Literaturkritiker Denis Scheck in Waldenbuch Die prosaische Rehabilitation der Gurke
Der Literaturkritiker Denis Scheck kocht und isst gerne. Im Museum Ritter in Waldenbuch (Kreis Böblingen) servierte er deftige Geschichten und duftige Sprachbilder.
Der Literaturkritiker Denis Scheck kocht und isst gerne. Im Museum Ritter in Waldenbuch (Kreis Böblingen) servierte er deftige Geschichten und duftige Sprachbilder.
Wenn Denis Scheck sich als Feinschmecker zu erkennen gibt, sollte man mit einem gewissen Maß an Exzentrik rechnen. Scheck, man erinnert sich, vertritt schließlich auch die Auffassung,Carl Barks und Charles M. Schulz hätten bessere Literatur geschaffen als Goethe und Schiller. Der rührige Kritiker, Übersetzer und Agent schrieb ein Buch über gehobene Verkostung und alles, was mit ihr zusammenhängt. „Schecks kulinarischer Kompass“ erschien vor zwei Jahren, zählt rund 300 Seiten und bringt Kolumnen des belesenen Küchenfreunds mit neueren Schriften zum Thema zusammen.
Am Sonntagabend las Denis Scheck im Museum Ritter in Waldenbuch in der aktuellen Sammlungspräsentation „Hommage à la France“; er folgte einer Einladung der Kuratorin Hsiaosung Kok. Bei seinem Auftritt in einem kleinen, vollen Saal, sitzt er vor einer Skulptur des Künstlers Daniel Buren, betitelt „Cadre décadre 19 D3“. Er verweilt nur kurz in Frankreich, zieht weite Kreise, türmt Rezepturen, Gerichte, Namen von Zutaten und deren Geschichte auf, Schilderungen von Küchengerätschaften. Ein Schmecker des Wortklangs und der Geschichten ist er zweifelsohne auch; er inszeniert seine Lesung als eine heiter unbescheidene Plauderei, bei der man mithin mehr über den Autor erfährt, als über dessen Speisen.
Denis Scheck wurde 1964 in Stuttgart geboren. Er erzählt, dass sein Weg zur Literatur über Science-Fiction und Fantasy führte, dass er früh schon ein eigenes Magazin zum Thema herausgab. Für den jungen Denis Scheck, sagt Denis Scheck der Ältere, sei der Playboy der Inbegriff einer literaturkritischen Zeitschrift gewesen. Dorthin verkaufte er die Übersetzung eines Textes eines amerikanischen Freundes; den Münchner Kennern fiel offenbar nicht auf, dass sie es mit einem 13-Jährigen zu tun hatten. Sodann mischte der junge Scheck sich unter Stuttgarter Übersetzerkreise, erwarb sich den Ruf eines der Psychiatrie entsprungenen, wurde geduldet und durfte schließlich als Erster ins neu erbaute Schriftstellerhaus einziehen, wo ihm ein üppig ausgestatteter Weinkeller zur Verfügung stand, während er sich auf sein Abitur vorbereitete.
Es klingt fantastisch, wie Denis Scheck seinen Werdegang schildert, aber erfunden ist er sicherlich nicht ganz – und Denis Scheck spricht davon mit demselben Hochgenuss, mit dem er sicher auch die besten Froschschenkel seines Lebens verzehrte, im Restaurant Le Jules Verne nämlich, untergebracht in einem der Beine des Eiffelturms. „Es hat durchaus etwas von einem Angeberladen und ist folglich eher ein Tummelplatz für protzsüchtige Windbeutel“, sagt er. „So wundert es auch nicht, dass Emmanuel Macron dort vor einem Jahr mit Donald und Melania Trump Essen ging.“ Dort erlebte Denis Scheck eine Szene, die ihm stärker noch im Gedächtnis blieb, als die Froschschenkel - den erbitterten Streit zwischen einem schwulen amerikanischen Ehepaar und einem Garderobier. „Seulmont pour madame“, sagte der Garderobiere – „Nur für Damen“ – und verweigerte die Herausgabe eines Küchengeschenkes, einer Madeleine – duftendes Gebäck, in orangen Seidenstoff verpackt. „That’s unfair!“, tönte das Paar zurück – „Ein echtes Küchendrama, opernreif!“, sagt Denis Scheck und denkt an Szenen in einem Asterix-Comic. Scheck geht gerne alleine Essen und lobt diese Eigenart, obschon er damit in den USA als Verlierer gelten würde. „Ich hielt die Gurke für den vierten Aggregatszustand von Wasser“, gesteht er außerdem. „Ich war Opfer einer klassischen Konditionierung.“ Nun schwärmt er von säuerlichem Rote-Beete-Tartar mit Meerrettich, getrüffeltem Zwiebelgratin mit Haselnuss, von Fenchelscheiben, in Salbeiwasser leicht pochiert, von Gurken in Dillblüten und Salzzitronen, von Kaiserschoten, mit Minze, Kartoffeln und Pistazien gefüllt, vom Lauch als „sensationellem Teamplayer mit schwarzem Trüffel“: Lauter Küchengedichte prosaisch aufgefächert.
Vom Trüffel, seinen Sorten, Preisen, Täuschungen singt Denis Scheck ebenfalls ein Lied; von der chinesischen Dschunke Tek Sing, die mit 1600 Menschen an Bord und einer wertvollen Porzellanfracht versank, erzählt er – und vom Onsen-Ei, das köstlich schmeckt, weil es in den heißen Quellen Japans gegart wurde. Legt seine Aussprache des Namens wirklich nahe, es könne sich tatsächlich um ein „Bonzen-Ei“ handeln? Manchmal scheint es so. Vincent Klink jedenfalls ist einer seiner Lieblingsköche, nicht zuletzt, weil er nicht Marathon läuft und folglich noch aussieht, wie ein Koch. Was Denis Scheck selbst gerne isst, ob nun alleine oder in Gesellschaft, das weiß man nach rund 90 Minuten seiner Lesungen nur in Ansätzen. Wohl aber, dass er es liebt, mit Wörtern zu spielen, die Essen meinen.