre in der Zeitrechnung der Jubiläen eine eher untergeordnete Spanne. Nun kann man eigentlich gar nicht genug feiern, wie sich das Literaturhaus Stuttgart in dieser Zeit entwickelt hat: von einer mutigen Initiative engagierter Bürger zu einer der besten und eigenwillig­sten Einrichtungen dieser Art in Deutschland. Doch dieser stete Anlass zu kultureller Hochstimmung, für den in den ersten zwölf Jahren der Name des Gründungsleiters Florian Höllerer steht, seit knapp drei Jahren der seiner Nachfolgerin Stefanie Stegmann, empfängt durch einen Umstand noch eine zusätz­liche Bedeutung, die diesen Geburtstag zu einem feierwürdigen Datum macht.

In der nächsten Zeit nämlich geht die Immobilie im Bosch-Areal, die das Literaturhaus nutzt, endgültig in eigenen Besitz über. Bei der Gründung im November 2001 wurde dem Literaturhaus ein Ankaufsrecht nach zehn Jahren eingeräumt, für die Finanzierung des Betriebs eine existenzentscheidende Perspektive. Vier Millionen Euro waren durch Spenden und öffentliche Gelder für den Erwerb zusammengetragen worden. Doch als 2011 die Option eingelöst werden sollte, machte der Eigentümer eine strittige Klausel geltend. Seitdem wurde prozessiert. Nun endet der lange Streit mit einem Vergleich.

Ein guter Anlass, den Ort einmal jenseits der Schauseite von Podium, Mikrofon und Wasserglas in den Blick zu nehmen. Stefanie Stegmann und ihre Mitarbeiter haben Gegenstände ausgesucht, mit denen sie täglich umgehen und die für wichtige Aspekte ihrer Arbeit stehen.

Bommel

Bommel

Der abgerissene Bommel einer Pelzkappe blickt unternehmungslustig in die Runde. Das Signet des U-35-Vögelchens, mit dem das Literaturhaus für seine junge Programmlinie wirbt, hat sich hier eingenistet beziehungsweise wurde von irgendeinem Spaß­vogel mit dem Fundstück kombiniert. Und ohne das zarte Gebilde überinterpretieren zu wollen, kann man doch sagen, dass im Literaturhaus Halbhöhe (Pelz) wie hippe Hornbrille (Jugend) gleichermaßen ein Nest gefunden haben. Es verdankt seine Existenz dem starken bürgerschaftlichen Engagement in der Stadt. Der Trägerverein ist einer der mitgliederstärksten im deutschsprachigen Raum. Er war die Basis der Gründung. Mit Erfolg arbeitet Stefanie Stegmann an seiner Verjüngung. Mit Blick auf das straußen­gesichtige Werbevögelchen heißt das: den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern lieber durch die Tür des Literaturhauses.

Rote Lampe

Rote Lampe

Sie ist das verbindende Element der Zwischenmiete-Lesungen, die an stets wechselnden Orten stattfinden. Die rote Lampe bringt Stuttgarter WGs zum Leuchten. Jede Wohnung bringt ihr eigenes Publikum mit, mittlerweile hat sich daraus auch ein Stamm junger Interessierter gebildet, der sich auch bei den ­Lesungen im Literaturhaus wiederfindet. Egal wer kommt, die gefeierte Debütantin oder der unbekannte Lyriker – die Zwischenmiete ist begehrt, was auch an dem überaus glücklichen Händchen beim ­Casting der eingeladenen Autorinnen und Autoren liegt.

Lesebrille

Lesebrille

Auch die Buchhandlung im Haus feiert ihr 15-jähriges Bestehen. Neben ihrer eigentlichen Bestimmung dient sie auch als Fundbüro. Besonders gerne werden Lesebrillen vergessen, sie landen dann bei Claudia Leutner, die den Laden von Anbeginn betreibt. Dort finden sie dann auf mancher Kundennase eine neue Bestimmung. Lesebrillen sind somit eine Art Durchlaufposten im Haus und ein charmantes Zeichen, wie sehr sich das Publikum verführen und entrücken lässt, dass es am Ende alles vergisst. „Jedes Literaturhaus ist so gut wie sein Publikum“, hat Martin Walser zum Geburtstag ins Programm geschrieben, „beim Stuttgarter Publikum sind die Ohren nicht am Kopf angewachsen, sondern am Herz.“ Und vermutlich lernt es hier auch, mit der Seele zu sehen, weshalb es gar keiner Lesebrillen mehr bedarf.

Steckdose

Braune Steckdose

Eine braune Mehrfachsteckdose ist das Symbol für die Schnittstellen des Hauses: verschiedene Anschlüsse, die auch genutzt werden. Schon Stegmanns Vorgänger Florian Höllerer suchte mit Reihen wie „J’accuse“, „Carte blanche“, „Betrifft“ die Verbindung zu anderen Künsten, zur Wissenschaft, zur Politik und Gesellschaft. Mit groß besetzten und klug kuratierten Festivals – „Hochstapeln“, Flüchtlingsgespräche“, „Change“ – hat seine Nachfolgerin dies fortgesetzt und die Öffentlichkeit auch über Stuttgart hinaus elektrisiert.

Briefmarkenmappe

Briefmarkenmappe

Eine abgegriffene alte Briefmarkenmappe steht für das ganze Literaturmanagement, die Organisation, die Domäne von Stephanie Hofmann, die eine der drei festen Stellen innehat, mit denen der Laden geschmissen werden muss. Die Zeit hat sich in die Mappe sichtbar eingeschrieben, 15 Jahre Postgeschichte, die sich mit der des Hauses verbindet, dem Versand und der Kommunikation dessen, was hier passiert. „Was wir hier tun, steht und fällt mit dem Echo, das wir von außen bekommen“, sagt Stefanie Stegmann. Nicht im eigenen Saft zu schmoren ist ihre Sendung, adressiert an eine wache Zeitgenossenschaft.

Rosa Sofa

Rosa Sofa

Das etwas abgerutschte Möbel ist der Platz für Pressegespräche und Teambesprechungen, hier wird programmiert und evaluiert, und natürlich auch gelesen. Für die inhaltliche Arbeit ist dieses Sofa ein zentraler Ort. Für zehn Euro wurde es bei Ebay ersteigert. Sein materieller Wert steht damit in krassem Gegensatz zu seinem ideellen, es ist insofern die ideale Verbindung zum nächsten Objekt.

Tresorschlüssel

Tresorschlüssel

Erwin Krottenthaler, der dritte im Bunde der festangestellten Allrounder, ist unter anderem für die Finanzen zuständig. Und die sind sehr speziell, wovon die leichte Biegung in dem Tresorschlüssel zeugen mag. Zu 20 Prozent besteht der Etat aus öffentlichen Geldern, der Rest muss selbst erwirtschaftet werden, aus Pacht, Vermietung, Mitgliedsbeiträgen, Eintrittsgeldern. Auf allen Ebenen steigen die Ausgaben, von den Briefmarken angefangen bis zu den Honoraren. Stefanie Stegmann und ihr Team arbeiten nach einem Förderschlüssel von eins zu fünf: Jeder Euro, den das Land oder die Stadt ins Haus steckt, wird aus eigener Kraft verfünffacht. Mit drei hauptamt­lichen Mitarbeitern kommt man da an ­seine Grenzen.

Kafka-Shirt

Kafka-Shirt

Die Beschäftigung mit Comics hat im Haus an der Breitscheidstraße eine lange Tradition. Mit dem seit dem ­letzten Jahr aus­gelobten Comicbuchpreis der Berthold-Leibinger-Stiftung hat sie Rückenwind erhalten. Eines der größten Projekte, das der mit der Pflege des Genres betraute Erwin Krottenthaler bisher gestemmt hat, ist „Kafka in Komiks“. Alles, was die Steckdose (siehe oben) symbolisiert, kommt hier zum Tragen: die Vernetzung mit Marbach, tschechischen Musikern, dem Schauspiel hat eine Produktivität entfaltet, der sich eine Ausstellung, eine CD und ein Theaterabend verdanken. Von der überregionalen Strahlkraft des durch die halbe Welt getourten Projekts können sich die Stuttgarter am Samstag im Stuttgarter Schauspielhaus überzeugen – und mit dem Herzen hören und der Seele sehen.




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